Full text: Hessenland (4.1890)

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Dabei »ahm er dem jungen Mann das Schreiben, 
Das dieser hielt, hieß in der Stadt ihn bleiben, 
Er wolle ihm Bescheid zukommen lassen. — 
— Vorbei! — Und Götz stand unter seinem Baume, 
Wo er -vorher gewartet, wie im Traume, 
Er konnte soviel Huld noch gar nicht fasten. 
Wie'n Meuchelmörder hatte er gelauert 
Und sein verlornes Dasein schon betrauert. 
Nun schien ihm sonnenhell des Fürsten Gnade, 
Erleuchtet schienen ihm der Zukunft Pfade. 
— Sein Schreiben m ußte wirken, wie er meinte, 
Er scheute nicht die Welt mehr, nicht Gefahren, 
Berechtigt fast hielt er sein toll Gebühren, 
Glicht fern die Zeit, die ihn Christinen einte. 
— Und froh schritt er zur Stadt im Sonnenglaste, 
Dort angekommen, schnurstracks zum Palaste. 
Er mußte hören, wie die Sachen lagen. 
Vielleicht konnt er noch einen Fußfall wagen. 
Jetzt oder nie, zum Abschluß wollt er's führen. — 
Und sonderbar, wo er den Namen nannte, 
Man dienstbeflissen gleich voraus ihm rannte, 
Und öffnete ihm freundlich alle Thüren. 
So war er in den Wanesaal gekommen. 
Doch kaum hat er im Sessel Platz genommen, 
Tritt ihm der Offizier vom Dienst entgegen: 
»Herr Leutnant Götz, ich bitte, Ihren Degen j" 
»Oho!" ruft Götz. — »Gehorchen!" flüstert Jener, 
»Es ist Befehl! — Ich führe Sie zur Stelle 
Im wohlverdeckten Wagen zum Kastelle. — 
— Rur Ruhe, Freund! — Fürwahr, es wäre schöner, 
Dürft' ich sie jetzo freundlicher begrüßen, 
Doch — Hoffnung — muß die bittre Pflicht versüßen!“ 
—»So hoffen Sie für mich!" — »Gewiß, — das Beste!" 
So saß denn bald Freund Hermann auf der Veste 
Und blickte durch das Fenster seiner Zelle 
Tag aus, Tag ein, nur auf den Strom, den trägen, 
Oft wollten Gram und Haß sich in ihm regen. — 
— Wie jenes Master floh der Zeiten Welle. — 
Und ach, kein Bote, der ihm Hoffnung machte, 
Und keine Nachricht, die Befreiung brachte. 
Schon stand der Schreckenstag in nächster Nähe, 
Der seinen Glückstraum wandelte in Wehe. 
Im wachen Traum sah er die Myrthenkrone, 
Die man um seiner Liebsten Haupt geschlungen, 
Ihr Händchen in des Rohen Faust gezwungen, 
Sah dessen breites Grinsen sich zum Hohne! — 
Dann wieder träumt im Schlaf er von Christinen, 
Wie sie in seiner Zelle ihm erschienen, 
Wie sie sich zärtlich zu ihm niederbückte, 
Und einen Kuß auf seine Lippen drückte 
Leis flüsternd: »Nimmer will ich von dir lassen!" 
So warf ihn hin und her in Furcht und Hoffen 
Die Phantasie. Kaum jemals Ubertrosfen 
Fürwahr konnt Strafe sein, wo Fürsten hassen. 
Doch hier, in diesem katzenhaften Triebe 
Grausamen Spiels lag eines Fürsten Liebe. 
»Es muß geschehen sein," sprach Hermann leise, 
Als eines Tags er hehrer Glocken Weise 
Wie aus der Fern' herüber tönen hörte. 
»So ist der Schluß der schöne Traum gewesen. 
An dem ich fast zu neuem Muth genesen, 
Der mich in dieser Nacht so hold bethörte! ? 
»Christine! o," so rief er unter Thränen, 
»Du Arme, Holde, mußt mich treulos wähnen, 
Und ich, — ich hätte alles hingegeben, 
Ilm nur für Dich, mein süßes Lieb, zu leben. 
— Ein täglich Brod hätt ich uns wohl errungen! 
— O sprenge, starker Gott, spreng diese Thüren!— 
— Laß mich dem Geier meine Taub' entführen!! 
—Umsonst!—Zu spät!!—Erhältfieschonumschlungen!" 
Ein wildes Stöhnen — und er sank zu Boden, 
Das Aug' geschlossen, — glich er einem Todten. 
Da rasselten der Thüre schwere Riegel, 
Und, in der Hand 'neu Brief mit großem Siegel, 
Trat jener Offizier in Hermanns Zelle, 
Der einst ihn mußte in Gewahrsam führen: 
»Auf auf, Kamerad, wenn Sie noch Leben spüren!" 
Und Hermann sprang empor. — »Es scheinet helle 
Des edlen Fürsten Gnade über Ihnen!" 
»Zu spät!" rief Hermann mit zerstörten Mienen. 
»Was spät! — Ihr Liebchen harrt! — Ich lese Ihnen, 
Was seiner Hoheit recht und gut geschienen, 
In Ihrer Sache damals zu verfügen: 
»»Sein ungestüm Gebühren büßt zur Stelle 
Der Leutnant Götz im sicheren Kastelle, 
Es bleibt in jedem Falle ernst zu rügen. 
Dem Regiment ist dies sofort zu melden. 
Sonst sind Wir gnädig dem gelehrten Helden, 
Und woll'n ihm nicht den Weg zum Glück erschweren, 
Doch müssen Wir Dispens ihm leider wehren. 
Zehntausend Thaler als Kaution dagegen 
Woll'n Wir für ihn im Schatzamt deponiren, 
Des Anwalts Zustand rehabilitiren, 
Dann giebt der alte Mann wohl seinen Segen. 
Der Zins von der Kaution bleibt Götz solange 
Bis aufgestiegen er zum Hauptmannsrange."" 
Nun Kamerad? Zu was die finstren Züge? 
Sie glauben wohl, daß ich Sie hier belüge?" 
»O nein, mein Herr, das nicht, doch beut dem Todten, 
Der Arzt den Balsam nicht mehr an zur Labe. 
Mein Glück ging während meiner Haft zu Grabe, 
Des Fürsten Gnade ward zu spät geboten!!" 
— »Was spät?" Ich sagt' es schon, Ihr Liebchen harret 
So hören Sie, sind Sie denn ganz erstarret? 
Schon damals, damals schon voll Güt' verfügte 
Der Fürst was ich gelesen, doch genügte 
Er seiner Laun', Sie bitterlich zu strafen 
Für Ihr Vergehn, und — Güt' und Laun', die Beiden 
Sind doch nun mal so seine schwachen Seiten! 
Nein, Freund, Ihr Glück ging wahrlich noch nicht schlafen, 
Dort stehl's!" — Und Hermanns Aug sich leuchtend 
weitet,
        

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