Full text: Hessenland (5.1891)

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Schicksal eine glückliche Zukunft. Natürlich stellt' 
sich dann auch im rechten Augenblicke der un 
vermeidliche Opferaltar ein und entzündet sich 
mit Inschrift und Opferflamme. Der Chor singt: 
Ist das Rettende gelangen. 
Nun, so werde Dank gesungen, 
Jede Freude werde kund !, 
Hör', o Fürst sie — Herz und Zungen 
Sind bei uns in Einem Bund! 
Die Nixe aber, eingedenk, das; die Fulda auch 
an Kassel vorüberfließt, singt: 
Wie mit andere» Gefühlen 
Treib' ich fröhlich nun die kühlen 
Wellen aus der alten Bahn! 
Bist du fern, die Ferne find ich, 
Und die neuen Kinder bind' ich 
Fester deinem Herzen an! 
Das mit den „kühlen Wellen" war im bild 
lichen Wort ein Mißgriff! Der Chor fällt dann 
noch einmal ein und der Vorhang herab. 
Dies im allgemeinen der Gang des Festspiels! 
Der Titel desselben: „Die Erfüllung" hatte 
etwas diplomatisch Feines. Die Musik, wirksam 
und ansprechend, rührte von dem als Komponisten 
rühmlichst bekannten Kantor Michael Henkel her. 
Unglücklicherweise war die Nixe die einzige 
Frauenrvlle in dem Spiele, und dies eregte einen 
kleinen Neid oder Eifer bei den übrigen Damen 
des Liebhabertheaters. Entweder daß auch sie 
gern an diesem Tage ihre Huldigung darbringen 
wollten, oder daß man sich das Erstaunliche da 
von versprach, an dem Festabende ein Stündchen 
in der Maisonne der fürstlichen Huld und An 
erkennung zu verweilen. Mairegen und Sonne 
gelten ja für ungemein fruchtbar. Genug, man 
verlangte die Zugabe noch eines Stückes, das sich 
gut besetzen ließe. Die Regie war in Verlegen 
heit, aber es erschien grausam und ungerecht, 
den Verlangenden zu sagen: Ihr bleibt aus der 
fruchtbaren Sonne fort! Nun aber eingenommen 
von so Vielem, beengt bei der Auswahl eines 
Stückes von Erwägungen aller Art, thaten wir 
zuletzt, schreibt Heinrich Koenig, um es recht 
gut zu macken, gerade den ungeschicktesten Griff 
nach einem Lustspiel voller Plattheiten, — so 
verblendet dabei, daß wir in den wiederholten 
Proben auch gar nichts von den Unziemlichkeiten, 
ja von manchem Anzüglichen darin bemerkten. 
So spielte der Zopf, dies vielbelächelte Wahr 
zeichen des alten Herrn, eine Rolle im Stücke, 
und es war von einem aufzuhauenden Knoten 
die Rede, was leicht an das auffallende Gewächs 
an der Wange und dem Halse des Fürsten er 
innern konnte. 
Alles war denn endlich eingeübt und schlag 
fertig. Am Abend erschien der Kurfürst und 
der Kurprinz mit Gefolge und nahmen die er 
höhten Sitze ein. Das Festspiel lief ohne An 
stoß ab und hinterließ den besten Eindruck. Es 
hätte für den Tag und für den Geschmack beider 
Fürstlichkeiten dabei bleiben sollen. Nun kam 
aber das Lustspiel, und es bedurfte gerade der 
feierlichen Stimmung vor und hinter den Bühncn- 
lampen, um die Mitspielenden endlich, wiewohl 
zu spät, hellsehend über ihren Mißgriff zu macheu. 
Doch hielt der „Herr" allergiiädigst aus, uud 
als hinter ihm her das Haus sich entleerte, lag 
die herrlichste Mainacht über dem Schloßgarten 
und athmete im jungen Grün der Lindenallee. 
Die Höflinge, welche Verbindungen in der Stadt 
hatten, sprachen sich sehr höflich über die aller 
höchste Aufnahme des Festspiels ans. Sie lächelten 
über das nachgehinkte Stück und fanden nun zu 
den vielen Anzüglichkeiten, die von den Mit 
spielenden selbst entdeckt worden waren, sogar 
im Titel des Stückes: „Drei in Einem" noch 
eine politische Anspielung ans die Theilung des 
Fürstenthums Fulda unter drei regierende Herrn. 
Als die Dilettanten und Festgeber sich endlich 
über das Glück und das Mißgeschick des Abends 
beruhigt hatteu, fiel ihnen doch ein, daß ein 
huldvolles Wort, ein allergnädigster Dank des 
Kurfürsten nicht erfolgt war, und sie dachten an 
den Fürstprimas. — „Ist kein Dalberg da?" 
schließt Heinrich Koenig seinen Bericht über den 
Festabend. — 
Am 25. Mai erfolgte die Abreise des Kurfürsten 
Wilhelm nach Hanau. Der braven Stadt Fulda 
hinterließ der sonst so karge Fürst ein Gnaden 
geschenk von tausend Gulden. Kaum aber war 
der Kurfürst nach Kassel zurückgekehrt, so wurde 
auf allerhöchsten Befehl dem Verein der Musen 
freunde in Fulda die Benutzung des schönen 
Orangeriegebüudes zu theatralischen und musi 
kalischen Vorstellungen u. s. w. vollständig ent 
zogen. Und nur einmal noch war dasselbe in 
hessischen Zeiten dem Publikum geöffnet, das 
war im Jahre 1848. 
Die Festlichkeiten zu Ehren des Kurfürsten 
in Fulda waren von dem prachtvollsten Wetter 
begünstigt worden. Es waren herrliche Mai 
tage, in denen der Himmel die Erde küßte. 
Kurz darauf aber trat Jupiter Pluvius seine 
Herrschaft an und unerschöpflicher Regen drohte 
alle Blüthe und Hoffnung des Jahres zu 
ersäufen. — So begann die neue hessische Aera 
mit der traurigen Ernte des Jahres 1816. Die 
Angst vor dem darauf folgenden Hungerjahre 
war groß und mancher unzufriedene Fuldenser 
betrachtete das als eine üble Vorbedeutung und 
bangte um die politische Zukunft der Stadt. 
Und so ganz Unrecht sollten die Schwarzseher 
gerade nicht behalten.
	        

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