Full text: Hessenland (5.1891)

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Kirschenzeit, so führte sie allezejt ein paar 
Mäßchen derselben mit, — in Witzenhausen 
wachsen ja bekanntlich Kirschen genug — und 
steckte uns die Hände damit voll. 
Sv etwas macht Eindruck aus das Kinder 
gemüth. Doch noch etwas Anderes sollte bleiben 
deren Eindruck auf mich machen, und das will ich 
eben erzählen, um ihren Namen der Nachwelt 
zu überliefern. j 
In den Ferien wurden häufig Besuche in ^ 
Witzenhausen bei Freunden und Bekannten gemacht, 
wir spielten dann als Angehörige der Residenz 
dort drüben eine große Rolle. Wer fahren 
sollte oder wollte, wurde einem Fuhrniann oder 
gar der Post anvertraut, oder auch der Kochin. 
Ja, der. 
Wir waren frische Jungen, der Weg prachtvoll 
im Sommer, denn die Botenfrau ging nicht die 
große Landstraße, sondern schlug einen Seitenweg 
über die Nieste ein, — Nieste, ein Dorf und ein 
kleiner Bach führen diesen Namen, wie ich für 
nicht heimische Leser bemerke — der durch schattige 
duftige Laubwälder führte und außerdem zwei 
Stunden früher an's Ziel gelangen ließ, und 
wir trotteten dann singend und jubelnd neben > 
der Alten her, deren Fürsorge wir übergeben 
waren. Und die Alte führte ein strenges Kom 
mando. Weder durften wir mit den Bauern 
jungen raufen, wozu wir leider sehr geneigt 
waren, noch in die wogenden Getreidefelder 
rennen, besonders aber nicht trinken, wenn wir 
erhitzt waren, auch keinen Abstecher in die Wälder 
machen, die uns aus ihren Augen führten. Wir j 
hatten auch Respekt genug vor der Alten, um j 
nicht gar zu arg über die Stränge zu schlagen, ! 
schließlich hätten wir ja auch unsern Weg allein ! 
gefunden, aber ohne Kochin ging's damals nicht, i 
die Spritztour nach Witzenhausen wurde nur ' 
unter oberster Aufsicht der Alten erlaubt. j 
Das Weihnachtsfest war vorüber und wir! 
waren dringend nach Witzenhausen zu unsern! 
Freunden geladen. Acht Tage Ferien waren! 
vor uns und die Kochin hatte die Einladung I 
mitgebracht mit der Bemerkung, wir sollten uns 
die Weihnachtsgeschenke selber holen. Also nach 
Witzenhausen. Die Erlaubniß zur Reise war den 
Eltern bald abgeschmeichelt, aber wie hinkommen, 
es war Winterszeit, und was im Sommer gestattet 
war, war es noch lange nicht zur kalten Jahres- \ 
zeit. Post? Nein, da sitzen wir vier Stunden 
eingepfercht in dem alten Kasten und frieren, 
akif dem Frachtwagen, der womöglich zehn Stun- ! 
den brauchte, erst recht, also wollen wir mit der | 
Kochin gehen. Es waren herrliche Wintertage, i 
die Alte hatte den Herweg gut gefunden — also ! 
warum nicht — man konnte uns ihr auch im j 
Schnee anvertrauen. So zogen wir denn an 
einem frischen Wintermorgen, wohlbepackt mit 
allerlei Viktualien unter dem Convoi der Alten 
zum Leipziger Thore srohgemuth hinaus, der 
Fritz, der August und ich, alle aus dem Töpfen- 
markt zu Hause. 
Es war ein herrlicher Morgen, windstill, nicht 
allzu kalt, so recht angethan in kecker Lebenslust 
hinauszustürmen. 
Noch nicht weit von der Stadt entfernt, wir 
waren kaum eingebogen in den Seitenweg, der nach 
der Nieste führte, begegnete uns ein Bauer, der 
von dort kam. „Bim» jour“, klang sein Gruß, 
„Bann jour“, sagte die Alte, denn zu jener 
Zeit grüßte kein Bauer in unserer Gegend 
anders, es waren Ueberbleibsel aus der Zeit der 
Franzosenherrschast, dieser Gruß und noch einige 
andere nicht gut mittheilbare Ausdrücke. Also 
„Bunn jour“ sagte mein Bauer. „Ueber die Nieste 
kommt Ihr heute nicht." 
„Mille toimerre8!“ brummte unsere Kochin, 
denn das war ihre Art, wenn sie böse wurde, 
es wird sich später zeigen, woher sie das hatte. 
„Mille tonnerres ist Schnee gefallen?" 
„Es hat vorige ganze Nacht dort oben geschneit 
und der Wind hat Alles in den Thälern und 
auf dem Wege zusammen getrieben. Ihr kommt 
nicht durch." 
„8acrel>leu! das fehlt noch, und da habe ich 
die Jungen. Hier hat's nicht geschneit. Was 
nun? die Landstraße gehen ? Vier starke Meilen, 
und da liegt am Ende auch Schnee? Also Ihr 
meint, Ich komme nicht durch?" 
„Ich komme eben von der Nieste, Kochin, die 
Wege sind voll Schnee." 
„Na, wie seid Ihr denn durchgekommen?" 
„Nu ich — ich komme schon durch — ich bin 
ein Mann und habe keine Keetse." 
„Wo Ihr durchkommt, komme ich schon lange 
durch", sagte die Alte, die sich in der That. trotz 
Ihres hohen Alters, einer eisenfesten Körper 
konstitution erfreute. „Ich muß hin, und die 
Straße gehe ich nicht." 
„Na, ich habe es Euch gesagt", sagte der 
Bauer, „nun macht, was Ihr wollt. Bunn jour!“ 
und er schritt weiter. 
„Nun, Jungen, macht, daß Ihr wieder nach 
Hause kommt, Euch kann ich nichk mitnehmen." 
Uns faßte Entsetzen bei dieser kategorischen 
Erklärung. Zuerst legten wir uns auf's Bitten, 
und als diese die Alte nicht erweichten, wurden 
wir trotzig und erklärten ihr, wir würden auf 
jede Gefahr mitgehen. 
„Wo Du durch kommst, kommen wir auch 
durch" sagte Fritz „und wir gehen nicht nach 
Hause. Nimmst Du uns nicht mit, gehen wir 
allein." 
Wir stimmten ihm entschlossen bei.
	        

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