Full text: Hessenland (5.1891)

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Staatsverwaltung, und so konnte es denn nicht 
fehlen, daß er auch der Bibliothek seine be 
sondere Fürsorge zuwandte. Schon am 17. De 
zember beehrte er dieselbe in Begleitung des 
Obersten Barons von Schwartz und seines 
Jugendfreundes und persönlichen Adjutanten 
Fagel mit seinem Besuche, sprach sich 
mit großer Anerkennung über die Ein 
richtungen und den Zustand derselben aus, 
erhöhte gleich den jährlichen Verlag derselben 
zu Bücheranschaffungen von 300 sl. aus 400 fl. 
und wandte ihr noch weitere wesentliche Ver 
günstigungen zu. Den Besuch der öffentlichen 
Bibliothek wiederholte er häufiger; am 4. Juni 
1803 erschien denn auch seine Gemahlin Wil 
helmine, Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. 
von Preußen, in der Bibliothek und erneuerte 
ihren Besuch einige Tage darauf mit ihrer beiden 
jugendliche» Söhnen, den Prinzen Wilhelm und 
Friedrich. 
Für den Monat Juni 1803 hatten der König 
Friedrich Wilhelm III. von Preußen und dessen 
Gemahlin, die Königin Luise, dem Erbprinzen 
von Oranien, ihrem Schwager, den Besuch zu 
gesagt. Da wurden denn glänzende Feste im 
Schlosse zu Fulda und im Schlosse Fasanerie 
veranstaltet, aber unter all' den rauschenden 
Vergnügungen wurde die Besichtigung der Biblio 
thek nicht vergessen. Am 21. Juni erschienen 
der König Friedrich Wilhelm III., seine Ge 
mahlin, die Königin Luise, und der Prinz 
Heinrich von Preußen. Bruder des Königs, mit 
hohem Gefolge in derselben, hielten sich längere 
Zeit daselbst auf, nahmen die Seltenheiten mit 
großer Aufmerksamkeit in Augenschein, sprachen 
dem Bibliothekar ihr Wohlgefallen aus, und 
trugen eigenhändig ihre Namen in das Fremden 
buch ein. Der Besuch dieser höchsten Herrschaften 
hatte zur Folge, daß der an sich schon impo- 
nirende Büchcrsaal mit seinen eigenartigen Bücher 
schränken und Galerien eine Vergrößerung und 
Verschönerung erfuhr. — 
Wenige Monate nach seinem Regierungs 
antritte ordnete Erbprinz von Oranien an, 
daß die Bibliotheken von den aufgehobenen 
Propsteien und Kollegiatstisten, sowie der Bene 
diktinerabtei Corvei nach Fulda verbracht und 
hier der öffentlichen Bibliothek einverleibt werden 
sollten. In der Corveier Büchersammlung 
befanden sich u. a. 104 Bände von Krünitz' 
„Oekonomisch - technische Encyklopädie". Die 
Doubletten aus diesen Büchersammlungen mußten 
später an die Bibliothek des von dem Erb 
prinzen von Oranien an Stelle der seitherigen 
Universität neu errichteten Lyceums abgegeben 
werden. 
Die größte Errungenschaft der Fnldacr öffent 
lichen Bibliothek war und blieb aber die vom 
Fürsten verfügte Vereinigung der berühmten 
Weingartener Klosterbiblivthck mit derselben. 
Durch sie erhielt die Fuldaer Bibliothek jene 
werthvollcn Codices, die noch heute ihren Haupt 
schatz bilden. Wir werden auf diese Codices 
Wingartenses der Fuldaer Landcsbibliothck an 
anderer Stelle des Näheren zurückkommen. Hier 
wollen wir nur noch erwähnen, daß unter den 
Weingartener Manuskripten sich zwei alte Meß- 
und zwei alte Evangelicnbücher mit kostbaren 
Einbänden befanden, deren obere Teckel mit sil 
berne» und vergoldeten Platten von getriebener 
Arbeit versehen und mit Edelsteinen besetzt waren. 
Der Silberwerth derselben betrug nach der 
Schätzung des Goldarbcitcrs Heim 600 sl. Das 
fürstliche Oberfinanzkollcgium stellte den Antrag, 
diese Einbände zu verkaufen, ein Ansinnen, das von 
dem Erbprinzen, wie es sich gebührte, mit energi 
schem Proteste zurückgewiesen wurde. 
Am 16. Mai 1803 war dem Geheimen Kon- 
ferenzrath von Arnold! vom Erbprinzen von 
Oranien- die „alleinige und unmittelbare Ober 
aufsicht über die öffentliche Bibliothek" über 
tragen worden. Er nahm sonach eine ähnliche 
Stellung zu dieser ein, wie früher zu sürstbischöf- 
lichcr Zeit die adeligen Superioren des Benc- 
diktinerkonvcntcs; und wie mit diesen, so scheint 
sich der Bibliothekar Petrus Böhm auch mit 
dem neuen Kurator nicht gut vertragen zu haben. 
Er beschuldigt u. a. denselben, der Urheber des 
Planes gewesen zu sein, die Bibliothek aus dem 
seitherigen, doch eigens zu diesem Zwecke errich 
teten stattlichen Baue in das Orangeriegebüude 
im Hofgartcn zu verlege». Auf die von ihm in 
einer Audienz bei dem Regenten gegen dieses 
Projekt gemachten Vorstellungen habe jedoch der 
Fürst kurz und bündig erklärt: „die Bibliothek 
bleibt, wo und wie sie ist." Ein anderer Vor 
wurf ist schwerwiegenderer Natur. Danach soll 
der Geheime Rath von Arnoldi die Absicht ge 
habt haben, die Seltenheiten der Fuldaer Bib 
liothek mit den werthvoUsten Büchern aus Wein 
garten nach Herborn bringen zu lassen, um da 
selbst als Grundlage für eine allgemeine nassauische 
Bibliothek zu dienen. Bekanntlich war der Ge 
heime Rath aus Herborn gebürtig und hatte auf 
der dortigen Universität seine Studien gemacht. 
Eine gewisse Vorliebe für seine Vaterstadt ist 
daher erklärlich, während, wie aus seinen Schriften 
hervorgeht, die Stadt Fulda sich seiner besonderen 
Zuneigung gerade nicht zu erfreuen hatte. That 
sächlich hat er mehrere Kisten mit Büchern aus 
Weingarten, die der Finanzrath Schmitt von 
dort abzuholen beauftragt worden war, nach 
ihrer Ankunft nicht in das Biblivtheksgebüude, 
wohin sic doch gehörten, sondern in seine Woh-
	        

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