Volltext: Hessenland (4.1890)

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magerer und blässer, als sonst. Sein Dichten 
und Trachten war Wissenschaft und Kenntnisse, 
Naturgeschichte schien er immer noch fleißig 
zu studiren, denn er wußte viel davon zu sagen". 
Der von Förster in seinem ersten Briefe er 
wähnte Bestich des Gartens am Weißenstein, 
dem damals das neue Schloß und die Löwenburg 
noch fehlte, und dessen Wasserkünste sich auf die 
Kaskaden nnd die Fontaine beschränkten, hatte 
auf Goethe nicht entfernt den Eindruck gemacht, 
wie auf Klopstock, welcher bei desfen Anblick aus 
gerufen hatte: „Mein Gott, welch einen großen 
schönen Gedanken hat Euer Fürst da in Gottes 
Schöpfung geworfen". Namentlich war es das 
Oktogon mit der Herkulesstatue, welches seinem 
Kunstgeschmack durchaus nicht entsprach. 
In seiner italienischen Reise schreibt er darüber 
am 27. Oktober 1786: 
„Spoleto hab' ich bestiegen und war auf der 
Wasserleitung, die zugleich Brücke von einem 
Berg zu einem andern ist. Die zehn Bogen, 
welche über das Thal reichen, stehen von 
Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da, 
und das Wasser quillt immer noch in Spoleto 
an allen Orte» und Enden. Das ist nun das 
dritte Werk der Alten, das ich sehe, und 
imnier derselbe große Sinn. Eine zweite 
Natur, die zu bürgerlichen Zwecken handelt, 
das ist ihre Baukunst, so steht das Amphi 
theater. der Tempel und der Aquädukt. Nun 
fühle ich erst, wie mir mit Recht alle Willkür- 
lichkeiten verhaßt waren, wie z. B. der Winter 
kasten auf dem Weißenstein ein Nichts um 
Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so 
mit tausend andern Dingen. Das steht nun 
alles todtgeboren da, denn was nicht eine 
wahre innere Existenz hat. hat kein Leben, 
kann nicht groß sein und kann nicht groß 
werden". 
Den Vortheilhaftesten Eindruck machte Kassel 
auf Goethe bei seinem dritten Aufenthalte in 
dieser Stadt im Jahre 1792, als er nach der 
Rückkehr aus der Champagne sich auf der Rück 
reise von einem der Fürstin Galitzin in Münster 
abgestatteten Besuch befand und auf den schlechten 
Wegen in der Nacht mancherlei Beschwerden und 
Gefährlichkeiten erduldet hatte. Er schreibt 
darüber im November 1792: 
„Wie düster aber auch in der letzten und 
schwärzesten aller Nächte ineine Gedanken 
mochten gewesen sein, so wurden sie auf ein 
mal wieder aufgehellt, als ich in das mit 
hundert und aber hundert Lampen erleuchtete 
Kassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick ent 
wickelten sich vor meiner Seele alle Bortheile 
eines bürgerlich städtischen Zusammenseins, die 
Wohlhäbigkeit eines jeden einzelnen in seiner 
von innen erleuchteten Wohnung und die be 
haglichen Anstalten zur Aufnahme von Fremden. 
Ich fuhr auf dem prächtigen, tageshellen Königs 
platz an dem wohlbekannten Gasthofe an". 
Der Gasthof, in welchem Goethe jedesmal ab 
gestiegen war, war der Gasthof am Königsplatz, 
wie er damals in der Kasseler Polizey- und 
Kommerzienzeitung genannt wurde, und befand 
sich in dem im Jahre 1771 von Du Ry erbauten 
und im Jahre 1878 abgerissenen Postgebäude. 
Gleich nach seiner im Jahre 1777 erfolgten Er 
öffnung galt er wohl schon wegen seiner Lage 
an dem nach Schleifung der Festungswälle an 
gelegten schönen Platze, dem Königsplatze, für 
den vornehmsten Gasthof, in welchem ausweislich 
der damaligen genannten Zeitung, die ange 
sehensten Fremden abstiegen. Das daneben ge 
legene Gebäude, der spätere Gasthof zum König 
von Preußen, /war zu der Zeit noch von 
Schlieffen'scher Privatbesitz. 
Ueber seinen vierten und letzten Besuch Kassels, 
im August 1801, schreibt Goethe: 
„Belehrt, froh und dankbar reiste ich den 
14. August von Göttingen ab. Ich begab 
mich nach Hannöverisch Münden, dessen merk 
würdige Lage auf einer Erdzunge, durch die 
Vereinigung der Werra und Fulda gebildet, 
einen sehr freundlichen Anblick bot. Von da 
begab ich mich nach Kassel, wo ich die Meinigen 
mit Professor Meyer antraf. Wir besahen 
unter Anleitung des wackern Nahl, dessen 
Gegenwart uns an den früheren römischen 
Aufenthalt gedenken ließ, Wilhelmshöhe an 
dem Tage, wo die Springwasser das mannig- 
faltige Park- und Gartenlokal verherrlichten. 
Wir betrachteten sorgfältig die köstlichen Gemälde 
derBildergallerie und des Schlosses, durchwandel 
ten das Museum und besuchten das Theater". 
Zum Schluffe möge noch der großen Verehrung 
gedacht werden, welche Goethe wiederholt der 
auch von ihren Unterthanen so hochverehrten 
Kurfürstin Auguste von Hessen, die er bei ihrem 
Aufenthalt in Karlsbad im Jahre 1808 persön 
lich kennen gelernt hatte, bezeigt und in der ihr 
gewidmeten Ode, welche mit den Versen 
„Wohin Du trittst wird uns verklärte Stunde, 
Dir leuchtet Klarheit frisch vom Angesicht, 
Vom Auge Gutheit, Lieblichkeit vom Munde, 
Aus Wolken dringt ein reines Himmelslicht 
beginnt, Ausdruck gegeben hat. 
Die für die Kunst begeisterte Fürstin hat das 
Ansehen, in welchem der große Dichter bei ihr 
stand, dadurch bethätigt, daß sie ihn wiederholt, 
1813 und 1817, in Weimar besucht hat.
        

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