Full text: Hessenland (5.1891)

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Juni Abschied. 
Den Freunden, die mir in so langen Tagen 
Mit Rath und Hilfe treugesinnt zur Seite, 
Den lieben Lesern auch in Näh' und Weite 
Sei mir vergönnt, nun Lebewohl zu sagen. 
Euch deren Gunst befeuernd mich getragen. 
Sei wärmster Dank, da ich von hinnen schreite; 
Erstanden nur auch Gegner wohl im Streite, 
So bitt' ich sie, des Grolls sich zu entschlagen. 
Der Jahre Last verscheucht mich von den Brettern, 
Darauf ich spielt' an jedem neuen Morgen 
Den lauten Herold geistbeseelter Lettern. 
Mit Wehmuth scheid' ich, aber ohne Sorgen, 
Von diesen mir an's Herz gewachs'nen Blättern — 
In bester Hand ja weiß ich sie geborgen. 
München, 31. März 1691. 
Htto ZLraun. 
Dr. Otto Braun steht gegenwärtig in seinem 
67. Lebensjahre Mehr als drei Dezennien hat 
unser verehrter hessischer Landsmann dem Redaktions- 
verbande der „Allgemeinen Zeitung" erst in Augs 
burg, dann in München, angehört, mehr als zwei 
Jahrzehnte hat er als Chefredakteur dieses Welt 
blattes gewirkt, und erst im Oktober 1889 be 
schränkte er wegen vorgerückten Alters seine Thätig 
keit an der Leitung der Zeitung mehr auf das stillere 
Arbeitsfeld der Beilage. Mit der größten Genug 
thuung kann er auf seine langjährige, angestrengte, 
erfolgreiche Thätigkeit zurückblicken; die wohlverdiente 
Anerkennung für seine ausgezeichneten publizistischen 
Leistungen ist ihm in reichem Maße zu Theil ge 
worden. Kein Wunder, zählte er doch zu den her 
vorragendsten Redakteuren, welche die „Allgemeine 
Zeitung" seit ihrer Gründung zu Anfang dieses 
Jahrhunderts besessen. 
Zu Weihnachten v. I. gab Otto Braun den 
„Cotta'schen Muse n-A lman ach für das 
Jahr 1891“ heraus Es ist dies eine Sammlung 
von Prosadichtungen, poetischen Erzählungen und 
Balladen, lyrischen Dichtungen, Fabeln, Sprüchen 
und Epigrammen hervorragender Dichter der Gegen 
wart, worauf unsere Leser aufmerksam zu machen 
wir nicht Unterlasten wollen. Möge unser reich be 
gabter hessischer Landsmann die Freunde in seinem 
Heimathlande recht bald auch mit der Herausgabe 
seiner eigenen Dichtungen erfreuen, unter denen, wie 
wir wissen, wahre Perlen echter Poesie sich befinden. 
Der Konsistorial - Präsident Dr. theol. E r n st 
von Weyrauch in Kassel ist zum Unterstaats 
sekretär und Direktor im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten ernannt 
worden. Es ist ihm damit als Nachfolger des zum 
Präsidenten des Oberkirchenraths bestellten bisherigen 
Unterstaatssekretärs Barkhausen speziell auch die 
Leitung der kirchlichen Abtheilung des Ministeriums 
übertragen worden. Seine neue Stellung wird er, 
wie verlautet, am 4. Mai antreten. Ernst Weyrauch 
ist am 3. August 1832 zu Neukirchen geboren. 
Seine Gymnasialstudien machte er mit außerordent 
lichem Erfolge in Marburg unter Vilmar, zu dessen 
Lieblingsschülern er zählte. Kaum siebzehnjährig 
bezog er die Landesuniversität, um Rechtswissenschaft 
zu studieren. Nach glänzend bestandenem Fakultäts 
und Staatsexamen war er Referendar am Ober- 
gericht zu Fulda, trat dann zur Verwaltung 
über und machte in Folge seiner hervorragenden 
Begabung eine ungewöhnlich rasche Karriere. 
Im Jahre 1864 war er Regierungsassessor und 
Hilfsarbeiter im Ministerium des Innern, 1865 
Generalsekretär des kurfürstlichen Staatsministeriums 
und betraut mit dem Bortrag im Zivilkabinet 
des Kurfürsten, im Jahre 1866 wurde er zum 
Legationsrath und vortragenden Rath im Ministerium 
des kurfürstlichen Hauses und der auswärtigen An 
gelegenheiten ernannt. Nach der Einverleibung Kur 
hessens in Preußen war er kurze Zeit bei der Re 
gierung in Hanau beschäftigt und wurde hiernach 
Landrath des Landkreises Kassel. In dieser Stellung 
verblieb er bis 1681, in welchem Jahre er zum 
Konsistorial-Präsidenten befördert wurde. Im Jahre 
1888 wurde er vom Kaiser. Friedrich in den Adel 
stand erhoben und die theologische Fakultät der Uni 
versität Marburg verlieh ihm die Doktorwürde 
honoris causa. In den Jahren 1879 bis 1882 
gehörte Weyrauch als Mitglied der deutsch-konser 
vativen Partei dem preußischen Abgeordnetenhause an, 
und seit 1887 ist er Reichstagsabgeordneter für den 
Wahlkreis Kassel-Melsungen. Durch seine Ernennung 
zum Unterstaatssekretär erlischt sein Mandat. Es kann 
nicht Wunder nehmen, daß ein Mann in so exponirter 
Stellung, wie Dr. E. von Weyrauch, auch seine Gegner, 
namentlich auf politischem Gebiete, hatte, aber auch 
diese werden seiner hohen Intelligenz, seinen reichen 
Kenntnissen und seinen liebenswürdigen Charakter 
eigenschaften ihre Anerkennung gewiß nicht versagen. 
In der am 27. April zu Kassel abgehaltenen 
Monatsversammlung des Vereins für hessische 
Geschichte und Landeskunde machte der Vor 
sitzende Major a. D. von Stamford zunächst ge 
schäftliche Mittheilungen. Der Verein hat danach 
fünf neue Mitglieder gewonnen, dagegen zwei ver 
diente Mitglieder, Generalkommissions - Präsident 
Wilhelmy und Oberst z. D. Boedicker, durch den Tod 
verloren. Verschiedene werthvolle Geschenke sind dem 
Verein zugegangen u. A. von Joseph Schwank in 
Frankfurt a. M. sieben Bilder hessischer Landgrafen, 
vom Freiherrn von Eberstein ein Exemplar des von 
diesem herausgegebenen Werkes der Geschichte des 
Feldmarschalls Ernst Albrecht von Eberstein im 
zweiten dänisch-schwedischen Kriege u. s. w. Hier 
nach hielt Oberstlieutenant z. D. von Stamford 
aus Detmold den angekündigten Vortrag über 
„Soodens älteste Geschichte", der beifällige Aufnahme 
fand.
	        

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