Full text: Hessenland (4.1890)

in den Mlözug gegen Urankreich. 
Von W. Rogge-Iuöwig. 
Die Völkerschlacht bei Leipzig hatte das hessische 
Land von dem sieben Jahre lang schwer ertragenen 
Joche der französischen Fremdherrschaft befreit, 
und am 26. Oktober 1813 hatte Jerüme sein 
Königreich für immer verlassen. Durch die alle 
vaterländische Herzen mit hoher Begeisterung 
erfüllende Proklamation „Hessen, mit Eurem 
Namen nenne ich Euch wieder", hatte der Kur 
prinz am 5. November dem hessischen Volke die 
Befreiung des Landes und die Wiedererrichtung 
des hessischen Thrones verkündet, und mit un 
beschreiblichem Jubel von seinem treuen Volke 
empfangen, war am 21. November der Landes 
herr Kurfürst Wilhelm I. in seine Residenz 
zurückgekehrt. Da er sich am 24. November 
gegen die Verbündeten, welche ihm bei der Rück 
kehr in sein Land wenig wohlwollende Gesinnung 
zu erkennen gegeben, verpflichtet hatte, alsbald zu 
dem Feldzug gegen Frankreich 24,000 Mann zu 
stellen, und zwar 21,182 Mann Infanterie, 
1764 Mann Kavallerie und 1074 Mann Ar 
tillerie, so war seine erste und schwerste Sorge, 
ein solches Truppenkorps in seinem Lande zu 
bilden. 
Er nahm, wie bekannt, die sieben Jahre seiner 
Verbannung als nicht vorhanden an und erließ 
gleich am ersten Tage nach seiner Rückkehr eine 
Ordre, wonach alle Soldaten, die am 1. November 
1806 „beurlaubt" worden, sich alsbald in ihren 
früheren Garnisonsorten wieder zum Dienst zu 
stellen hätten. In den sieben Jahren hatte sich 
aber doch mancherlei verändert, die alten hessischen 
Soldaten hatten, soweit sie noch zum Dienste 
brauchbar waren, der Fahne Napoleons folgen 
müssen und der größte Theil derselben hatte auf 
den Schlachtfeldern Spaniens und Rußlands ein 
ruhmvolles Ende gefunden, von denen aber, die 
sich zum Dienste stellten, war auch ein großer 
Theil noch dienstunfähig geworden, und die vom 
Kurfürsten besonders bevorzugten Offiziere, welche 
ihren Zopf bewahrt hatten und nicht in west- 
phälische Dienste getreten waren, zeigten, als sie 
das Exerzieren in dem inzwischen ganz veralteten 
Geiste wieder begannen, daß von ihnen ein 
Erfolg in den bevorstehenden schweren Kämpfen 
nicht zu erwarten war. 
Dies erkannte auch der Kurfürst sehr bald 
und beauftragte deshalb seinen Sohn, den Kur 
prinzen, welcher die Führung der ins Feld 
rückenden Truppen übernehmen sollte, mit deren 
Neuorganisation. Da war es nun dessen eifrigstes 
Streben, zunächst durch Wiederanstellung der 
im westphälischen Dienst gestandenen althessischen 
Offiziere, feldtüchtige und kriegserfahrene Truppen 
führer zu gewinnen und für die Ausbildung der 
Truppen den Anforderungen der Zeit ent 
sprechende Anordnungen zu treffen. Für die 
ausrückenden Truppen wurde der Zopf entfernt 
und nach preußischem Muster nicht nur neue 
Uniformen, sondern auch ein neues Exerzier 
reglement und sonstige zweckdienliche Vorschriften 
für den Dienst eingeführt. 
War hierdurch, namentlich durch die Anstellung 
der Offiziere, von denen sich so viele unter West- 
phalens Fahnen großen Kriegsruhm erworben 
hatten, ein wesentlicher Schritt zur Neubildung 
des Korps gethan, so mangelte es im Uebrigen 
so ziemlich noch an Allem. Es fehlte an Mann 
schaft und an deren Bekleidung und Bewaffnung. 
Die Erfüllung der vom Kurfürsten eingegangenen 
Verpflichtung erschien unter diesen Umständen 
bei der ihm gestellten kurzen Frist kaum aus 
führbar, und gereicht es Hessen zum nicht ge 
ringen Ruhme, daß mit Aufbietung aller Kräfte 
dennoch binnen vier Monaten mehr als 24,000 
Hessen unter Waffen standen, und auch zu ihrem 
Theil rühmlichen Antheil an der Besiegung 
Napoleons zu nehmen befähigt waren. 
Wenn auch das gleichsam aus dem Erdboden 
gestampfte Heer unter den bei seiner Errichtung 
obwaltenden Verhältnissen in großen offenen 
Feldschlachten keine Verwendung finden konnte, 
so hatten doch die braven hessischen Soldaten 
bei der ihnen gewordenen Aufgabe der Belage 
rung der feindlichen Festungen, und in einer 
Anzahl kleinerer Gefechte Gelegenheit, sich des 
Ruhmes ihrer Väter würdig zu zeigen. 
Dieser durch Jahrhunderte hindurch bewährte 
Kriegsruhm der Hessen wurde auch von Blücher 
anerkannt in dem am 29. Dezember an den 
Kurprinzen gerichteten Schreiben, welches mit 
den Worten beginnt: „Es gereicht mir zum 
besonderen Vergnügen, daß Ew. Durchlaucht 
mit Ihren braven Hessen zur Schlesischen Armee 
stoßen und mir dadurch das Glück wird, ferner 
mit Höchstdenselben bei einer Armee zu dienen." 
Blücher legte auf das Erscheinen der Hessen auf 
dem Kriegsschauplatz großes Gewicht, da sie zur 
Ablösung des Kleist'schen und Hork'schen Korps, 
welche die Festungen Luxemburg, Metz, Thion- 
ville, Saarlouis blokirten und deren Hülfe er 
dringend in den Kämpfen mit Napoleon bedurfte,
	        

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