Volltext: Hessenland (4.1890)

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. Hummer Dreizehn. 
Eine Dorfgeschichte aus Niederhessen, dem Leben nacherzählt 
von U. Weiömmüller. 
(Schluß.» 
Nun gut, also das Loos ist in der gestrigen 
Ziehung mit einem Landauer und zwei Wagen 
pferden herausgekommen und hat dadurch der 
geschmähten Dreizehn zu Ehren und Ihnen — 
aber was ist Ihnen denn, Mai, Sie sehen ja 
aus, wie ein Gespenst! Ist Ihnen die Über 
raschung zu groß? Ein Husar darf doch nicht 
so bald die Fassung verlieren ! Oder haben sie 
etwa das Loos nicht mehr?" 
. „Ich hab's meinem Schatz zur Hochzeit ge 
schenkt, Herr Rittmeister." 
Dem Offizier geht ein Licht auf bei dieser 
lakonischen Antwort. Er stampft mit dem Fuße 
und ein unmuthiges: „Dummer Kerl!" drängt 
sich auf seine Lippen. Aber er hält es zurück, 
der arme Bursche vor ihm ist schwer genug ge 
troffen. 
, „Das ist ja schade", sagte er blos, „hoffentlich 
ist der Gewinn bei diesem merkwürdigen Schatz 
nicht übel angebracht". 
Konrad schüttelt heftig mit dem Kops. 
„Nein, Herr Rittmeister, sie hat den Schäfer 
nur des Geldes wegen nehmen müssen, und der 
hat es auch nur geborgt". 
„Nun so schreiben Sie ihr, was sie Ihnen 
für ein schönes Geschenk zu verdanken hat, und 
halten Sie sich selbst auch ferner recht brav. 
Ich werde mich immer freuen, Gutes von Ihnen 
zu hören." 
Konrad geht, ohne noch ein Wort des Dankes 
hervorbringen zu können. Unten überlegt er, 
wie er am besten Martlis von ihrem Gewinn 
in Kenntniß setzt. Schreiben mag er nicht, 
dann liest es der Schäfer und beansprucht das 
Geld für sich. Ob es feine Mutter besorgen 
würde? Gern gewiß nicht, denkt er, da fällt 
ihm das Bärbchen ein. Das hat das erste Un 
heil mit seiner Zuträgerei gestiftet, das mag 
nun auch sehen, wie schön alles hätte werden 
können. Hastig eilt er dem woblbekannten Hause 
zu, in dem das Mädcheu dient, springt die. 
Treppen hinauf und zieht auf's Geradewohl im 
dritten Stock die Klingel. Er hat es gut ge 
troffen, das Bärbchen selbst öffnet. Es sieht sich 
einen Augenblick den eleganten Kutscher befrem 
det an, darauf erkennt es ihn und wird roth 
vor freudiger Ueberraschung. Aber dann zieht 
es die Stirn in Falten. 
„Du bist doch nicht in der Etage irre, Konrad? 
Die Lene wohnt eine Treppe hoch". 
Er lächelt etwas verächtlich. „Ich wollte zu 
Dir, Bärbchen! Würdest Du mir wohl einen 
Auftrag an die Martlis abnehmen?" 
„Willst Du ihn nicht lieber selbst ausrichten? 
Sie dient ja ganz hier in der Nähe, Wilhelms 
straße 5". 
Konrad starrt die Sprecherin an, als zweifle 
er an ihrem Verstände. 
„Martlis dient hier? Wo ist denn ihr Mann? 
Bärbchen schlägt die Hände zusammen. „Ja, 
Konrad, weißt Du denn gar nicht, daß der 
Schäfer todt ist? Daß er auf dem Heimwege 
von der Seefelder Kirmes zwei Tage vor der 
Hochzeit in den Fluß gefallen ist? Daß sich die 
Martlis hierher verdingt hat, um die Zinsen 
für den Katz aufzubringen? Hat Dir denn 
Deine Mutter gar nichts von alledem geschrieben?" 
Konrad hält sich an dem Treppengeländer 
fest. „Wo finde ich die Martlis?" 
„Wilhelmsstraße 5, zwei Treppen hoch. Sie 
hat viel zu thun, aber sie spricht, es wären gute 
Leute. Willst Du gleich zu ihr?" 
„Ja, gleich, Bärbchen! Und jetzt verzeihe ich 
Dir auch, daß Du der Martlis von der Lene 
erzählt hast." • 
„So willst Du die gewiß und wahrhaftig 
nicht mehr? Sie hat ja Deinetwegen den Kon 
dukteur wieder abgeschafft!" 
Konrad hörte die letzten Worte kaum noch. 
So schnell ihn seine zitternden Füße tragen, 
geht er die Treppen hinunter und merkt gar 
nichts von dem Mädchen, das im ersten Stock 
lauschend an der halbgeöffneten Vorthür lehnt 
und sich durch ein leises „Konrad, Konrad!" 
nur ihm bemerklich zu machen sucht. 
Unten angelangt, kommt er wieder zur Be 
sinnung, aber zugleich mit der deutlichen Er 
kenntniß alles Geschehenen übermannt ihn eine 
so unermeßliche Freude, daß er in der nebligen 
Straße auf die Kniee fallen und Gott mit 
Thränen danken möchte. — 
Zehn Minuten später steht er vor der be 
zeichneten Wohnung und fragt die halbwüchsige 
junge Dame, welche ihm die Thüre aufmacht: 
„Dient hier die Martlis Köthe aus Heubach?" 
„Ja, dort in der Küche ist sie. Lisbeth, hier 
kriegst Du Besuch!" Und mit einem erregten 
„Mama, denk' nur! —" verschwindet der Back 
fisch im Wohnzimmer und Konrad und Martlis 
stehen sich auf dem dämmrigen Gang vor der
        

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