Volltext: Hessenland (4.1890)

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geben; wenn indessen Bardeleben ferner am 31. 
August ausspricht „unsere Armee ist wieder in gutem 
Stande, denn die Preußen und Russen haben 
uns zu viel Zeit gelassen, hätten sie schneller 
ihren errungenen Vortheil verfolgt, das Resultat 
würde viel brillanter gewesen sein", so ist daraus 
zu entnehmen, daß doch nicht Alle des Mac- 
donald'schen Heeres dem Mißgeschicke sich 
beugten, daß die Westphalen die Haltung nicht 
verloren hatten, daß sie nicht nur eine schöne 
Brigade, sondern daß sie mannhafte Krieger- 
waren ungeachtet ihrer Jugend.*) 
Der Kaiser eilte seinem Marschalle zu Hilfe 
mit der Garde und noch zwei Korps; am Tage 
seiner Ankunft in Bautzen, 4. September, befahl 
er sofort das Vorrücken und ein blutiges Gefecht 
bei Hochkirch machte Blücher die Gegenwart 
Napoleons fühlbar. Am 5. September drückte 
dieser jenen weiter zurück, verließ aber nocki 
am Abende mit seinen herangeführten 
Truppen die Armee Macdonalds, welcher die 
Weisung bekam, die Spree zu halten. Sobald 
Blücher erkannte, daß Napoleon abgezogen sei, 
ging er wieder Macdonald zu Leibe, um ihn 
zur Schlacht zu zwingen. Doch trat letzterer 
auf Befehl des Kaisers am 10. Septeniber den 
Rückzug zunächst nach Bautzen an. Die Nieder 
lage Ney's bei Dennewitz am 6. September 
bewog Napoleon zu jener Maßregel; der 
Marschall gelangte unter Kämpfen bis Fisch 
bach, 2 ’/a Meilen von Dresden. Der Kaiser 
traf daselbst am 22. September ein, ließ am 
Nachmittage das 11. Armeekorps vorgehen und 
dieses warf bei Bischofswerda die Preußen 
zurück; für den 23. September befahl Napoleon 
erst um 11 Uhr Vormittags den Angriff, das 
Gefecht verlief nachtheilig und der Kaiser ordnete 
den Rückzug nach Dresden an. Dieser Stoß 
war der letzte Versuch des mehr und mehr ein 
geengten, nach allen Seiten um sich schlagenden 
Löwen, das schlesische Heer gegen die Oder 
zurückzuwerfen. Bardeleben hat von sich ver 
zeichnet: „die Tage des 4., 5., 11., 17., 18., 22. 
und 23. September waren gefahrvoll für mich; 
über die Affaire am 23. gab der Kaiser 6 Kreuze 
(der Ehrenlegion) in mein Bataillon und ich 
wurde zum Major vorgeschlagen".**) 
*) Ein schönes Lob ertheilt Nösselt in seiner Geschichte 
des Feldzuges 1813 in Schlesien dem Marschall Mac 
donald und seinem Armeekorps: er hebt dessen Manns 
zucht und menschliches Verhalten gegenüber der Zucht 
losigkeit und Unmenschlichkeit anderer sranzösischen 
Truppen hervor und rühmt des Marschalls edeln 
Charakter. Nösselt lebte zu jener Zeit in Breslau und 
verschaffte sich persönlich Nachrichten über die Kriegs 
ereignisse. 
**) Ein Vorfall, von welchem das Datum nicht über 
liefert ist, verdient der Erwähnung. B. berichtet darüber 
Macdonald führte seine Armee nach Dresden, 
das 11. Armeekorps blieb hier als das letzte 
auf dem rechten Elbeufer stehen, das schlesische 
Heer folgte nicht, Blücher führte es den Fran 
zosen unbemerkt weit elbeabwärts und erkämpfte 
in der Schlacht bei Wartenburg am 3. Oktober 
den Uebergang auf das linke Ufer des Stromes, 
sodaß der Imperator die Stellung bei Dresden 
und die Elbe nicht mehr zu halten vermochte. 
