Full text: Hessenland (5.1891)

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auch schon im Jahr 1874 in Berlin neu an's Licht 
getreten ist, hebe ich eine Stelle hervor, welche 
für das schöne Geschlecht besonders ehrenvoll ist. 
„Beide Gedichte, nach obiger Reihenfolge II 
und III, haben mannigfaltige, nicht gemeine 
Schönheiten, daß die Wahl wohl in Verlegenheit 
setzen kann! — Doch erblicke ich in dem Gedicht III 
(des v. Wildungen) mehr Gabe der Erfindung, 
mehr Anordnung und Gestalt des ganzen Inhalts, 
mehr Gewandtheit des Jdeengangs, mehr Be 
stimmtheit und Kraft des Ausgangs und mehr 
Fertigkeit in der Versifikation. Es erscheint als 
ein vollständiges, richtig und mannigfach zer 
gliedertes Ganzes, welches bei dem Zwange vor 
geschriebener Endreime wahrlich! nicht wenig 
sagen will." Bürger schreibt ferner: „Schon 
hatte ich soweit geschrieben, als ich erst Gelegen 
heit fand, die drei Gedichte meiner schwäbischen 
Elise, der es nicht an Geist und ästhetischer 
Beurtheilungskraft fehlt, ohne weiteres nur ganz 
flüchtig vorzulesen. Der Laut meines Mundes 
war noch nicht verklungen, als sie schon für das 
von mir bevorzugte entschied. Eine solche Be 
stätigung mag nun freilich für viele hochgelahrte 
Herren wenig Kraft haben; aber wahrlich! 
wahrlich! ich sage euch, ihr hoch und tief gelahrten 
Herren! bei mir gilt in Geschmackssachen das 
Urtheil und die Entscheidung eines geistreichen, 
durch theoretischen Schulwitz noch nicht ver 
stimmten oder gar abgestumpften Weibes mehr 
als zehn nicht ganz schlechter Männer Urtheil. 
Kein Mann trifft das Fleckchen so schnell und 
sicher als ein wohlorganisirtes Weib. — Wenn Ihr, 
hochwcrtheste Herren in Marburg, etwa künftiges 
Neujahr euch wieder nicht um deu besten Wunsch 
solltet vertragen können, so fragt nur das nächste, 
das beste Weib von Geist und Empfindung. — 
Noch Eins! Nachdem ich durch Unpäßlichkeit 
einige Tage an der Vollendung dieses Gutachtens 
verhindert, während der Zeit aber in den Stand 
gesetzt worden bin, die drei Gedichte mehr als 
zwanzig Personen, Männlein und Fräulein, vor 
zulesen', so kann ich nunmehr» noch hinzufügen, 
daß auch nicht eine einzige Stimme für ein 
anderes als Nr. III sich erklärt habe. Ich kann 
nicht leugnen, daß ich nunmchro wissen möchte, 
wen von den dreien ich durch mein Uo8pon8um 
gestreichelt oder geharkt hätte. Gegen die Letzteren 
bitte ich mir von Ihrer Autorität einen sicheren 
Geleitsbrief aus, wenn anders nicht, wie billig 
zu hoffen, der Gestreichelte und seine Partei mich 
in ihrer Mitte unter den Schutz ihrer Waffen 
und Schilde nehmen sollten. 
Göttingen, am 24. Januar 1791. 
Ew. Wohlgeboren 
gehorsamster Diener und Freund 
G. A. Bürger." 
Wildungen ging also schließlich als Sieger 
aus der interessanten Marburger Sängerfehde 
hervor. 
Zum Beschluß stehe hier noch der Dank- und 
Triumphgesang Wildungen's an Bürger. Aller 
guten Dinge sind drei. Wildungen hat sich noch 
mals dem schon zweimaligen Zwang der verab 
redeten Endreime in gefälliger Weise anbequemt. 
Wir bewundern gewiß alle die ihm verliehene 
poetische Gabe. 
Quodsi me lyricis vatibus inseris 
Sublim! feriam sidera vertice. 
Horatius, Ode I. 
Dank, edler Bürger, Dir! Ich galt für einen Büffel, 
Du rächest meine Schmach. O sei dafür geküßt! 
Dein Meisterlob ist mir was Cyperwein und Trüffel 
Dem feinen Züngler ist. Auf Marburgs Kampfgerüst 
Sah ich zum Siegeskranz gerechte Hoffnung scheitern. 
Manch halbgelehrter Duns, gehüllt in Tobaks Qualm, 
Rief spöttisch: „Die Natur hat ihre Stufenleitern, 
Der Sperling ist kein Staar, die Grundel ist kein Salm." 
Jetzt glaubt' er, kroch' ich gleich im Staub und in der Asche, 
Nein! Beim Apoll! Ich blieb so stoisch wie ein Bär 
Wenn ihn die Biene sticht. Ich stürzte meine Tasche 
Und zahlte still den Preis, — denn heilig stets und hehr 
War Richterausspruch mir. Zwar fing es um die Leber 
Mich ernst zu wurmen an, als mit dem Lorbeer-Reis, 
Das mir gebührte, sich hochmüthig der Erheber 
Des Preises brüstete; doch schien ich kalt wie Eis. 
Bis plötzlich Phoebus selbst—noch hör' ich Manchen fluchen — 
Mein sei der Preis entschied. So schreckt ein Donnerknall 
Den sichern Schäfer auf im Schatten hoher Buchen, 
So bebt das bange Lamm, durchbricht ein Wolf den Stall. 
Doch still nun schnöde Kunst! Ein rauhes Lied zu fchnizzeln 
Aus Reimen ohne Sinn! Des Lobes Ambraduft 
Soll selbst aus Bürgers Hand nie meinen Dünkel kizzeln 
Denn ach! Von Ihm, von Ihm trennt mich noch manche Kluft. 
Ich füge zu dem vorstehenden Bericht über 
den poetischen Wettstreit, welcher hier in Marburg 
betreffend eine Gratulation zu dem Neujahr 1791 
geführt wurde, etwas Biographisches bei. 
Zuerst kommt der Mann in Betracht, welchem 
die Gratulation galt: 
Johann Heinrich Christian Erxleben 
war am 14. April 1753 als der Sohn eines 
Geistlichen zu Quedlinburg, dem Geburtsort 
Klopstock's, geboren, erhielt im Jahre 1778 in 
Göttingen, wo er unter Kästner, Gatterer, Feder, 
Jura studirt hatte, die juristische Doktorwürde. 
Mit dem Jahre 1783 kam er als ordentlicher 
Professor der Rechte nach Marburg, wo er sich 
in demselben Jahre mit der einzigen Tochter des 
Geheimraths Homberg zu Vach (gest. 1784) ver 
mählte. Im Jahre 1795 ward er zum Vize 
kanzler der Universität ernannt. Am 19. April 
1811 starb er ohne Kinder zu hinterlassen. Das 
steinerne Haus über dem Markte (jetzt den 
Gebrüdern Zeiße gehörend) wird mitunter jetzt 
noch das Erxleben'sche genannt. 
Der berühmteste, weil begabteste unter Mar 
burgs Dichtern des letzten Dezenniums in dem 
vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts ist
	        

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