Full text: Hessenland (4.1890)

83 — 
Das Ungeglaubte, es soll glaubhaft werden! 
O sträub' Dich nicht! — Sieh mich zu Deinen Füßen! 
O gönn' mir Deiner Augen lieblich Grüßen! 
O mache mich zum Glücklichsten auf Erden! 
— — Gestehe mir,— Du Schönste aller Schönen, 
Ob Deines Herzens Saiten hold mir tönen ?! u 
Da rang sich stockend los vom rothen Munde 
Zerstückelt und zerpflücket ihr die Kunde, 
Die ihn zum Jubeln, — wie zum Seufzen brachte! 
„O Hermann! — Ach! — Ich liebte Dich ja lange! 
Und doch! — Ach Gott! — mir ist so weh, so 
bange! 
Es war ein Traum, aus dem mir Leben lachte! 
— Dein Bild stand vor mir seit dem Abschieds 
tage, — 
— Nun, — da ich wach, — naht mit dem 
Glück — die Klage. 
Mein Glück ist Deine Liebe, Deine Treue, 
An denen ich in Seligkeit mich freue! 
Doch — ihr Genuß — ist — nimmer — mir 
beschicken! — 
— Wir beide — arm, — mein Vater — 
schwer in Sorgen! 
Ihm mußte längst der plumpe Tölpel borgen, 
Der droben störte unsern holden Frieden! 
Ihm hat mein Vater lange — mich versprochen, 
— Vielleicht — vollbring ich's — wenn mein 
Herz — gebrochen!" 
Und schluchzend brach dem armen Kind die Stimme, 
Doch Hermann ballt die Faust in wildem Grimme. 
»Verschachern Dich?! — Laß sehn!! — die echte 
Perle 
Steht hoch im Preis!! Was hätte er zu bieten 
Für unsre Lieb' und Deinen Herzensfrieden?!? 
Mein Kleinod ist nicht für dergleichen Kerle!!! 
Dann küßt er ihr die Thränen von den Wangen, 
Auf denen Liebeslust und Kummer rangen. 
»Du arm? Das wußt ich nicht, mein süßes Leben. 
Was ficht's uns an?! Hast mir Dein Herz gegeben, 
Ich will es vor dem Brechen sicher schützen! 
O zittre nicht! — Glaub' nur, in meinem Hirne 
Zuckt's auf wie glückverheißende Gestirne, 
Sie drängen sich hervor aus allen Ritzen. 
Ich hab gelernt, — gelernt mit allem Fleiße, 
Und Wissenschaft, — mein Lieb, steht hoch im Preise; 
Nun will ich auf dem Stuhle des Gelehrten 
Das freudig mir Errungene verwerthen, 
Es soll uns mehr, als eitler Mammon nützen. 
— Gehab Dich wohl, — wir sind an Deiner Thüre. — 
Vertrau' auf mich! — W i e ich's zum Ende führe, 
Noch weiß ich's nicht, — der Herrgott wird mich 
stützen!" 
Am andern Morgen zwischen Tag und Dunkel 
Sah die Kapelle droben ein Gefunkel 
Von schneid'gen Waffen, — und dem plumpen Fritzen 
Kam manche Schmarre in's Gesicht zu sitzen. 
Bis endlich Hermann mit 'nem wuchtgen Hiebe 
Das linke Ohr ihm glatt vom Haupte löste. — 
— Da war der Kampf zu Ende, und es flößte 
Der Ausgang Hermann neuen Muth der Liebe 
In seine Seele. — Clausen war gezeichnet 
Und schien zum Freier kaum mehr recht geeignet. — 
Doch Clausen seinerseits gedacht mit nichten 
Auf der Christine Händchen zu verzichten, 
Es sollte sanft ihm alle Schmerzen heilen. 
Er drohte ihrem Vater mit der Pfändung, 
Nähm das Geschäft nicht bald 'ne andre Wendung, 
Er mög', das Mädchen umzustimmen, eilen. 
Nun drang der Vater täglich in Christinen, 
Und täglich finstrer wurden seine Mienen. 
Der Leutnant wurde schroff zurückgewiesen, 
Das Mädchen durft nicht sehn ihn, nicht begrüßen. 
Der Alte hielt die Tochter wie gefangen, 
Er malte ihr mit grauenvollen Farben 
Ein Zukunftsbild von Armuth und von Darben, 
Und vorwurfsvoll ihr seine Worte klangen. 
Die Arme ließ, was half's zu widerstehen, 
Die Festsetzung des Hochzeitstags geschehen. 
Da, in des drohenden Verlustes Nähe, 
Schien's Hermann jetzt, als ob er deutlich sähe 
Und klar den einzig sichern Weg zum Ziele. 
»Zwar, die Kaution, — sie kann ich nicht erschwingen, 
Doch den Dispens mag ich vielleicht erringen, 
Sei's auch im tollen, wagehalsigen Spiele. 
Die Zinsen, die mir die Kaution erschwinget, 
Ein tapfrer Lehrer leichtlich sich erringet! 
Mein Mund soll manche neue Kunde sagen 
Und meinen Ruf soll jeder weiter tragen. 
Kann ich nicht lehren Kindern und Soldaten? 
Ja selbst den Kameraden will ich lehren, 
Wie man im Festungskrieg den Feind verheeren, 
Das eigne Volk kann schirmen und berathen! 
Zu herrlich ist der Preis, der zu erwerben! 
Verlier ich ihn, mag auch ich selbst verderben!" 
Von seinem Lustschloß fuhr der Fürst des Landes 
Begleitet von zwei Herren höhern Standes 
Zur Residenz im Strahl der Abendsonne. 
Das Sechsgespann der gelben Isabellen 
Schien all das goldne Licht zurückzuschnellen, 
Es war dem Fürsten Augenweid' und Wonne. 
Er war der Einzige, dem ein Gestüte 
Der edlen Race stand in reichster Blüthe. 
— So ganz versunken in den Anblick, schreckte 
Ein langer Schatten, der ihn plötzlich deckte, 
Vereint ihn mit dem Schrei der Herrn Begleiter. 
Auf der Kalesche Tritt stand stramm und grade 
Herr Hermann Götz, der Leutnant, in Parade. — 
Des Fürsten Antlitz zog sich breit und breiter 
Zu — lautem Lachen, — und nach kurzer Weile 
Frug er: »Ei Götz, hat's denn so große Eile?"
        

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