Full text: Hessenland (4.1890)

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heißem Kampfe zurückgedrängt und standen am 
Abende des Schlachttages ihn umfassend. 
Napoleon erkannte das Verhalten der West- 
phalen dadurch an, daß er das 1. Bataillon 
des 8. Linienregiments vom 3. Mai an dem 
kaiserlichen Hauptquartier beigab. Bardeleben 
hatte für seine Person sich am Hauptquartier 
aufzuhalten, sein Bataillon war in Abtheilungen 
aufgelöst, welche an den Etappen des Marsches 
von Lützen nach Dresden zurückblieben. Er 
schrieb dieses seiner Gefährtin von Dresden am 
9. Mai als einen Trost, daß sie ihn in Sicher 
heit wisse, obwohl es ihm als Soldat nicht an 
genehm sei; „die Armee schlägt sich vortrefflich 
und der Krieg wird wohl für Napoleon Vor 
theilhaft enden" setzt er hinzu, weiter „man 
sollte es kaum glauben, daß die Russen und 
Preußen sich in dem für ihre so überlegene 
Reiterei Vortheilhaften Terrain bei Lützen 
haben schlagen lassen". „Des Morgens 3 Uhr 
ist der Kaiser zu Pferd — man ist gezwungen, 
ihn als großen Mann zu bewundern" gesteht 
B. seiner Conradine. 
Das französische Heer überschritt am 11. Mai 
bei Dresden, Torgau und Wittenberg die Elbe 
und Napoleon griff bei Bautzen am 20. Mai 
das Heer der Verbündeten an, welche, statt ihn 
anzufallen, ehe er seine sämmtlichen Kräfte bei 
einander hatte, ihm die Zeit dazu ließen, sodaß 
er mit bedeutender Uebermacht auftrat. Wohl 
errang er in gewaltigem Kampfe am 20. und 
21. Mai den Sieg, aber trotz der großen Ver 
luste ohne weitere Erfolge, als daß das feindliche 
Heer in unerschütterter Haltung abzog; keine 
Trophäen, Geschütze, Gefangene in nennens- 
werther Zahl waren da, die dem „Sohne des 
Glückes" wie sonst Zeugniß des errungenen 
Sieges abgelegt, seinem Ehrgeize Befriedigung 
gewährt hätten. Er folgte dem verbündeten 
Heere, blutige Gefechte lehrten ihn, daß dessen 
Zusammenhalt nicht gelitten habe und bei 
Haynau wurde eine srgnzösische Division aus 
einem ihr gelegten Hinterhalte überfallen, wobei 
sie eine gänzliche Niederlage erlitt*, 25. Mai. 
Doch drang der Kaiser weiter in Schlesien vor 
und am 1. Juni besetzte das Korps Lauriston 
Breslau, äußerlich bedeutende Erfolge, welche 
ihm von neuem eine achtunggebietende Stellung 
sicherten. Die Verluste, welche seine jungen 
Heere seither erlitten hatten, waren weit stärker 
als die der Verbündeten, der Zusammenhalt 
war sehr bei ihnen gelockert und Napoleon ging 
in der Erwägung, seiner Armee durch eine 
*) Der Held dieses Tages, Oberst von Bockum-Dolffs, 
welcher die über 3000 Pferde starke preußische Reiterei 
führte, fand den Tod, es war der früher erwähnte 
Schwager Bardelebens. 
längere Ruhe mehr Festigkeit und Kräftigung 
zu verleihen, auf die am 16. Mai von Seite 
Oesterreichs eröffneten Verhandlungen ein, durch 
welche am 4. Juni ein bis zum 20. Juli 
reichender Waffenstillstand zustande kam. Dieser 
gereichte indessen zum noch größeren Vortheile 
für die Verbündeten und war ein verhängniß- 
voller Fehler des französischen Kaisers, wenn er 
nicht die Absicht hegte, zum Frieden zu gelangen. 
Der Held imserer Erzählung stand seit dem 
26. Mai in Bautzen, wo das Regiment wieder 
vereinigt wurde. Wenige Tage zuvor hatte der 
zweitägige furchtbare Kampf hier getobt und jeden 
Augenblick konnte das Unwetter von Neuem sich über 
die freundliche kleine Stadt und deren Umgebung 
entladen; da macht es einen eigenthümlichen be 
friedenden Eindruck, wenn B. am 9. Juni seinen 
Aufenthalt schildert: „wir haben hier seit 14 
Tagen ruhig gelebt außer ein paar Tagen, an 
denen Oberst Brendel mit seinen Kosaken uns 
beunruhigte, es fehlt uns an nichts als an 
Fourage, wir haben sehr gute Quartiere und 
überhaupt ist Bautzen ein allerliebster Ort, die 
Gegend ganz vorzüglich schön und die Menschen 
sehr gut . . . es ist uns also ein glückliches 
Loos geworden . . ." Wie so Viele hoffte er 
auf einen Friedensschluß und zog aus dem 
Waffenstillstände, bei welchem nur ein kleiner 
Theil Schlesiens von Franzosen besetzt blieb, 
den tröstlichen Schluß, daß „Preußen nicht unter 
gehen werde". Seine Liebe zur Natur fand an 
diesem Orte in der Pause des Kriegsgetümmels 
reiche Nahrung; täglich besuchte er nach Er 
füllung der Dienstpflichten die Unlgebung 
Bautzens und hier war es besonders eine Stelle, 
welcher er gern seinen Schritt zulenkte, von ihm 
das Felsenthal genannt. Hier gedachte er der 
geliebten Frau, welche in tiefer Sorge um ihn ihre 
Tage hinbrachte und hoffte „noch in diesem 
Sommer wieder mit ihr vereint das Glück des 
Landlebens genießen zu können". 
Nach drei Wochen dieses Aufenthaltes 
marschirte Bardeleben mit dem 8. Regiments 
von Bautzen ab; dessen Oberst blieb krank 
zurück und B. führte das Regiment, welches in 
die Vorhut des Macdonald'schen Korps vor 
geschoben wurde und in Langenoels (zwischen 
Lauban und Löwenberg) in Schlesien sich auf 
stellte, während die Füsiliergarde in Görlitz 
blieb. Er nahm sein Quartier im Schlosse, 
hatte als Regimentskommandeur in der Avant 
garde anstrengenden Dienst, fand aber doch 
Muße, auch hier eine Lieblingsstelle zu ent 
decken, wo er „seinen Gedanken Audienz gab", 
diesesmal eine Bergspitze mit einem kleinen 
Gehölze, von wo eine entzückende Aussicht nach 
rechts das Riesengebirge, geradeaus Schlesien
	        

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