Full text: Hessenland (4.1890)

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stand Goethe in näherer Beziehung, und in per 
sönlichem Verkehr mit dem Akademie-Professor 
Naht, dem Sohne des Bildhauers, dessen Bilder 
„Hektors Abschied von Andromache" und „Achilles 
am Hofe des Lykomedes" den von ihm in den 
Propyläen ausgeschriebenen Preis erhalten hatten. 
Diesen hatte auch der im Jahre 1840 verstorbene 
Akademie-Direktor Ludwig Hummel für sein Bild 
„Perseus und Andromeda" erhalten. Von den 
jüngeren Malern hatte sich namentlich der vor 
wenigen Jahren verstorbene Ludwig Sigismund 
Ruhl seiner Anerkennung zu erfreuen. 
In Weimar hat Goethe im Anfang dieses 
Jahrhunderts auch den genialen, in Kassel im 
Jahre 1857 verstorbenen, Oberlandbaumeister 
"Engelhard, welcher in seiner Jugend ein bild 
schöner Mann und sehr romantisch veranlagt war, 
kennen gelernt. Nach seinem Aufenthalt in 
Weimar hatte dieser, die Guitarre stets auf 
dem Rücken mit sich führend, Italien durch 
wandert. Nach ziemlich allgemeiner Annahme 
hat Goethe ihn bei dem jungen Architekten in 
den Wahlverwandtschaften vor Augen gehabt und 
ihm dies auch, wie der Sohn Engelhards. der 
Oberstlieutenant a. D. dahier nach einer mir 
gemachten Mittheilung von seinem Vater gehört 
hat, selbst erklärt. 
Engelhard, eine seiner Zeit wegen seines 
exzentrischen Wesens und als Erbauer der s. g. 
Engelsburg, an deren Stelle jetzt in Kassel das 
Gebäude des Lesemuseums steht, in Kassel allgemein 
bekannte Persönlichkeit, hatte auch zu den Ver 
ehrern Bettinas von Arnim in der Zeit gehört, 
als diese sich im Winter von 1806 auf 1807 in 
Kassel bei ihrem Schwager, dem Hosbanquier 
Jordis aufhielt. Beide sahen sich erst nach länger 
als vierzig Jahren in Kassel wieder und wird 
über dieses Wiedersehen folgende Anekdote erzählt. 
Bettina habe beiin ersten Anblick Engelhards 
ausgerufen „Aber, Daniel, was bist Du alt und 
garstig geworden, Du siehst ja aus, als hättest 
Du ein paar Jahre in den Erbsen gestanden", 
worauf dieser ihr erwidert habe „und Du bist 
so grob geblieben, wie Du immer warst". 
Nach Mittheilung des oben genannten Sohnes 
Engelhards hat sich die Sache aber, wie er von 
seinem Vater gehört, umgekehrt verhalten. Sein 
Vater habe zu Bettina bei ihrem ersten Wieder 
sehen ausgerufen „Aber Bettina, bist Du alt 
geworden", worauf diese die Worte erwidert, welche 
nach obiger Erzählung sein Vater gesprochen 
haben sollte. 
Der Verkehr Goethes beschränkte sich aber nicht 
allein auf die hervorragenden Künstler Kassels, j 
auch mit dessen Gelehrten, namentlich mit dem j 
Anatomen Sömmering und dem Naturforscher j 
Förster, dem Weltumsegler, hat er in intimern ! 
Beziehungen gestanden, namentlich mit letzterem 
bei seinem ersten Aufenthalt in Kassel im Sept. 
1779 gelegentlich seiner Durchreise auf der mit 
Karl August unternommenen Reise in die Schweiz. 
Während er selbst in seinen Schriften nichts da 
von erwähnt, geben uns folgende Briefe Försters 
darüber Auskunft. 
Am 10. Oktober 1779 schrieb dieser aus Kassel 
an feinen Freund Jakobi in Pempelfort: 
„Vor 4 Wochen war Goethe nebst dem 
Kammerherrn von Wedell und einem Ober 
forstmeister von Wedell bei mir. Ich soupirte 
mit den Herren, ohne zu wissen, daß der Letzt 
genannte der Herzog Karl August war. Zum 
Glück bewahrte mich mein guter Genius, daß 
ich dem Herrn keine Sottisen sagte, wiewohl 
ich dem hohen Herrn gegenüber überhaupt mit 
großem Freimuth sprach. Ich wette, es hat 
Goethe Mühe gekostet, bei einigen Gelegen 
heiten über meine Treuherzigkeit nicht loszu 
platzen. Den Tag darauf besahen sie den 
Garten von Weißenstein; ich sollte die Parthie 
mitmachen, allein ich war zu sehr beschäftigt. 
In der Zwischenzeit erfuhr ich, daß der Herzog 
in der Gesellschaft sei. Den andern Morgen 
kam Goethe zu mir und hernach der Kammer 
herr; wir gingen zusammen nach dem land 
gräflichen Kabinet der Alterthümer und der 
Kunstkammer, wohin der Herzog von Weimar 
auch kam. Ich mußte bei ihnen bleiben und 
gleich nach aufgehobener Tafel fuhren sie davon. 
Auch Goethe hatte sich anfangs nicht genannt, 
ich kannte ihn erst nicht und erkundigte mich 
bei ihm nach ihm selbst. Sie kennen ihn und 
wissen, was es für ein Gefühl sein kann, ihn 
kaum eine Stunde zu sehen, nur ein paar 
Minuten lang allein mit ihm zu sprechen und 
als ein Meteor ihn wieder zu verlieren. Der 
Herzog hat mir ebenfalls gefallen, er frug sehr 
viel, doch nie albern, das heißt Alles mögliche 
praestiren". 
An feinen Vater schrieb er über diese Begeg 
nung mit Goethe am 28. Oktober 1779: 
„Goethe ist ein gescheuter, schnellblickender 
Mann, der wenig Worte macht, gutherzig, 
einfach in seinem Wesen". 
Vier Jahre später, im Herbst 1783, war Goethe 
zum zweitenmale in Kassel, als er mit dem zehn 
jährigen Sohne der Frau von Stein die Harz 
reise machte. 
Darüber schreibt Förster am 13. November 
1783 an Jakobi: 
„Vor 6 Wochen war Goethe hier bei Hofe 
und besuchte Söminering nebenbei fleißig in 
der Anatomie. Ich habe ihn nur wenig ge 
sehen, da wir verschiedene Wege hatten. Er 
fchien mir ernsthafter, verschlossener, kälter.
	        

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