Full text: Hessenland (5.1891)

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langte der von Fackelträgern umgebene, fast endlose 
Trauerzug in Wilhelmshöhe an. Militär- und 
Zivilbeamte kehrten zu Pferd und zu Wagen nach 
der Stadt zurück, auch das nach Tausenden zählende 
Publikum zerstreute sich bald. Der Sarg des Kur 
fürsten wurde unter feierlichem Zeremoniell im großen 
Mittelsaal des Schlosses aufgebahrt, wo die hohen 
und höchsten Hofchargen ihren verewigten Fürsten 
umgaben. Doch die Herren waren ermüdet von den 
Gemüthsbewegungen und Anstrengungen der' letzten 
Tage, Einer nach dem Anderen zog sich zurück in 
die angrenzenden Gemächer, und bald waren nur 
noch zwei jugendliche Pagen die einzig Wachenden 
im schwarzverhängten, hohen Saal. Erfüllt von der 
Wichtigkeit und dem Ernst ihres Dienstes standen 
sie in der kleidsamen Tracht der Leib-Pagen längere 
Zeit regungslos da, bis auch sie, von der Müdigkeit 
übermannt wurden und mit halb zufallenden Augen 
niedersanken auf die Stufen des Katafalks. Immer 
stiller wurde es um sie her, nur ab und an bewegte 
ein leiser Luftzug die Trauerfahnen und Blumen 
gewinde, oder es knisterte eine der zahllos brennenden 
Wachskerzen. Von der Terrasse herauf dröhnte der 
gedämpfte Schritt der Doppelposten, und von den 
Wänden schienen die Bilder der hessischen Fürsten 
und Landgrafen gespenstisch herabzublicken. War es 
ein Gefühl der Furcht oder die Besorgniß, einzuschlafen, 
was die Pagen veranlaßte, plötzlich aufzuspringen und 
im Saal herum zu gehen? Der Ernst und die 
Trauer wollten wohl nicht länger haften in den 
jugendlichen Gemüthern, sie suchten nach einem Aus 
weg, und derselbe war auch bald gefunden. Auf 
einem der goldenen Pfeilertische stand eine prächtige 
Uhr, ein Kunstwerk aus alter Zeit, dem die Jünglinge 
jetzt ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten, sie konnten 
sich auch nicht versagen mit dem daneben liegen 
den Schlüssel die Uhr leise, ganz leise aufzuziehen, 
um das Werk in Bewegung zu setzen. Doch dieser 
Vorwitz sollte nicht unbestraft bleiben, es war nämlich 
keine gewöhnliche Uhr, sondern eine Spieluhr und 
zum größten Schrecken der Pagen begann sie in 
lauten, hellen Tönen zu spielen.' So leben wir, so 
leben wir, so leben wir alle Tage! Diese, immer 
von Neuem wiederholte Melodie des alten Dessauer- 
Marsches lockte den entsetzten Hofdienst in den Trauer 
saal, und einen vernichtenden Blick warf der alte. sonst 
so wohlwollende Oberhofmeister von Thümmel auf 
die beiden Schuldigen, die zerknirscht da standen, 
ohne daß es ihnen möglich gewesen wäre, die unglück 
selige Uhr zum Schweigen zu bringen. 
So tief und unvergeßlich war der Eindruck dieser 
Stunde auf die beiden Pagen — dieselben hießen 
Albrecht von Bardeleben und Adolf von Bork — 
daß sie bis in ihr hohes Alter die Erinnerung fest 
hielten an diesen ihren Pagenstreich. — 
H. v. A. 
Aus Heimach und Fremde. 
In der Monatsversammlung des „Vereins 
für hessische Geschichte und Landeskunde- 
am Montag den 23. März theilte der Vorsitzende, 
Major K. von Stamford, mit, daß die dies 
jährige Generalversammlung nicht, wie auf der vor 
jährigen Generalversammlung zu Fulda beschlossen 
worden sei, in Wolfhagen, sondern in Franken 
berg und zwar am 29., 30. und 3l. Juli statt 
finden werde. Als Grund zu dieser Aenderung wurde 
die Schwierigkeit der Reise nach Wolfhagen angeführt, 
da diese althessische Stadt noch keine Bahnverbindung 
habe. Herr Pfarrer Wissemann beendete sodann 
seinen in der vorigen Versammlung begonnenen 
Vortrag über „Die Kunst der Glasmalerei mit be 
sonderer Beziehung auf Hessen« und erntete für seine 
interessanten Ausführungen ebenso, wie das vorige 
Mal, lebhaften Beifall. 
Am 21. März feierte zu Marburg der Geheime 
Regierungsrath Dr. Friedrich Münscher, 
welcher länger als ein Menschenalter — von 1650 
bis 1664 — dem Marburger Gymnasium als 
Direktor in ausgezeichneter Weise vorgestanden hat, 
seinen 86. Geburtstag. Aus Marburg wird uns 
anläßlich dieser Feier von befreundeter Seite ge 
schrieben: 
Als jugendlichen Greis von nun 86 Jahren sehen 
unsere Augen hier kräftigen Schrittes einen Mann 
dahin schreiten, der noch immer, ungeachtet seines 
hohen Alters, für eine einmal in Angriff genommene 
Sache voll seltener Energie thätig ist, den ehemaligen 
Gymnasial - Direktor Geheimen Regierungsrath 
Dr. Friedrich Münscher, geboren im Jahre 
1805 als Sohn des Professors der Theologie 
Dr. Wilhelm Münscher im Kugelhofe dahier. Nach 
dem er seit dem Jahre 1833 eine ordentliche 
Lehrerstelle am Gymnasium zu Hanau bekleidet 
hatte, wurde er um Ostern 1850 zum Direktor des 
Gymnasiums seiner Geburtsstadt ernannt. Er war 
in dieser Stellung Vilmar's Nachfolger. Die Leitung 
des hiesigen Gymnasiums führte Dr. Münscher mit 
reichem Segen, in welches Lob gewiß seine Schüler 
ohne Ausnahme gern einstimmen werden. Seinen 
Unterricht ertheilte er, vorzüglich in der Religion, 
mit Klarheit, Ruhe und einer die Herzen gewinnen 
den Liebe zur Sache. Als Vorstand der Anstalt 
erwarb er sich in hohem Grade das Vertrauen und 
die Liebe seiner Kollegen, die von ihm eine stets 
sich gleich bleibende wohlwollende Behandlung erfuhren. 
In Disziplinarfällen der Schüler war er bedachtsam, 
gerecht und niemals allzustreng. Er verfaßte eine Ge 
schichte der unter seiner Leitung stehenden Gelehrtenschule 
und lobte in derselben ganz besonders die Zeit von 
1856 bis 1868 als eine blühende. Ihm war es 
vergönnt, im Juni 1874 sein 25jähriges Direktorial»
	        

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