Full text: Hessenland (4.1890)

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bedeuten solle — er schlief ein. Nach der Oper 
trug ihn ein baumlanger Soldat, auf dessen 
Patrontasche der Kleine saß, während er sich 
an dem Zopfe des Kriegers hielt, heim in das 
Gasthaus. 
Noch drei Tage dauerte die Fahrt, bis die 
Reisenden Eistrup bei Hoha an der Weser er 
reichten, wo der alte Schatzxath seinen Enkel 
aus der Hand der Tochter übernahm; er gewann 
diesen alsbald lieb, ebenso wie das Kind den 
Großvater. Ein kleiner Umstand vermittelte dies, 
wie so oft im^Leben : der Schlag der Kutsche 
leistete beim Oeffnen Widerstand, da setzte der 
Knabe über ihn hinaus und in die Arme des 
freundlichen Großvaters, der sich darob sehr 
freute und ihn einen lieben tüchtigen Jungen 
nannte. Bald fühlte sich Albrecht hier glücklich 
unter der Leitung des milden, menschenfreund 
lichen Großvaters, in dessen Hause sich bereits 
die' ältere Schwester des Knaben seit Jahren 
befand. Die schrankenlose Freiheit des Eltern 
hauses fand er hier nicht, da er weit mehr 
Unterichtsstunden hatte; von dem Pastor Her 
mann, einem pedantischen, ängstlichen Manne, 
äußert er aber dankbar später „er habe ihm 
mehr zu verdanken als einem anderen seiner 
Lehrer". Das Heimweh, welches er hatte, da 
er hier keine Berge sah, verging bald unter dem 
erwärmenden Hauche des Familienlebens im 
Becquer'schen Hause und in dem Knaben, welcher 
durch sein frisches Wesen Liebling des Schatz 
rathes war, traten auch Muthwillen und Bor 
lautheit hervor. Oesters nahm der Großvater 
ihn auf kleinen Reisen mit, nach Nienburg, 
Hannover u. s. w., so auch zu einem Manöver 
bei Minden, in welchem die Schlacht von 1759 
dargestellt wurde, bei der Albrechts Vater ver 
wundet worden war. Der von der Truppen 
masse. den Angriffen und dem Donner der 
Geschütze berauschte Knabe konnte sich nur nicht 
darein finden, daß der kleine gekrümmte Mann 
in einfacher Uniform, sogar mit kleinen Sporen, 
welcher ruhig in dem Getümmel umherritt, der 
große König, der Held des Jahrhunderts sein 
solle. Hatte der Anblick der Offiziere und Sol 
daten in Kassel schon den heimlichen Wunsch 
hervorgerufen, auch einst ein solcher zu werden, 
so war das nun entschieden. Heimgekehrt gab 
Albrecht sich nur noch kriegerischen Spielen hin, l 
träumte von Helden und Krieg, bewunderte die 
Spartaner und meinte sogar von deren Suppe 
bestehen zu können, freilich, wie er bekennt, nur 
wenn er satt war. Bei seinen mannigfachen 
wilden Streichen hatte er öfters die Nachsicht 
des Großvaters nöthig; in der Regel wurde 
ihm Verzeihung zutheil, da nur Wahrheit über 
seine Lippen kam, wie überhaupt in diesem 
Hause Alle streng an der Wahrheit hielten und 
selbst kleine Nothlügen ernstlich gerügt wurden; 
„wäre ich einer absichtlichen Lüge mir bewußt 
gewesen, ich hätte mich selbst verachtet", sagt 
er von sich. So wuchs er sittlich wohlbehütet, 
in Gesundheit und Abhärtung heran, unbeirrt 
von des Schatzrathes geheimem Wunsche, ihn 
zum Juristen sich ausbilden zu sehen. Der Knabe 
hatte jenen zur 50jährigen Jubelfeier der Uni 
versität Göttingen zu begleiten; durch das An 
sehen, in welchem Herr von Becquer stand, er 
hielt sein Enkel bei allen Gelegenheiten einen 
guten Platz; sogar durfte der noch nicht 10jährige 
in dem öffentlichen großen Prunkzuge mit allen 
Zeichen der Landsmannschaft geschmückt in der 
Nähe der jungen englischen Prinzen einherziehen. 
Doch erdrückte ihn das Uebermaß der Festlich 
keiten und gern fuhr er von da mit dem Groß 
vater nach Kassel, wo er die geliebte Mutter 
wiedersah und wo Schritte gethan wurden, ihn 
in das landgräfliche Kadettenkorps eintreten zu 
sehen; zum höchsten Entzücken Albrechts. Er 
verlebte dann noch die Zeit bis zum Eintritte 
in dem freundlichen Eistrup, bis endlich die er 
sehnte Botschaft eintraf, daß er zum 1. April 
1788 einberufen sei. Als die Scheidestunde da 
war, ermahnte der Großvater ihn, Gott vor 
Augen und im Herzen zu behalten, sank vor 
dem Bilde des Erlösers in die Knie und flehte 
in inbrünstigem Gebete den Segen des Höchsten 
auf den neben ihm knieenden Enkel herab. Der 
Kleine gelobte Tugend und die tiefe Rührung 
dieser Stunde zitterte in seinem Herzen durch 
das Leben nach. 
Noch in kindlichem Alter verlor der nun 
mehrige Zögling des Mars so Manches, was 
seinen Jahren nach angemessen gewesen sein 
würde, das für ihn Bedeutsamste war aber, daß 
die reine und edle geistige Luft des großväter 
lichen Hauses, wo seine Seele das Gute ein- 
athmete, nun nicht mehr auf ihn einwirken 
konnte. Doch war auch so ein trefflicher Grund 
gelegt, auf welchem mit Vortheil weiter zu 
bauen war. 
(Forts, folgt.)
	        

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