Full text: Hessenland (4.1890)

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der Sprößlinge der Gattin; Albrecht verräth 
uns „ich hatte elf gesunde Geschwister" und wir 
dürfen ihm glauben, wenn er weiter versichert 
„bei mir war von keiner anderen Erziehung als 
der von der Mutter Natur die Rede." Er 
streifte Sommer und Winter bei jeder Witterung 
den ganzen Tag im Freien umher, „war am 
Tage glücklich und träumte Nachts vom Glücke 
des Tages." Die Familie verlegte später ihren 
Sitz nach der anderen Besitzung in dem Dorfe 
Holzhausen bei Homberg, und hier machten 
dem Kinde die unweit gelegene Eisenhütte wie 
der nahe Eisenhammer einen tiefen Eindruck; 
das Rauschen des Wassers, der Gang der 
mächtigen Räder, der erschütternde Ton des 
Pochens der Hämmer, das Zischen der Flammen 
mus dem Hohofen, dazwischen die schwarzen 
Gestalten mit glühenden Eisenstangen sich be 
wegend, wortlos wie Schatten, erfüllten seine 
Seele mit Schauern. Wenn dann am Abend 
das Hüttenglöckchen die Arbeiter zum Gebete rief, 
und plötzlich ringsum tiefe Stille eintrat, fühlte 
auch das Kind sich andächtig bewegt und mur 
melte das von der Mutter ihm gelehrte Gebet: 
Hilf Gott allezeit! vor sich hin. Oft suchte 
Albrecht diese Stätte mit ihrem übermächtigen 
Eindrucke auf, obwohl er sie nur mit Bangen 
betrat; gerade dieses reizte ihn aber und stimmte 
des Kindes Seele zu einer Art von Freudigkeit. 
Glücklich über das Gesehene und Erlebte er 
zählte er dann der Mutter in buntem Durch 
einander , wie es ihm ergangen; noch viele Jahre 
nach dieser Zeit versicherte er als alter Mann, 
daß in seiner Seele noch einzelne Bilder aus 
seiner Kindheit lebten, wenn auch nicht mehr 
klar und scharf von einander gesondert. Im 
Verkehr mit den Landleuten und den Dienst 
boten ging der aufgeweckte, sinnige Knabe nicht 
leer aus; konnte er von ihnen auch nicht das 
Wissen erwerben, welches die Schule und kennt- 
nißreiche Personen uns mittheilen, so lernte er 
doch auch so manches für das Leben ihm Nützliche, 
er lernte mit den einfachen geringen Leuten, die 
ihm gut waren, verkehren. In jener Zeit be 
stand aber noch eine weite Kluft zwischen den 
Vornehmen und den Niedrigen, Armen, auf 
dem Lande zumal. 
Wie die meisten Orte und Gegenden Hessens 
bewahrte auch Albrechts Heimath Sagen, deren 
Erzählung er mit gläubiger Hingebung lauschte! 
von allen ergriff ihn am meisten die Sage von 
der Jungfrau, welche mit flatterndem weißen 
Schleier alle sieben Jahre sich in dem Gemäuer 
der Ruine Homberg zeige. Oft, wenn des 
Mondes bleiches Licht sein Kämmerlein erfüllte, 
sprang er aus dem Bettchen, um nach dem 
Gipfel des einsam ragenden Schloßberges auf 
zublicken, die Geistergestalt suchend. 
Eines Tages eröffnete ihm die Mutter, welche 
ihm durch Beibringung des Alphabets den 
äußersten Zugang zum Tempel des Wissens er 
schlossen hatte, er müsse nun lesen und schreiben 
lernen, d. h. zur Schule gehen; verwundert 
schaute der Kleine ob solch bedenklich scheinender 
Sache die Mutter an, allein wirklich brachte 
ihn sein Gönner, der einäugige Schafknecht des 
Hofes, am anderen Morgen zu dem Lehrer. 
Es war ein kleines vertrocknetes Männchen, ein 
in Ruhestand versetzter Rector, in'dessen pe 
dantischem, trockenem Unterrichte für den Ver 
stand des Knaben wenig, für sein Gemüth gar 
nichts abfiel. Mehr Antheil als an den Lehren 
des Rectors nahm Albrecht an den Nachrichten 
von dem in Amerika kämpfenden hessischen Korps; 
sein Vater verdammte die Aufständischen, seine 
Mutter vertheidigte sie, weil ihnen Unrecht 
geschehen und der Knabe, welcher anfangs im 
Herzen auf Seite der Engländer stand, weil sie 
mit den Hessen Freund waren, ging schließlich 
zur Partei der Amerikaner über, durch die 
Gründe der klugen, freisinnigen Mutter be 
wogen. Der bald darnach erfolgende Friedens 
schluß gab der Mutter Recht. 
Als der Knabe achtjährig war, bot sein Groß 
vater den Aeltern an, ihn zu sich nehmen und 
für seine Erziehung sorgen zu wollen; bald saß 
er denn auch mit der Mutter im Reisewagen 
und an dem ersten Tage wurde Kassel erreicht, 
wo am folgenden die Mutter Besuche abstattete. 
Die hierzu modisch gekleidete und mit einem 
Gebäude von Werg, Pomade, langen Nadeln 
und Puder auf dem Kopfe umgewandelte Frau 
erschien dem Kinde „gespenstisch"; die Stadt 
mit ihrem Treiben, die vielen Offiziere und 
Soldaten in glänzenden Uniformen, die reichen 
Kutschwagen u. A. setzten das junge Gemüth in 
Erstaunen und Aufregung. Ein Vetter, junger 
Offizier, führte den Knaben in die Menagerie, 
welche der Landesherr, Landgraf Friedrich II., 
in der Karlsaue hielt; während er dem possir- 
lichen Gebaren der Affen zuschaute, stieß ihn 
ein alter Angorabock von hinten derb in den 
Rücken. Abends in der Oper hielt der in völliger 
Unschuld und Unkenntniß von solchen Dingen 
Aufgewachsene die fürstliche Loge für eine Kanzel, 
den Landgrafen für den Prediger und wurde 
erst schwankend, als hinter ihm die Musik an 
hob, während er unverwandt nach dem ver 
meinten Prediger blickte. Die Sache war ihm 
unklar, er hatte den Tag über so Vieles anders 
als in seinem heimathlichen Dorfe gefunden, 
nun wußte er gar nicht, was der ganze Spektakel
	        

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