Full text: Hessenland (5.1891)

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Die Kenntniß der beiden vorstehenden Elegieen 
verdanke ich einer beinahe zufälligen Benach 
richtigung von Seiten der Münchener Königlichen 
Hof- und Staatsbibliothek, bei der ich nach 
Ausgaben der Epigramme des Cordus angefragt 
hatte. Anfangs glaubte ich, als ich den mir 
gänzlich unbekannten Titel las, an ein Miß- 
verständniß, fand aber, als mir von der genann 
ten Bibliothek das Schriftchen freundlichst ein 
gesandt war, daß die Elegieen wirklich ächte 
Gedichte des Cordus waren, die dieser 1516 
in Erfurt während einer längeren Krankheit nieder 
schrieb und veröffentlichte, daher erste mit dem etwas 
sonderbaren Titel „Krankheitsverse" (Leidens 
gedichte) bezeichnete. Keiner der bisherigen Bio 
graphen hat die beiden Gedichts auch nicht einmal 
ihren Titel gekannt und aufgeführt, und man muß 
daraus schließen, daß das Münchener Exemplar 
eines der wenigen vorhandenen, wenn nicht das 
einzige ist, das sich erhalten hat. Ein neuer 
Abdruck dürfte daher zweckmäßig und Vielen 
willkommen sein. Es schien hierbei aus manchen 
Gründen geboten, die ursprüngliche Orthographie 
in die heute übliche umzusetzen. 
Das Büchlein, durchgehends mit gothischen 
Lettern, Erfurt s. a., gedruckt, führt den Titel: 
Euricii Cordi ex Nosematostichis Elegiae duae 
altera ad discipul'os, altera ad Filios ut ad- 
discant. 
Idem discipulis suis. 
Ecce recurrentes Iani venere ealendae 
et colitur laeta festus in urbe dies. 
Ultro citroque volant missae per compita 
strenae, 
ut novus ad Votum faustiter annus eat. 
Dat quod quisque potest. Tenues, mea munera, 
versus 
an pläceant, dücet sacculus ipse mihi. 
Excussum Erphordiae per Matthaeum Maler. 
4°. 
Das Titelgedicht beweist, daß der Dichter 
seine Elegieen zu Neujahr 1517 an seine Gönner 
herumsandte, um eine klingende Gegengabe dafür 
einzutauschen. Es ging später auch in die 
2. Ausgabe der Epigramme über (1520. Epigr. II, 
82), in die erste (1517) nahm es der Dichter 
nicht auf, ohne Zweifel, weil er es eben bereits 
auf den Krankheitselegieen hatte drucken lassen. 
Daß diese letztern aber im Dezember 1516 er 
schienen, ergiebt sich daraus, daß die Widmung 
des ersten Buches der Epigramme, datirt 
Ostern 1517, deutlich darauf Bezug nimmt. 
Cordus schreibt nämlich an den Erfurter Dom 
herrn und Universitätslehrer Henning Goede, er 
habe diese Epigramme im „vergangenen Winter" 
als „trauriger Wassertrinker (aerumnosus aquae 
potor)" und obendrein krank niedergeschrieben. 
Auch in der zweiten Elegie V. 93 bezeichnet der 
Dichter sich als pauper aquae potor und in 
beiden beschreibt er seine Krankheit, die ihn nach 
dem Eingänge der ersten Elegie im Oktober (1516) 
befiel und drei Monate dauerte. Während seines 
langwierigen Krankenlagers beschäftigte er sich 
mit der Dichtkunst, schrieb Epigramme und die 
beiden Elegieen, ein Beweis, daß sein Zustand 
nicht so verzweifelt war, wie er ihn darstellt. 
Denn es ist klar, daß wir in den Elegieen eine 
poetische Studie vor uns haben, in der sich die 
geschichtliche Wahrheit den dichterischen Zwecken 
unterordnen muß. Der elegante , schöne und 
fließende Vers ist dem Dichter die Hauptsache 
uud er hat in der That — wenn man von 
wenigen vereinzelten Mängeln absieht, z. B. 
Elegie I, 78 non puto, quod —, I, 12 diffor- 
mis statt informis, ebenso II, 58 violetum 
untat. — eine schöne Probe seines Talentes ab 
gelegt. Das Thema, das er sich gestellt hat, ist 
das Lob der Wissenschaft und der Dichtkunst, 
daneben die Klage über seine Armuth. Und daß 
er in dem letzten Punkt nicht übertrieben hat, 
geht aus anderen gleichzeitigen Quellen, z. B. 
aus den Briefen Mutians, zur Genüge hervor. 
Die eingeflochtene Verherrlichung des Erasmus, 
der als ein zweiter Herkules die Hydra Bar 
barei .überwunden (I, 69) und dem auch die 
„alte Ehre der heiligen Religion" Vieles verdankt: 
führt ebenfalls auf das Jahr 1516, zu dessen 
Anfang das griechische Neue Testament des 
Erasmus, das so überschwänglich bewunderte 
Werk, erschienen war. 
Eine ähnliche Studie hatte Cordus schon im 
Jahr 1515 in Erfurt veröffentlicht. Es war 
das „Danklied an die hessischen Quellnymphen", 
die den Dichter bei einer Reise in die Heimath 
Simtshausen, Januar 1515, vor Wassersgefahr 
im Thale der Schwalm geschützt hatten. (Vgl. 
hierüber Krause, Eur. Cordus. Hanau 1863, 
S. 37 ff.) Auch hier hat er ohne Zweifel die 
Farben sehr stark aufgetragen, und man kann 
kaum sagen, was an der Schilderung von dem im 
Flusse forttreibenden, halbtodten Dichter Wahrheit 
oder Dichtung ist. Daß aber die letztere über 
wiegt, geht schon aus den heitern Scherzen her 
vor, mit denen des Dichters Freunde Mutianus 
Rufus und Eobanus Hessus das Gedicht auf 
nahmen. 
Eben aus diesem Dankliede lassen sich die 
Familienverhältnisse, die in unseren Elegieen 
vorausgesetzt werden, ergänzen. Die Söhne 
nämlich, an welche die zweite Elegie gerichtet ist, 
sind ohne allen Zweifel die beiden ältesten Söhne 
unseres Dichters, welche dem am 18. Februar 1515
	        

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