Full text: Hessenland (4.1890)

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begnadeten Dichter unseres Hesienlandes! — die 
Lektüre des Julius Rodenberg'schen Essay's »Franz 
Dingelstedt. Blätter aus seinem Nachlaß" angelegent 
lichst empfehlend. 
In der Nummer 4 unserer Zeitschrift brachten 
wir eine kurze Schilderung der Jubiläumsfeier 
des Geheimen Hofraths Professors Dr. Ludwig am 
31. Januar in Leipzig und erwähnten dann, daß 
eine Deputation hessischer Landsleute, die in Leipzig 
ihr Domizil haben, den Jubilar durch Spendung 
eines Lorbeerkranzes mit Schleifen in den hessischen 
Farben erfreut hätten. Heute sind wir — Dank 
dem freundlichen Entgegenkommen eines hessischen 
Landsmannes in Leipzig — in der Lage, auch das 
launige Gedicht wiederzugeben, welches bei dieser 
Gelegenheit dem Jubilar überreicht wurde. Es lautet: 
Verehrtcster Herr, zum heutigen Feste 
Erscheinen hier viele und mancherlei Gäste, 
Um Ihnen von Herzen zu gratuliren; 
Und allen wird's leicht sich zu introduciren 
Und zu legitimiren, 
Will sagen: sich rits einzuführen. 
Nur wir, die man auch sandte hierher, 
Wir haben's in dieser Hinsicht schwer; 
'Denn uns schickt keine Universität, 
Keine Fakultät, keine Societät, 
Noch wer sonst, sich selbst ehrend, zum heutigen Tag 
Mit Fug und Recht dcputiren mag. 
Doch drangen wir ein in's festliche Haus, 
Nicht fürchtend, daß man uns werfe hinaus; 
So wie man dem Gast in der Bibel gethan, 
Dieweil er kein hochzeitlich Kleid hatte an; 
Dann, wenn uns der Oberhofmarschall fragt: 
Wer seid denn ihr? und was wollt ihr hier? 
Dann — unverzagt — 
Mit Einem Wort ist Alles gesagt: 
»Kurhesse sein mir" — 
Und sind dazu hier, 
Um Namens aller Hessen, die uns gesandt, 
— Ueberreichend den Kranz mit dem roth-weißen 
Band — 
Dem berühmten treuen »Lands mann" zu 
drücken die Hand. 
Todesfälle. Am 4.Februar starb zu Kassel 
im 69. Lebensjahre der praktische Arzt Dr. Philipp 
Katzenstein. — Am 6. Februar verschied zu 
Weidebrunn bei Schmalkalden der Gutsbesitzer 
Sigmund Pfannstiel, Mitglied des hessischen 
Kommunal-Landtags und langjähriger Vertreter des 
Wahlkreises Schmalkalden-Eschwege im preußischen 
Abgeordnetenhause. — Am 12. Februar starb in Gudens- 
berg der Kreiswundarzt Dr. msä. W i l h e l m S a u l im 
Alter von 68 Jahren. Er war geboren in Viesebeck 
(Kreis Wolfhagen), studirte in Marburg und Würz 
burg und ließ sich in Großenritte als praktischer Arzt 
nieder, von wo er Anfang der 70er Jahre nach 
Gudcnsberg verzog. Wegen seiner Geschicklichkeit in 
seinem Berufe, seiner Pflichttreue und Humanität.war 
er überall beliebt. Eine Krankheit, die er sich in 
der Ausübung seiner schwierigen Pflichten zugezogen, 
untergrub seine überaus kräftige Konstitution. Dr. 
Wilhelm Saul starb an demselben Tage, an welchem 
in dem benachbarten Altenritte sein älterer Bruder, 
der pensionirte Lehrer Daniel Saul beerdigt wurde. 
Am 18. Februar verschied zu Kassel nach 
kurzem Kranksein an den Folgen eines Schlagflusses 
der Bildhauer und Profeflor an der Akademie der 
bildenden Künste Karl Hassenpflug, Sohn des 
kurhessischen Ministers H. D. L. F. Hassenpflug und 
dessen ersten Gemahlin Lotte, einer Schwester der 
Brüder Grimm. Die »Hessischen Blätter" widmen 
dem Verblichenen einen warmen Nachruf, den wir 
nachstehend wiedergeben. Karl Hasscnpflug war am 
5. Januar 1824 zu Kassel geboren. Als zwanzig 
jähriger Jüngling trat er als Schüler in das Atelier 
des berühmten Münchener Bildhauers Ludwig Schaller 
ein, dem er namentlich bei Modellirung des Herder- 
Standbildes für Weimar zur Seite stand. Im 
Jahre 1848 besuchte H. zum ersten Male Italien 
und Rom, wo er drei Jahre verweilte. 1851—56 
lebte er theils in London, theils in Kassel. Hier in 
der alten Heimath, wo ihn die Erinnerung an das 
Haus seiner beiden Oheime Jakob und Wilhelm Grimm 
umschwebte, wandte er sich germanisch-christlicher Kunst 
zu und fertigte für die Michaelskirche in Fulda die 
neuen Sandstcinreliefs, ebenso auch die Statuen der 
Apostel für den Lettner der Elisabethkirche in Marburg. 
Eine von ihm damals entworfene Gruppe Amor und 
Psyche — sie steht in Marmor ausgeführt im Rafael 
saal der neuen Orangerie zu Potsdam — machte 
den König Friedrich Wilhelm IV. auf den talent 
vollen Künstler aufmerksam. Die folgenden Jahre 
brachte Hassenpflug wieder in Rom zu, wo unter 
anderem auch die allen Kasselern wohlbekannte 
Galatheagruppe entstand, deren Kindcrgestalten mit 
zu dem Reizendsten gehören, was die moderne Kunst 
geschaffen. Oktober 1868 wurde er als Professor 
an die Kasseler Akademie berufen. Für die Restauration 
des Orangeriegebäudcs in der Aue lieferte er jetzt, 
an Stelle der schematischen immer wiederkehrenden 
vier antiken Kaiserköpfe, eine Reihe lebensvoller 
hessischer Regentenbilder, für die Gemäldegallerie die 
kraftvollen Statuen Rcmbrandts und Rubens an der 
Eingangsseite und die Skulpturen der Giebelfelder. 
Als die bedeutendsten seiner hier vollendeten Arbeiten 
gelten die im Jahre 1884 in Marmor ausgeführten 
Büsten seiner beiden Oheime Jakob und Wilhelm 
Grimm, welche am lOOsten Geburtstage Jakobs, 
4. Januar 1885, in der Kasseler Landes-Bibliothek
        

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