Full text: Hessenland (5.1891)

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Da entdeckte sich in der älteren Fuldaischen 
Geschichte eine kleine Begebenheit, die sich als 
vorbedeutsam in Bezug auf den jetzigen politischen 
Vorgang mit leichter Feder und Erfindung zu 
einem kleinen Theaterspiel verarbeiten ließ. — 
Beim Ausbruche der Reformation war näm 
lich Hartmann von Kilchberg, früher Domherr 
in Mainz, Fürst und Abt zu Fulda — ein 
Mann von Kenntnissen, angesehen beim Kaiser 
Maximilian und dem päpstlichen Legaten Rai 
mund, mehr aus politische als geistliche Dinge 
gerichtet, unthätig beim Eindringen der neuen 
Lehren auf verschwenderischem Fuße lebend. 
Einem solchen Manne kam es erwünscht, daß der 
ihm besreundete Abt Volpert von Riedesel in Hers 
feld, müde der Streitigkeiten mit seinen Geistlichen 
und den Abteiuntergebenen, sich mit ruhigem 
Einkommen zurückzuziehen wünschte. Hartmann 
ergriff die Gelegenheit, Hersfeld mit Fulda zu 
vereinigen. Der Kaiser stimmte zu und ver 
wendete sich dafür in Rom, nur die Hersfelder 
selbst widersetzten sich. Hartmann aber unter 
warf sich dieselben mit bewaffneter Hand, legte 
eine Besatzung auf den nahen Petersberg und 
ließ seinen Dechanten Philipp Schenk von Schweins 
berg als Statthalter zurück. Also auch hier ein 
Schenk! — Dies der historische Boden. 
Mit dem bewaffneten Zug gegen Hersfeld 
beginnt das Festspiel. Ritter und Knappen 
lagern beim Imbiß an der Fulda, die bekannt 
lich auch bei Hersfcld hinzieht. Man bespricht 
»ach munterem Gesang das Vorhaben des Abtes 
und die Lage der Dinge, bis die nahen Pferde 
unruhig, schnaubend, ja ausreißend eine geister 
hafte Erscheinung wittern. Unter säuselnden 
Tönen erhebt sich die Nixe der Fulda, um das 
Mißlingen des Unternehmens, das Zerfallen der 
Vereinigung vorauszusagen: 
Voreilig ausgepflegt zerfällt das Werk. 
Doch eine hohe Bedeutung hat es: es bleibt 
Ein flüchtig Bild der künftigen Gestaltung. 
Und nun verkündet sie feierlich 
Den Buchen und der Katten Nachbarstämmc 
Wird ein geliebter Fürst verbinden, mächtig 
Der Grenze heilig tiefe Furche tilgen! 
Den Namen und die Zeit dieses Fürsten will 
sie nicht nennen und gibt nur als Wahrzeichen 
den Namen Schenk, den jenes wie des jetzigen 
Fürsten Bote tragen werden. Ihre Weissagung 
malt sich aus in achtversigen Strophen und 
steigert sich zu stürmischem Gesänge, mit dem 
sie den Sturm schwerer Zeiten verkündend, unter 
Blitz und Donner verschwindet. 
Im zweiten Akt treten in friedlicher Land 
schaft drei wackere Landleute auf. Das Ungestüm 
der Zeiten, der Fremden Druck ist vorüber, ein 
fruchtbarer Friede steht bevor unter mildem 
Szepter, den die Treue der Völker ihren Fürsten 
wiedererungen hat. Und gerade jetzt wollen sich 
die alten Nachbarn trennen: 
Verlassen ist das Land und ohne Herrn, 
Mich nimmt ein edler Fürst in seine Hände, 
sagt „Ulster", der nach Weimar zieht, 
Und südwärts schließ' ich mich an schöne Länder, 
erklärt der bayerisch gewordene Bauer „Sinn". 
— Vergebens sucht der fuldaische „Buchen" sie 
mit Hinweisung auf jene alte Weissagung fest 
zuhalten ; die guten Bauern nehmen das Gewisse 
für's Ungewisse, und „Buchen" schaut ihnen 
klagend nach: 
Sie geh'n gelassen fort und fühlen nicht 
Der Trennung Wunde, die noch lange brennt, 
Nur langsam heilend wird bei jedem Wetter 
Sie oft mit dumpfem Leide schinerzend werden. 
Da bringt ein fröhlicher Zug von Landleuten 
den alten und biedern Nachbarn Schenk herbei, 
der die Verlassenen und Verwaisten beklagt und 
das Glück preist, dessen sie unter ihrem wieder 
zurückgekehrten Fürsten froh sind. Da säuselt 
es im Schilfe, tönt es in den heitern Lüften, 
und die Nixe erscheint wieder — so hübsch und 
jung noch wie vor etlichen Jahrhunderten. — 
Ha! welch' ein Anblick! 
Im neuen Strahl der Sonne liegt 
Die Erde glänzend da! 
beginnt ihr Recitativ und geht in eine fröhliche 
Arie über, worin das Wohlgefühl, zwischen 
grünen Auen und blauen Himmel, zwischen Lust 
und Sehnen zu schwebe», sich ausspricht. Dann 
redet sie die erstaunten Landleute an, erinnert 
an die alte Weissagung, die unter ihnen sich fort 
geerbt, und auf „Buchen's" Frage, ob sich denn 
jetzt die glückliche Zeit erfülle, ruft sie aus: 
Seht ihr nicht an der Blumen frischem Glanze, 
Daß ich ein Fest euch schnell bereite? 
Seht ihr die Welle nicht in munterm Tanze, 
Die nie so fröhlich eilend gleitete? 
Mich selber schauet ihr in buntem Kranze, 
Wie ich entzückt die Arme breitete: 
Die neue Erde trunken zu empfangen, 
Trieb mich aus tiefen Fluthen das Verlangen. 
Nun weiß man ja schon, daß in einem Fest 
spiel ohne Blunlenkränze und Blumen auf keinen 
grünen Zweig zu kommen ist und daß daher 
auch Heinrich Koenig, wie er von sich selbst sagt, 
als junge Grasmücke nicht leicht anders zwitschern 
konnte, als wie die alten gesungen; und so fuhr 
denn die Nixe fort: 
Hier hab' ich in den trüb bewegten Tagen 
Zwei Nachbarbäume groß und breit gepflegt; 
Daß sie empor in weite Gegend ragen, 
Hab' ich mit jeder Sorge sie gepflegt. 
Zwei Völker werden so mit ihren Klagen 
Zn eines guten Fürsten Hand gelegt. 
Hat milden Boden erst ihr Stamm gefunden. 
Mit Liebe sind die Zweige bald verbunden! 
Und wie nun diese symbolische Handlung mit 
Kränzen und Gewinden vorgenommen wird, so 
faßt sich das frohe Völkchen Hand in Hand, 
und die Nixe segnet den Bund und erfleht vom
	        

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