Full text: Hessenland (5.1891)

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Pachtsumme von 900 Thalern im Voraus ent 
richten. Aus einem Schriftstück aus deni Jahre 
1714 ersehen wir, daß die zum Porzcllanbacken 
nöthige Erde aus der Wehlheider Gemarkung ge 
nommen wurde. Mehrere Bauern beschweren sich 
nämlich darüber, daß ihnen die Erde ohne Ent 
gelt genommen werde, obschon dadurch ihre 
Ländereien verschlechtert würden. Im September 
1717 gab Houttem die Sache auf, weil er angeb 
lich bereits 4000 Thaler zugesetzt habe; Streitig 
keiten mit seinem Schwiegersohn Franz Janson 
aus Antwerpen, den er als Theilhaber angenommen 
hatte, hatten ihm den weitern Betrieb verleidet. 
Auch vor Uebernahme der sechsjährigen Pacht 
waren ihm durch einen nach Kassel verschriebenen 
Porzellanmaler Jan de Kooning Unannehm 
lichkeiten entstanden; es scheinen überhaupt, wie 
aus vorliegenden Untersuchungsprotokollen zu er 
kennen ist, die fremden Arbeiter meist wüste 
Gesellen gewesen zu sein. 
Um 1718 gerieth die Fabrik in Stillstand; sie 
wurde, nachdem sich Unterhandlungen mit dem 
Kommerzien-Kommissarius HeinrichFriedrich 
von Horn aus Braunschweig zerschlagen hatten, 
endlich 1719 an einen Kasseler Bürgerssohn, 
Namens Johann Heinrich Koch, welcher in 
ihr seine Lehrzeit bestanden hatte, für 20 Thaler 
pro Jahr verpachtet. Derselbe konnte jedoch 
wegen mangelnder Geldmittel nichts Besonders 
leisten und gerieth 1724 in Konkurs. Es über 
nahm sie hernach Johann Christoph Gilze, 
von Geburt ein Hesse, der 14 Jahre, wie er in 
seinem Gesuch angibt, in der Braunschweiger 
Manufaktur Meister gewesen war.') Ihm gelang 
es, die Fabrik wieder in die Höhe zu bringen 
und bis zu seinem 1735 erfolgten Tode zu be 
haupten. Im ersten Vertrag (vom 8. Juni 1724) 
wurden ihm besonders günstige Bedingungen ge 
währt, namentlich heißt es darin: „7) Ist dem 
Beständer dieße pfachtung auf fünff jähr und 
zwar ohne einig pfachtgeld, umb solche wiederumb 
in guten stand und aufnehmen zu bringen ein- 
gewilliget worden." Bei der am 15. April 1729 
erfolgten Verlängerung wird ihm «ul» 9 aufge 
geben: „hat sich der Fabrique nach bestem ver 
mögen zu bedienen, daneben aber sich jederzeit 
auch guter und tüchtiger Waare zu befleißigen^ 
anbey zu suchen, daß solche noch mehreres ver- 
beßert und wenigstens etwas recht feines gemacht 
werde". Ein 1726 aufgenommenes Inventar 
belehrt uns über die Betriebseinrichtungen und 
ergibt sich daraus, daß die in der Schäfergasse 
liegenden Gebäulichkeiten ziemlich umfangreich 
i) Man hatte vorher auch nach Delft geschrieben, um 
von dort einen Meister zu gewinnen, und danach mit zwei 
Porcellainmachern, Samuel und Johannes Sieg 
fried, in Unterhandlung gestanden. 
waren. Ein Vorderhaus mit 5 Fenstern Front, 
Mittelgebäude, worin die Maler- und Glasur 
stuben, Seitengebäude und Hinterhaus mit einer 
durch ein Pferd getriebenen Glasurmühle, sowie 
ein altes und neues Brennhaus waren vorhanden." 
Gilze's Waaren sind mit einer aus H mit 
angehängtem L (= Hessenland) gebildeten Marke, 
unter welcher sich noch der Buchstabe 6 befindet, 
gezeichnet; sie zeigen eine Bemalung in selbst 
ständigem, deutschen Geschmack, während frühere 
Stücke (zum Theil auch mit der angegebenen 
Marke) sich noch unmittelbar an Delfter bez. 
orientalische Vorbilder anschließen. Sein Sohn, 
Fr. Ludwig Gilze, welcher seinen Angaben 
nach sich in Holland und Meißen ausgebildet 
hatte, übernahm im August 1735 den weiteren 
Betrieb und führte ihn bis kurz vor seinem am 
4. November 1740 erfolgten Tode unter großen 
finanziellen Schwierigkeiten fort.') Der da 
malige Kammerrath Waitz, dem als Chef des 
Berg-, Salz- und Hüttenwesens die Fabrik unter 
stellt war, hatte ihn zuletzt mit Geldmitteln 
unterstützt'Z und war dadurch genöthigt worden, 
sich weiter der Manufaktur anzunehmen. Diesem 
vorzüglichen Beamten ^) gelang es, die Fabrik 
nicht nur bis zum Jahre 1764 zu erhalten, 
sondern den Landgrafen Friedrich II. dafür zu 
interessiren, daß im Jahre 1766 eine ä cf) t e 
Porzellanfabrik auf herrschaftliche Kosten 
angelegt und damit verbunden wurde. Daß auch 
in der Zwischenzeit die Fabrik nur mit genauer 
Noth sich halten konnte, beweist Folgendes. Auf 
Veranlassung von Waitz waren der Fabrik von 
der Ausbeute des Richelsdorfer Bergwerks im 
Jahre 1741 einhundert Zentner Kupfer zur Ver 
werthung verabfolgt worden, und sollte der Be 
trag dafür innerhalb 3 Jahre vom Ueberschuß der 
I) Auch seine Stiefmutter bereitete ihm allerlei Aerger 
niß , namentlich dadurch, daß sie einem Christian 
Rupprecht aus Neuhaldensleben, welcher sie heirathen 
wollte, die Pachtung der Fabrik zuzuwenden und ihren 
Sohn daraus zu verdrängen suchte. 
2) In einem Bericht an den Landgrafen Friedrich I. 
aus dem Jahre 1741 sagt Waitz, daß er „zur Erhaltung 
dieser ihm committirten kadrique und um den ersten 
kleinen Vorschuß wieder herauszuziehen, unvermerkt einen 
weiteren Vorschuß von 1800 Thlr. habe darein stecken 
müssen". 
») Als während des siebenjährigen Krieges die Fran 
zosen Hessen besetzten und deshalb Landgraf Wil 
helm VIII. Kassel verlassen und sich nach Rinteln begeben 
hatte, übernahm der inzwischen zum Staatsminister empor 
gestiegene Waitz die Regierung und leistete dadurch seinem 
Vaterland wesentliche Dienste. Er gewann sich die Achtung 
von Freund und Feind in seltenem Maße. Kaiser Franz I. 
ehrte seine Verdienste durch Erheben in den Reichsfrei 
herrnstand und Friedrich der Große berief den hochbetagten 
Mann 1774 als königlich preußischen Staatsminister und 
Chef des Berg- und Salzwesens nach Berlin. Er starb 
aber bald darauf am 7. November 1776. Geboren war 
er zu Gotha im Jahre 1698.
	        

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