Full text: Hessenland (4.1890)

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bin ich auch schon hineingeworfen und weiter 
gehts im gestreckten Laufe". 
Er war gerettet, fast wunderbar; in dem 
Gefühle innigen Dankes gegen die göttliche Vor 
sehung, mit neuer Lebenshoffnung ließ er sich 
von dem treuen Kameraden dahinführen; der 
berichtete von den eigenen bestandenen Gefahren, 
seit er vor 14 Tagen von dem Regimente 
getrennt wurde, wie er noch so eben von den 
Kosaken verfolgt worden sei u. A. Bis spät in 
die Nacht dauerte die Fahrt, am nächsten 
Morgen ging es weiter und Abends 7 Uhr 
fuhren die Flüchtlinge in Königsberg vor dem 
Rathhause vor, um sich Quartierbillets zu 
erwirken. Ein unbeschreibliches Gedränge herrschte 
hier von den in gleicher Absicht anwesenden 
Offizieren und Soldaten, auf der Straße wimmelte 
es von kranken und gesunden Soldaten; zahl 
lose Schlitten fuhren in der Dunkelheit gegen- 
oder ineinander, in das Toben und Fluchen 
der Kutscher mischte sich gräßlich das Jammern 
und Wehklagen der Kranken. Mit' Ungeduld 
harrte Bardeleben in dem Gewühle der Rückkehr 
Pavie's aus dem Rathhause, als er seinen Namen 
laut ausrufen hörte, was mehrmals wiederholt 
wurde; aus voller Kehle schrie er jedesmal „Hier", 
der Suchende war bald in der Nähe des 
Schlittens und fiel B., als dieser gerade wieder 
sein Hier rief, mit den Worten um den Hals: 
Albrecht! Bardeleben, bist du es? Der erkannte 
die Stimme nicht, beantwortete jedoch alle Fragen 
mit Ja. Indessen kehrte Pavie zurück und ließ 
ihn in die Wohnung des unbekanten Freundes 
fahren, welcher jenen seiner Mutter vorstellte 
und ihrer Sorge empfahl, dann zum Rathhause 
zurückeilte „wo er Tag und Nacht in dieser 
Zeit gegenwärtig sein müsse". Er hatte aus 
Pavie's Munde den Namen Bardeteben's gehört, 
sofort einige Fragen gethan und sich an den 
Schlitten begeben. Ziemlich ärmlich erschien die 
Wohnung, in welcher die Mutter für den Gast 
freundlich sorgte, in den letzten Tagen waren ja 
Königsbergs Straßen und Häuser mit Elend 
und Schrecknissen erfüllt worden. Lassen wir 
ihn selbst reden. 
„Vor allen Dingen versah sie mich mit 
Wäsche und Kleidungsstücken. Meine Beine 
waren dick geschwollen und fast durchaus leblos; 
beim Ablösen der alten Lappen sank ich über 
den unerträglichen Geruch in Ohnmacht, aber 
wie erschrak ich, als ich mich erholt hatte, über 
den schrecklichen Zustand der Beine, die wie ge 
füllte Schwämme sich zeigten und ausgebrannter 
Kohle ähnlich sahen; auch die Schenkel waren 
bereits geschwollen. Meine Wirthin sandte noch 
selbigen Abends zu verschiedenen Aerzten, doch 
vergeblich. Am frühen Morgen erschien ein 
junger französischer Arzt, welcher nach langer 
gründlicher, oft durch den starken Geruch unter 
brochener Untersuchung erklärte, es sei große 
Gefahr vorhanden und schleunige Hilfe geboten; 
er werde einen erfahrenen Arzt zu Rathe ziehen 
und bald thunlich zurückkehren. Erst gegen 
Mittag kehrte er mit einem älteren Arzte zurück, 
schweigend untersuchte auch dieser meinen Zustand, 
dann entfernten sich beide in das Nebenzimmer. 
Nach langer Unterredung, wobei ich die Wirthin 
öfters schluchzen hörte, traten beide wieder ein 
und zögernd unterbreiteten sie mir, das einzige 
Mittel mein Leben zu retten sei — die Abnahme 
beider Beine am Knie. An dieses Mittel hatte 
ich nicht im Entferntesten gedacht, einen harten 
langen Kampf hatte ich zu bestehen, um zu 
einem Entschlüsse zu gelangen. Leben oder Tod, 
das war die Frage, welche ich nicht leichtsinnig 
beantworten wollte, ich leugne nicht, daß mein 
Herz ängstlich klopfte, bevor der Entschluß zur 
Reife gedieh. Doch sobald er fest stand, fühlte 
ich mich völlig beruhigt und erklärte den Aerzten 
auf das Bestimmteste, daß ich mich dieser 
Operation nicht unterwerfen werde. Alle Hin- 
und Herreden änderten nichts an meinem 
Entschlüsse, doch muß ich die Bereitwilligkeit 
der Aerzte anerkennen, mit welcher sie nun die 
ihnen außerdem zu Gebote stehenden Mittel, 
wenn auch am Erfolge zweifelnd, zur Anwendung 
brachten. Sie unternahmen die Reinigung der 
Eiterschwämme, schnitten die Brandstellen aus, 
verschrieben Mittel zum inneren und äußeren 
Gebrauche und stellten ihre öfteren Besuche in 
Aussicht. 
Schwach nur war meine Hoffnung — ich be 
trachtete mich als dem Tode verfallen. 
Gegen Abend war ich in der Einsamkeit 
meines Zimmers in ernste Betrachtungen ver 
sunken, als es heftig an meine Thür pochte und 
Waldmann, unser Regimentsarzt, hereinstürzte, 
der auf dem Rathhause meine Anwesenheit 
erfahren hatte. Nach den ersten herzlichen 
Begrüßungen und flüchtigen Mittheilungen über 
das seit unserer Trennung Erlebte, nahm er 
meine Beine in Augenschein und gab mir einige 
Hoffnung auf Herstellung derselben, wenn ich 
mich seinen vielleicht schmerzhaften Verordnungen 
unterziehen wolle. Natürlich war ich hierzu 
gern bereit. Waldmann eilte nun in die Apotheke, 
um Chinapulver zum inneren und präparirten 
Terpentin zum äußeren Gebrauch zu holen. Da 
i er mit Besorgniß wahrnahm, daß der Terpentin 
keine Schmerzen verursachte, wurde die weiße 
schlammige Masse noch mehr damit getränk^und 
mit in Terpentin getränkten Tüchern verbunden. 
Die Nacht, wie auch die auf diese folgenden drei 
Tage und Nächte, brachte ich, da ich es im Bette
        

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