Full text: Hessenland (4.1890)

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Den Hauptleuten stand ein Ausschuß der buchischen 
Gemeinde zur Seite. 
Ehe wir unseren heutigen Artikel schließen, 
wollen wir noch die Forderungen der Bauern, 
welche sie in den bekannten, ihnen vom „schwarzen 
Haufen" des süddeutschen Aufstandsgebietes über 
lieferten 12 Artikeln stellten, kurz anführen. 
Diese 12 Artikel verlangten: 
1) die Bauern sollen sich ihre Pfarrer selbst 
wählen, und diese das Wort Gottes lauter und 
rein nach dem Evangelium predigen; 2) die 
Bauern sollen nichts mehr zahlen, als den von 
Gott befohlenen Zehnten, wovon der Pfarrer 
leben und und von dessen Ueberschuß das gemeine 
Wesen und die Armen versorgt werden sollen; 
3) die Leibeigenschaft soll für immer abgeschafft 
sein; 4) Jagd, Vogel- und Fischfang sollen frei 
sein, wie die Luft; 5) der Wald und das Holz 
ebenfalls; 6) die Frohn- -und Spanndienste 
sollen ermäßigt werden; 7) der Bauer soll dem 
Herrn nur durch einen freien und festen Vertrag 
und durch keine Willkür verpflichtet sein; 8) der 
Zins von den Lehngütern soll ermäßigt werden, 
damit der Bauer nicht den ganzen Ertrag seiner 
Arbeit an den Herrn abgeben und umsonst 
arbeiten muß; 9) das Recht soll nach einem 
festen alten Gesetze, nicht nach neuen Satzungen 
und Willkür gehandhabt werden; 10) wer mit 
Unrecht Gemeindegüter an sich gerissen, soll sie 
zurückstellen; 11) die Abgabe bei Sterbefällen 
soll aufgehoben sein, damit Wittwen und Waisen 
nicht um das Ihrige gebracht werden; 12) diese 
Artikel soll man annehmen oder aus der Bibel 
widerlegen. — Man kann gerade nicht sagen, 
daß diese Forderungen übermäßig radikal gewesen 
seien, einzelnen derselben ist sogar eine gewisse 
Berechtigung nicht abzusprechen; woran lag es nun, 
daß trotzdem der Bauernkrieg einen so grauen 
haften Verlauf nahm? 
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, 
Vor dem freien Mann erzittre nicht! — 
In der folgenden Nummer werden wir uns 
zunächst mit der Persönlichkeit des Apollo von 
Vilbel und mit dessen Chronik nach den Abgaben 
Gegenbaur's und Rübsam's beschäftigen. 
(Fortsetzung folgt.) 
>1. 
aution. *) 
Eine Novelle aus kurhessischer Vergangenheit. 
Von Hugo Freöerking. 
Auf hohem Hügel stehn die kargen Reste 
Der Rauschenburg! Es blieb vom Rilterneste 
Kaum mehr als der Kapelle Mauer stehen, 
Darinnen Bruchwerk noch der schlanken Bogen, 
Die einst, gewölbt, sie kühn im Kreuz durchzogen. — 
— Im Tannwald flüstert es mit leisem Wehen, 
Es rauscht in seinen Wipfeln um die Beste: 
„Horcht auf! Horcht auf, es kommen muntre Gäste! tt 
— Und wirklich! — Aus des kleinen Städtchens Gassen 
Am Fuß des Hügels naht in bunten Massen 
Ein Kirmcszug mit Flöten, Pauken, Geigen, 
Geschmückt mit Blumen, Laub und bunten Bändern, 
In schwarz- und lichten Feiertagsgewändern. 
— Schon wimmelt's auf des Hügels schmalen Steigen, 
Nun ordnet sich's auf Burghofs grünem Rasen, 
Und der Trompeter muß zum Anhub blasen. 
Da giebt's ein Schwänzeln nun und ein Scharwenzeln, 
Ein sehnsuchtsvolles Blicken, zierlich Tänzeln! 
Der Bursch holt sich die Maid, der Herr die Dame, 
— Bald hüpft man heiter nach den heitern Weisen! — 
Nur Eine steht zur Seit'! — Sie schaut dem Kreisen 
Hold lächelnd zu. — Christine ist ihr Name. —- 
*) Nachdruck verboten. 
Sie kam von hoher Schule jüngst nach Hause. — 
Ihr Vater war der Rcchtsverständ'ge Krause, 
Ein ganzer Mann, bekannt bei allen Leuten, 
Er konnte viel und wollte viel bedeuten. 
Man munkelte von seinen reichen Schätzen. 
— Er ließ sein Kind auf's Sauberste erziehen, 
Die Samen gingen auf und sie gediehen 
Zur Wunderblum, zu aller Welt Ergehen. 
Christine war 'ne wonnevolle Blüthe 
An Seel und Leib, mit sonnigem Gemüthe. 
— Da stand sie mit dem Bruder und der Schwester, 
Doch jetzo faßt sie deren Händchen fester 
Und senkt erröthend ihrer Augen Lider, 
Denn — um die Mauerecke der Kapelle 
Biegt Leutnant Hermann Götz und naht ihr schnelle. 
Er spricht, die Hand dem Mädchen reichend, bieder: 
„Mit Freuden hab ich, heimgekehrt, vernommen, 
Daß meine Jugendfreundin angekommen, 
Da hieß ich eilig wandern meine Füßc, 
Damit ich Sie zum ersten Tanz noch grüße! 
Gestatten Sie im Reigen Sie zu schwingen?" 
Gesagt, gethan! In jubelndem Entzücken 
Durft er im Tanz die Holde an sich drücken, 
Ihm war, als hör' er Sphärensänge klingen. —
        

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