Napoleon war in Unruhe über den Verbleib des 
schlesischen Heeres und als er in der Nacht zum 
5. Oktober die Nachricht von dem Uebergang 
Blüchers und der Schlacht erhielt, faßte er den 
Entschluß, das schlesische und das, wie er an 
nahm, mit über die Elbe gesetzte Nordheer des 
Kronprinzen von Schweden über den Strom 
zurückzutreiben.*) Mit der Hauptmasse seiner 
„Napoleon hielt viel auf das Aeußere, ohne darin auf 
zugehen, denn sein Adlerblick ließ ihn auch den inneren 
Werth sogleich erkennen. Zm Feldzug 1813 überraschte 
mich der Kaiser mit meinem Bataillon nach einem zehn 
stündigen Marsche bei sehr schlechtem Wetter. Das 
Bataillon sah aus wie die Grasteufel und Napoleon 
äußerte sich unzufrieden darüber. Er stieg vom Pferde, 
durchschritt schweigend und mit finsterem Gesicht die 
Glieder, untersuchte bald eine Waffe, bald eine Patron 
tasche, bald einen Brotbeutel oder Tornister — sein Ge 
sicht erheiterte sich allmälig und er gab hier und da einem 
Soldaten das Gewehr mrt einem kurzen: bon! zurück. 
Dann visitirte er Munitions-, Medicin- und Bagagewagen, 
ließ darauf das Bataillon exerciren und manövriren, gab 
die auszuführenden Bewegungen oft selbst, kurz aber 
deutlich an, ließ eine einzelne Kompagnie um sich herum 
manövriren und sprengte dann unerwartet mitten in der 
Ausführung einer Bewegung mit den Worten: bon, 
eoniinunännt! davon. Berthier aber kam bald zurück 
gejagt und rief mir laut in deutscher Sprache zu: Der 
Kaiser ist sehr zufrieden! Ein schallendes 
Hurrah tönte ihm nach; der Kaiser wurde von diesem 
Tage an von den Soldaten bewundert, wozu sie bisher 
nicht Austerlitz, nicht Zena, nicht Borodino, nicht Lützen, 
und Bautzen bewogen hatten! 
*) Vor Beginn der Bewegungen hielt der Kaiser zu 
Ansang Oktober bei Dresden Truppenschau über die ver 
schiedenen Korps, wobei er jede Abtheilung sehr genau 
ins Auge faßte und viele Beförderungen und Auszeich 
nungen verfügte. Bei der Besichtigung des 11. Armee 
korps standen eine französische 12-Pfünder und eine west- 
phälische 6-Pfünder Batterie hinter meinem Bataillon. 
Der Kommandeur der französischen war ein alter eis 
grauer kolossaler Mann, derjenige der westphälischen, 
Kapitain Schleenslein, klein, in voller Zugendblüthe. 
Beide standen nebeneinander. Napoleon trat mit unter 
geschlagenen Armen vor sie hin, betrachtete sie einen 
Augenblick und fragte dann Schleenstein etwas rauh: 
Seid Ihr Kapitain? Schleenstein: Za! — Wie lange 
dient Ihr? — Acht Jahre. — Bei welcher Gelegenheit 
habt Zhr den Orden erhalten? — Zn Spanien bei der 
Belagerung von Girona, Napoleon milde: Ah, wie lange 
seid Ihr in Spanien gewesen? — Drei Jahre. Napoleon 
zu dem französischen Kapitain: Wie lange dient Zhr? — 
Zch war mit Euer Majestät in Aegypten und focht bei 
den Pyramiden. — Und noch Kapitain! — Nicht meine 
Schuld — Hm, Ihr, seid Bataillonschef! — Vor Wien 
und Moskau wird meine Batterie den Dank donnern! — 
Napoleon zu Berthier! Das Kreuz der Ehrenlegion! —
        

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