Full text: Hessenland (4.1890)

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Küche gegenüber. Zuerst spricht keins ein Wort, 
dann zieht sie ihn an der Hand in die Küche 
und sagt. einen Topf vom Feuer rückend in ge 
dämpftem Ton : „Wer hätte das vor vier Wochen 
gedacht, Konrad! Hast Du durch einen Alten 
brunner davon erfahren?" 
„Das Bärbchen hat es mir eben erzählt. 
Weiß Gott, warum mir meine Mutter —" 
Martlis fällt ibm ins Wort. 
„Die sollte Dir jetzt noch nicht schreiben, was 
geschehen ist, ich sagte es ihr beim Fortgehen. 
Denn siehst Du. Konrad, wir können ja doch 
nimmermehr zusammen kommen, wenn ich nicht 
will, daß dem Vater das Häuschen verkauft 
wird. Nur weil ich versprochen habe, für die 
Zinsen aufzukommen, hat der Katz noch Frist 
gegeben und der Pfarrer beim Bürgermeister 
für uns gutgesprochen. Ich müßte mich ja 
todt schämen, wenn ich nun mein Wort nicht 
hielte und mit Dir ginge". 
Sie hält tiefathmend inne, und wie sie den 
Burschen nun flehend anschaut, wird er erst ge 
wahr. wie bleich ihr ernstes Gesicht ist, wie 
dunkel umrandet die sonst so hellen braunen 
Augen sind. Da bricht er in stürmischer Be 
wegung, die fremde Umgebung vergessend, los: 
«Martlis, und wenn ich Dir nun sage, daß Du 
nicht nur die Zinsen, daß Du das ganze Kapi 
tal bei Heller und Pfennig bezahlen kannst, 
willst Du auch dann nicht mit mir gehen? 
Wenn ich Dir sage, daß Du über Nacht ein 
reiches Mädchen geworden bist?" Und ihre Be 
stürzung sehend, fährt er eilig fort: „Martlis, 
hast Du das Loos noch, das ich Dir vor vier 
Wochen schenkte?" 
Ein jäher Schreck durchzuckt ihre Glieder, 
wortlos holt sie aus der anstoßenden Kammer 
ihr Gesangbuch herbei und schlägt es auf. 
Sorgfältig getrocknet liegt die Unglücksnummer 
bei dem Lied: „Befiehl Du Deine Wege", und 
Konrad spricht darauf deutend mit bebender 
Stimme: „Du hast einen Landauer und zwei 
Pferde damit gewonnen, Martlis!"^— 
Die Frau Regierungsrath von Thielemann 
macht ein recht strenges Gesicht, als sie ihr neues 
Dienstmädchen in den Armen eines herrschaft 
lichen Kutschers findet, aber sie wird rasch um 
gestimmt, als die Brautleute ihr abwechselnd 
erzählen, was sich ereignet hat und sagt schließ 
lich mitfühlend:^ „Ich hätte Dich gern länger 
behalten. Lisbeth —" Martlis klingt ihr und 
den Ihrigen zu hart und bäurisch — „aber 
Deinem Glück will ich nicht im Wege stehen, 
Du magst Neujahr nach Hause gehen." — 
An dem ersten Maisonntag des nächsten 
Jahres halten Konrad und Martlis Hochzeit. 
Sie hat nicht früher gewollt, des Vaters wegen, 
dessen Fuß wieder einmal schlimm gewesen ist. 
und um der kleinen Geschwister willen, die sich 
erst allmählich an die alte Base gewöhnt haben, 
die nun den Haushalt führt. Das Warten hat 
den Beiden auch nichts geschadet, das denkt 
jeder, der das schmucke Paar vor dem Altar 
der Altenbrunner Kirche stehen sieht, und es 
bedarf kaum der warmen herzbewegenden Trau 
rede des Pfarrers, um die Bauern mit Theil 
nahme für die jungen Leute zu erfüllen. Diese 
aber hören nichts von dem beifälligen Geflüster, 
welches das Herz der alten Frau Mai mit freu 
diger Genugthuung berührt, dazu sind sie zu 
ergriffen von dem Ernst der Stunde. Martlis 
läßt ihren Thränen freien Lauf, als sie sich an 
alles das erinnert, was zwischen dem Nachmittag, 
an dem die Schäferssrau begraben wurde und 
dem Morgen liegt, an dem sie dem Jakuf Katz 
und dem Bürgermeister die Schuld ihres Vaters 
in blanken Goldstücken zurückzahlte, und Konrad 
ist zu Muthe, als stünde er unmittelbar vor 
dem Throne des Königs aller Könige, als er 
noch einnial an der Kanzel die Worte liest: 
„Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott!" — 
Drei Wochen nach feiner Hochzeit, an einem 
wunderschönen Frühlingsabend, fährt er den 
Rittmeister, der einen Tag in Rotenburg zu 
Besuch gewesen ist, im offenen Wagen zur 
Stadt zurück. Der Offizier ist in bester Stim 
mung, Familie und Pferdestall des Vetters 
haben ihm mehr denn je gefallen, und ganz be 
sonders erfreut hat ihn die junge hübsche Frau 
Mai mit dem prachtvoll duftenden Fliederstrauß, 
den sie ihm bei der Abreise mit Worten über 
strömender Dankbarkeit gereicht hat. Zufrieden 
betrachtet er den glücklichen Konrad, der gar 
nicht weiß, wie er den angebeteten Herrn schnell 
und sanft genug über die holprige Straße hin 
bringen soll. und ein Gefühl der Rührung be 
schleicht sein Herz, als er denkt: „Und das alles 
um ein lumpiges Loos, das noch obendrein 
Nummer dreizehn hatte!" —
        

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