Full text: Hessenland (4.1890)

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Hafteste bekannt ist, tritt mit den ^Strom- 
schnellen^ zum ersten Male mit einem größeren 
Werk an die Öffentlichkeit. Der drei starke Bände 
umfassende Roman führt uns mitten in das gesell 
schaftliche Leben und Treiben der Gegenwart, welches 
der Verfasser mit großer Virtuosität zu schildern 
versteht. 
In der poetischen Einleitung vergleicht Freder- 
king das menschliche Leben mit einem Strom, der 
Anfangs lustig rauschend fürbaß hüpft, bis er sich 
endlich in breiteren Bahnen in die Au'n ergießt, 
schon hofft man auf seinen baldigen Nutzen, da 
thürmt sich ihm plötzlich ein mächtiges Felsriff quer 
in den Weg und ungestüm brausend, brodelnd und 
zischend drängen sich nun die Wasser an diesem vor 
bei und darüber hinweg. 
„Stromschnellen heißet man die wilden Strudel — 
Jedwedem Schifflein bringen sie Gefahren — 
Und manchem Strom zersplittern seine Kräfte 
Unfruchtbar bis zur Mündung lauter Schnellen." — 
Von den meisten Strömen aber werden sie sieg 
reich überwunden und das trotzige Entgegenstemmen 
der Felsenriffe kann die wohlthätige Macht, welche 
den Ufcrgauen Nutzen bringen soll, nur für Augen 
blicke ihrer. Bestimmung entziehen. 
„Vergleicht nun mit dem Strom des Menschen 
Dasein, 
Vielleicht das ganze Werk, an dem er schaffet, 
Die Ufergaue mit der Allgemeinheit, 
So werdet Ihr das Gleichniß treffend finden, 
Und werdet auch aus diesem Buch erkennen 
Stromschnellen in dem Treiben meiner Menschen !“ 
Der Held des Romans ist Odo Flying, oder, 
wie sein eigentlicher Name lautet, Bodo Hartmann, 
welcher wegen eines Knabenstreichs von seinem 
Vater, dem Werkführer einer großen Maschinenfabrik, 
verstoßen, nach Amerika und Afrika ausgewandert 
ist und als ein „ganzer Mann" nach zwanzig Jah 
ren in die Heimath zurückkehrt, um unerkannt die 
Liebe und Achtung des alten, starren Vaters wieder 
zu erringen. Als Odo Flying hat er das Herz des 
Vaters zwar Schritt für Schritt erobert, aber er zweifelt 
noch immer daran, daß er auch als Bodo Hartmann 
vor den strengen Grundsätzen des alten Mannes be 
stehen werde, da rettet er bei einem Brand mit 
eigener Lebensgefahr die Mutter und den Bruder 
des jungen Mädchens, welches seine Liebe gewonnen; 
sein wahrer Name wird entdeckt, da er, schwer ver 
letzt, zwischen Leben und Tod schwebt und die Aus 
söhnung erfolgt. Die Schilderung des brennenden 
Hauses und die Rettung der Frau Zahn und ihres 
Söhnchens auf der schwanken, über den Mühl 
graben gelegten Leiter, wird viele Leser an einen 
gegen Ende der sechsziger Jahre in Kassel statt- 
gefundenen Brand erinnern, wenn auch manche Um 
stände damals anders waren. Versteht es der Ver 
fasser, die äußerlichen Vorgänge in den lebhaftesten 
Farben zu malen, so bringt er andererseits mit eben 
so großer Anschaulichkeit das Gefühlsleben zur Gel 
tung; in dieser Hinsicht sei auf die Scenen 
zwischen Mutter und Sohn hingewiesen, wo das 
Mutterherz die Nähe seines Lieblings ahnt und 
dieser sich doch nicht an dasselbe werfen kann, denn 
„Wie's auch das Eine zum Anderen trieb, 
Sie durften nicht zu einund'". 
Neben Bodo Hartmann nimmt das besondere 
Interesse der Forstassessor Malsfeld und sein Werben 
um die „Nixe von Erhardshöh “, die Tochter eines 
reichen Maschinenfabrikbesitzers, in Anspruch. In 
Pikanter Weise wird das Widerspiel zweier ebenso 
geistvollen, wie trotzigen Menschen nuancirt, bis 
endlich der höchst charakteristisch gezeichnete „wilde 
Jäger" den Sieg über die launenhafte, emanzipations 
lustige junge Millionärin davon trägt. Um die sich 
findenden Paare, Bodo Hartmann und Bertha Zahn, 
Malsfeld und Eugenik Erhard , gruppiren sich noch 
eine Menge episodischer lebenswahrer Gestalten, von 
welchen in erster Linie der Husaren-Lieutenant von Ecken 
warth, mit dem Beinamen „der heilige Erasmus", der 
Forstassessor Oellerhop und Tante Wiese genannt seien. 
Der Verfasser ist in den feinen gesellschaftlichen 
Kreisen ebenso zu Hause, wie im frischen grünen 
Wald und in der Arbeiterwelt, denn auch in diese wird 
der Leser bei dem umfassenden Stoff des Romans 
eingeführt, da Bodo Hartmann als Antisocialist eine 
erfolgreiche Thätigkeit entwickelt. Von den Zeit 
fragen wird ferner noch die Kolonialpolitik behandelt 
und für dieselbe mit Begeisterung eingetreten. 
Durch den reichen Inhalt, das Fesselnde der Er 
zählungsart, die elegante Sprache werden die „Strom- 
schnellen" , welche in einer der bedeutendsten Ver 
lagsbuchhandlungen Deutschlands (Otto Janke) er 
schienen sind, bei dem Publikum die beste Aufnahme 
finden und den Namen unseres Landsmanns allgemein 
bekannt und beliebt machen. W. W. 
Briefkasten. 
F. G. Kassel. Aufnahme kann erst in einer der nächsten 
Nummern erfolgen. Besten Dank. 
R. R. Borken. Kam sehr erwünscht. Sie erhalten 
Korrekturabzug. 
G. M. Leipzig. Findet in nächster Nummer Platz. Die 
Besprechung mußten wir ebenfalls für die nächste Nummer 
zurückstellen. Freundlichsten Gruß. 
0. K. Bergen. Wir werden Ihnen brieflich antworten. 
L. M. Eschwege. Warum so schweigsam? 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: F. Zwenger in Fulda, Druck und Verlag von Friedr. Scheel in Kassel.
	        

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