Full text: Hessenland (4.1890)

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das war nicht der Ausdruck in den Gesichtern 
der Menschen, den sie sonst zeigten, wenn sie 
über die Straßen nach den Gotteshäusern zogen; 
das waren nicht die Banner, welche sonst an 
diesem Feste den friedlichen Bittgängen vorge 
tragen wurden! Nein, der eherne Mund der 
Glocken heulte Sturm, der Gesang erscholl von 
wilden Liedern des Aufruhrs und der Empörung, 
die Augen blitzten in grimmer Wuth der Auf 
regung, und die Fahnen eines wüsten Aufstandes 
flatterten am Oster-Morgen des Jahres 1525 
von Osten her, von den Bergen der Rhön und 
den Thälern der Fulda nach der Höhe des Peter 
bergs, eines Sitzes, der durch den mehrjährigen 
Aufenthalt des berühmtesten Gelehrten seiner 
Zeit, des Rhabanus Maurus, für alle folgenden 
Zeiten geweiht worden war. Mit Angst und 
Sorgen sah der damalige Propst des Peters 
berges, Apollo von Vilbel, den herannahenden 
Sturm und mit zitternder Hand trug er die 
Ereignisse jener Tage in seine Chronik ein, die 
theilweise noch erhalten ist, aber mit dem 
3. Ostertage des Jahres 1525 schließt. Apollo 
von Vilbel erzählt uns, wie am Ostertage in 
Dipparts die Bauernschaaren sich sammelten, nach 
allen Himmelsgegenden mittelst Feuersäulen das 
Zeichen der Vereinigung gaben, und wie die 
ganze Nacht hindurch das Geschrei und Getöse 
ertönte; das Gleiche währte am 2. Ostertage 
fort, bis sich allmählich ein großes Bauernheer in 
der Umgegend von Fulda vereinigt hatte und 
nun am 3. Ostertage seinen verheerenden Zug 
begann. 
Vorher schon hatte eine fränkische Rotte den 
Propst vom Johannesberg, Melchior von Küchen 
meister, der von Holzkirchen in Franken heim 
kehrte, überfallen und ermordet. Die Hammel 
burger hatten die Mörder verfolgt und das 
Schloß Reußenstein, wohin sich diese zurückgezogen 
hatten, zerstört; und so noch hatten die Hammel 
burger ihre Anhänglichkeit an ihren Abt zu 
Fulda bethätigt. Bald darauf waren gerade sie 
die ersten Unterthanen des Hochstiftes, welche dem 
Aufstand folgten, und die Landschaft „in den 
Buchen" wie durch einen Schlag in Bewegung 
setzen halfen. Wohl an 10 000 Mann stark soll 
das Bauernheer gewesen sein, welches sich bei 
Dipperz gesammelt hatte. Sein Führer war der 
berüchtigte sog. Dipperzer Christus, seines Standes 
ein Bauer von Dipperz. Heuschreckenartig über 
fielen die Bauern die Klöster und Kirchen um 
Fulda, zunächst am Petersberge. Propstei und 
Kirche wurden geplündert, alle Kleinodien und 
alles Hausgeräthe geraubt, die geweihten Hostien 
aus den silbernen Kelchen umhergestreut, und 
diese mitgenommen; nachdem hier das Werk 
vollbracht war, wandte sich der Zug nach dem 
Frauenberge. Das Verfahren war dort dasselbe, 
nur erwähnt hier besonders entrüstet Apollo von 
Vilbel, mit welcher Rohheit die Bauern das 
Grab des dritten Abtes von Fulda, Ratgar, ge 
waltsam geöffnet, die noch vorhandenen Gewänder 
und Gebeine herausgerissen und umhergestreut 
hätten. Damit schließt die Chronik Apollo's 
von Vilbel; es ist, als ob in Folge der Greuel 
und der Schauer vor diesen Erscheinungen der 
Hand des Chronisten der Griffel entfallen sei. 
Schon am Charfreitage des Jahres 1525 
hatte in Fulda die Kunde verlautet, daß sich 
zu Ostern in der Nähe von Dipperz ein gewaltiges 
Bauernheer sammeln werde, das es auf die 
Landschaft in den Buchen abgesehen habe. Kauf 
leute, die von der Frankfurter Messe heimkehrten, 
hatten, wie Apollo von Vilbel in seiner Chronik 
berichtet, diese Nachricht von ihrer Reise mit 
gebracht und sie im Gasthause „zum Bären"*) 
erzählt. So war es denn auch gekommen. Nach 
dem die Bauern unter Anführung des s. g. 
Dipperzer Christus ihren verwüstenden Zug nach 
dem Petersberge, dem Frauenberge, dem Johannes 
berge unternommen, griffen sie mit gleicher Wuth 
das Hauptkloster des Hochstifts sammt der Propstei 
zum hl. Michael an. Sie verjagten die Pröpste 
sammt ihren Geistlichen, plünderten und zerstörten 
die Kirchen und die dazu gehörigen Gebäude, 
und zogen schließlich über die Brücke nach dem 
Andreasberge (Neuenberg). Hier lagerte am 
dritten Ostertage am Münsterfelde die an 
10,000 Mann starke Horde, nachdem sie zuvor 
das Kloster zerstört hatte, und theilte unter den 
Augen des aus dem Kloster verjagten Propstes 
Volpert von Riedesel den Raub aus den Kirchen 
und Klöstern. Die Stadt Fulda schloß sich der 
Bewegung der Bauern an, und von. da an tritt 
der bisherige Führer der Bauern, der s. g. 
Dipperzer Christus, in den Hintergrund. Oberster 
Hauptmann des Fuldaischen Haufens wird jetzt 
Hans Dolhobt (Dolhofer), ein. Uhrmacher von 
Fulda; weitere Hauptleute waren Henne Wilke, 
Hans Kugel und Hans von Rohm (Rom**). 
*) Diese Darstellung Gegenbaur's beruht nach Angabe 
Rübsam's wohl auf irriger Lesung des Manuskriptes von 
Apollo von Vilbel, da die' betreffende Stelle in dem von Dr. 
Rübsam benutzten Manuskripte der Bibliothek des bischöflichen 
Seminars zu Fulda, wie folgt lautet: 
Hoc anno in edomada passionis cives quidam 
Fuldenses de nundinis / Franckfurdinis Fuldam 
venerunt et literas conspiracionis et coniuracionis / 
rusticorum ab alienis nostrum commissas secum 
apportaverunt, scilicet Andrea / dictus zum Bern . . . 
**) Dr. Falckenheiner nennt unter den Haupträdels 
führern der Aufständischen in Fulda: Symon Schneider, 
Hans Dalhopf, ein Uhrmacher, Henn Wilcke und Hans 
von der Rone. Symon Schneider wird als oberster Haupt 
mann der Fuldaer in einem Schreiben der Bauern aus 
dem Gerichte Thann erwähnt.
	        

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