Full text: Hessenland (5.1891)

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lich zu einem befriedigenden Ergebniß führten. 
Im Jahre 1768 war man so weit gekommen, 
daß der Landgraf für vier Leuchter, welche ihm 
Waitz überschickt hatte, feine vollste Zufriedenheit 
aussprechen konnte. Es verdient erwähnt zu 
werden, daß von 1769 bis 1771 der später so 
berühmt gewordene Pferdemaler Johann Georg 
Pforr als Maler in der Fabrik beschäftigt 
war. Im Jahr 1769 wurde die Inspektion 
einem vorher als Direktor in der Nassau-Saar- 
brück'schen Fabrik zuOttweiler angestellt gewesenen 
Porzellanmaler, Karl Gottlieb Grall aus 
Dresden, übertragen, der diese Stelle jedoch nicht 
lange behielt. In der Instruktion für denselben 
wird bestimmt, daß aus jedem Stück die Fabrik 
marke anzubringen sei; dieselbe war, wie der 
Kustos des kgl. Museums zu Kassel, Herr A. Lenz, 
vor wenigen Jahren erst festgestellt hat, der blau 
unter der Glasur aufgemalte hessische Löwe. 
Auch die Arbeiter, Former sowohl als Maler, 
sollten die von ihnen fertig gestellten Stücke der 
Kontrolle wegen signiren. Vieles, vermuthlich aus 
späterer Zeit, ist ohne Marke; auch Stücke mit 
116 (Hessen-Cassel) kommen mitunter vor. Die 
Fabrik hatte sich inzwischen soweit entwickelt, 
daß im September 1769 durch die „Cassel'sche 
Polizei- und Kommerzienzeitung" bekannt gegeben 
wurde, es seien nicht nur „komplette chunt und 
blaugemalte, gerippt und glatte Kaffee- und 
Theeservices rc." zu billigen Preisen zu haben, 
sondern es würden auch daselbst solche Stücke 
verfertigt, wie sie etwa zu maugelhaften Services 
bestellt werden möchten. Aus den Brandzetteln 
ist zu ersehen, daß außerdem eine ziemliche An 
zahl von Figuren. Thieren und Gruppen damals 
verfertigt wurde, wie z. B. Briefträger. Schäfer 
und Schäferin, Frauenzimmer mit Flöte, mit 
Laute, Jäger. Bauernjunge, Elendsthiere, Ochsen, 
Kameele, die Herbstgruppe als „ein sitzend Frauen 
zimmer nebst einem Kinde auf einem Ziegenbock 
reitend", die Bacchusgruppe mit zwei Kindern, 
die Entführung der Europa u. s. w. 
«Fortsetzung folgt.) 
ie Kolenfrau. 
Line Iugenöerinnerung von Franz Treller. 
Die alte Kochin ist nun schon längst todt. 
Ich war ein Knabe, da war sie schon in den 
Siebenzigern und hatte schneeweißes Haar. Ich 
glaube, es sind seitdem alle Botenfrauen aus 
gestorben, wie die alten Fuhrleute, welche von 
der Ostsee bis an's schwarze Meer mit der 
Peitsche knallten und auf ihren großen, mit 
vier starken Pferden bespannten Planwagen den 
Waarenverkehr vermittelten. Die Neuzeit mit 
ihren Eisenbahnen und Telegraphen und sogar 
Telephonen und was von solchem Zeug noch 
kommen wird, nivellirt Alles. Ueber kurz oder 
lang fahren wir durch die Luft, und dann erscheint 
uns die Botenfrau wie ein vorsündfluthiges 
Geschöpf, dessen Spuren man höchstens im 
Miocän wahrnehmen kann. Die Individualitäten 
verschwinden und nur noch Gattungen bleiben 
bestehen. Ja — das ist der Fortschritt. Besser 
wird's mit diesem Fortschreiten freilich nicht. 
Um aber wieder auf die Botenfrau zu kommen, 
es war ein herrliches Institut. Diese alten 
Weiblein verbanden Stadt und Land in vor 
trefflicher Weise. Stark, das mußten sie sein, 
treu natürlich auch, willig erst recht, fleißig 
selbstverständlich, ersetzten sie der Boten viele. 
Im kleinen Landstädtchen, drei Meilen von der 
Residenz oder Provinzstadt wohnt sie, und zwei 
mal wöchentlich macht sie die Keetse, wie man 
bei mir zu Lande sagt, den Tragkorb auf hoch 
deutsch, schwerbepackt auf dem Rücken die drei 
Meilen. Da gehen kleine Packete, Briefe u. s. w. 
hin und her. sie kauft im Aufträge in der 
größeren Stadt allerlei ein, was theils gar nicht, 
theils nur theuer im kleinen Ort zu haben ist: 
Bänder, Stoffe, Konfekt zum feinen Damen 
kaffee, Putz. Da sind Aufträge aller Art aus 
zuführen, Bestellungen auszurichten, selbst den 
Postillon d'Amour spielt sie und überbringt dem 
beim Militär stehenden Burschen ein paar Zeilen 
und eine Wurst von seinem Schatze oder der 
fürsorglichen Mutter. So mannigfaltig waren 
ihre vielbegehrten Dienste. 
Sie sind ausgestorben, die braven alten Weiber, 
die zuverlässig und pünktlich den Verkehr im 
Lande besorgten, unbeschadet der Thurn und 
Taxis'schen Post und anderer Verkehrsmittel. 
Es war ein schwerer Dienst und warf wenig 
ab, aber er nährte doch seine Frau. Die alte 
Kochin war die Perle aller Botenweiber. Sie 
mag wohl länger als dreißig Jahre zwischen 
meiner Vaterstadt und Witzenhausen, Sommer 
und Winter bei jedem Wetter, schwerbepackt hin 
und her gewandert sein, und Jung und Alt kannte 
sie. von Witzenhausen bis Kassel. War die
	        

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