Full text: Hessenland (4.1890)

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zehnten dieses Jahrhunderts geben. Heinrich Koenig 
starb am 23. September 1869 in dem hohen Alter 
von 79 l / 2 Jahren zu Wiesbaden. Seiner Vaterstadt 
Fulda hat er ein ansehnliches Legat für die Armen, 
der Stadt Hanau, welche ihm zur zweiten Heimath 
geworden war, seine reichhaltige Bibliothek vermacht. 
In Fulda haben Verehrer seiner Muse zu Anfang 
der 70er Jahre an seinem Geburtshause eine 
Erinnerungstafel anbringen lassen. 
Das März-Heft der „Deutschen Rundschau" ent 
hält wieder eine Fortsetzung von Julius Roden 
berg's „Franz Dingel st e d t. Blätter aus 
seinem Nachlaßt. Diesmal behandelt der 
Herausgeber die Zeit der Thätigkeit Dingelstedt's in 
Stuttgart als Hofrath, Bibliothekar und Vorleser des 
Königs Wilhelm von Württemberg (1843—1851). 
Auch dieser Fortsetzung müssen wir die gleichen Vor 
züge nachrühmen, durch welche sich die früheren Artikel 
Julius Rodenberg's auszeichneten. Mit elegantem 
Stile verbindet er in geistreicher Durchführung fein 
sinnige pietätsvolle Behandlung des Stoffes. — Mit 
seinem Eintritte in den Hofdienst des Königs Wilhelm 
ist ein Wendepunkt in Dingelstedt's Leben eingetreten, 
von welchem er sich in steigender Linie rasch aufwärts 
bewegt. „Kaum anderthalb Jahre sind seit dem 
„verzweifelten Abschied" von Fulda verflossen, und 
aus dem frondirenden Gymnasiallehrer und Jour 
nalisten wird ein Hofmann — viel bewundert, viel 
beneidet, viel angefeindet." „Es ist die Zeit, in 
welcher Heine singt: 
„Sie machen jetzt ein großes Geschrei 
Von wegen Deiner Verhofrätherei — tt 
Freiligrath beginnt ein Absageschreiben mit den 
Worten: „Du bist Hofrath geworden, ich will zeit 
lebens nichts als Freiligrath werden"; und in einem 
anonymen Brief, „mit einem schwäbischen Sechs 
groschenstück versiegelt", erhält er, „zum Frühstück", 
zwei Gedichte von Hoffmann von Fallersleben, „auf 
Kosten der Partei als Manuskript gedruckt", in denen 
er abwechselnd „Lump und Wicht", „Renegat und 
königlicher Rath genannt wird". „War man damals 
denn so sehr viel ,gesinnungstüchtiger* als heute", 
bemerkt hierzu Julius Rodenberg, „wo niemand etwas 
darin findet, einen Dichter, und selbst wenn er 
Freiheitslieder gesungen hätte, mit Orden und Titeln 
geschmückt zu sehen — und endlich, sind nicht auch 
die beiden großen Weimaraner von Karl August in 
den Adelsstand erhoben worden?" „Nein, der Unter 
schied dieser dreißiger und vierziger Jahre von denen 
vorher und nachher bestand darin, daß die schöne 
Literatur damals die Trägerin der politischen Oppo 
sition war und daher ein Schritt, wie Dingelstedt 
ihn nunmehr that, direkt als ein Abfall betrachtet 
wurde, wiewohl er es keineswegs war. Denn seine 
ganze Vergangenheit, sein ganzes Naturell drängte 
nach einem solchen oder ähnlichen Ziele hin und wer 
sein Knabentagebuch gelesen hat, sieht nichts Wider 
sprechendes darin." — — „Das Geheimniß seiner 
Erfolge war seine geniale Persönlichkeit, die mit 
unbeschreiblichem Zauber wirkte. Doch hat ihn der 
Glanz, den er suchte, nicht geblendet." — Ju-Stutt 
gart führte er seine geliebte Braut, Jenny Lutzer, 
als Gattin heim; in ihr findet er die hilfreiche, 
zuverlässige Gefährtin, die ihm manchmal die 
Führerin auf schwindelndem Pfade werden sollte. 
Für alles Ungemach, das ihn draußen trifft, für alle 
Verfolgungen, die nicht ausbleiben, für alle Ver- 
läumdungen, die nie ganz verstummen, findet er 
Trost und Ersatz in einem häuslichen Glück ohne 
Gleichen. — Interessant ist die Schilderung von 
Dingelstedt's Zusammentreffen in Scheveningen mit 
seinem früheren Landesherrn, dem Kurprinzen und 
Mitregenten von Hessen, der ihm vor vier Jahren 
in nichts weniger als gnädiger Weise den Abschied 
gegeben hatte. Dingelstedt schreibt darüber am 
8. September 1845 an seinen Vater, den alten 
Klosterarzt in Rinteln: „Schon bei der ersten Be 
gegnung am Strande der Nordsee trat und sprach 
mich Höchstderselbe an. Alles Alte schien vergessen, 
vergeben, vergraben, und durch das wunderbare Talent 
meiner Frau, das gewissermaßen eine neutrale Brücke 
zwischen uns schlug, bildete sich eine fast herzliche 
Verbindung unter seiner hohen und zahlreichen Familie 
und uns beiden. Wir tranken noch am letzten Abend 
vor des Prinzen Heimreise den Thee bei Ihm, und 
beim Abschied lud Er mich dringend ein: „recht bald 
nach Kasiel zu kommen." G. v. Helmschwerdt ließ 
nicht undeutlich merken, daß auch eine gänzliche 
Rückkehr nach Hessen, etwa als Theater-Intendant, 
dem Prinzen und allen Landsleuten sehr erwünscht 
sein dürfte; hierauf aber blieb ich natürlich jede 
Antwort schuldig. Daß der Prinz mich lieb 
gewonnen, merkte ich auf das Sicherste durch zwei 
Zeichen: an dem Betragen seines Kammerdieners 
gegen mich und an meiner eigenen versöhnten 
Stimmung gegen ihn. Mir ist eine solche Aus 
zeichnung lieb und werth gewesen, nicht nur an sich 
um des lieben Friedens willen, den ich immer höher 
schätzen lerne, sondern auch meines Bruders *) wegen. 
Alle Besorgniß, der Name „Dingelstedt" könne ihm 
schaden, darf nun der gegentheiligen zuversichtlichen 
Hoffnung weichen! — Wir schließen hiermit unseren 
heutigen Artikel, den Lesern unserer Zeitschrift, welche 
sich für Franz Dingelstedt interessiren — und 
welcher Hesse interessirt sich nicht für diesen gott- 
*) Der jüngste Bruder Franz Dingelstedt's, Julius, 
studierte in Heidelberg und Marburg Jurisprudenz. Er 
ging, ohne seine Studien zu vollenden, nach Amerika, 
wohin sein Bruder Adols ihm vorausgewandert war, 
machte den großen Krieg als Stabsoffizier in der Armee 
Grant's mit und starb, 56 Jahre alt, unvermählt im 
Jahre 1884, als Kompagnon seines Bruders, der in den 
glücklichsten Familienverhältnissen, an ddr Spitze eines 
blühenden Geschäftes noch in New-Iork lebt.
	        

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