Full text: Hessenland (4.1890)

65 
ton ließ die Hessen absichtlich durch diesen volk 
reichen Ort ziehen, um durch den Anblick der 
Gefangenen den Muth und die Zuversicht seiner 
Landsleute neu zu beleben. Ueberall, wo sie 
hinkamen, strömte das Volk von nah und fern 
herbei, um die furchtbaren Wesen zu sehen, von 
denen ihm so gräßliche Beschreibungen gemacht 
waren, und es war überrascht und in seinen Er 
wartungen getäuscht, als es die Gefangenen sah, 
die aussahen eben wie andere Menschen auch. 
Oft wurden die Hessen auch von dem zusammen 
strömenden Pöbelhaufen auf's gröbste beschimpft 
und manchmal konnten sie nur durch starke 
Bewachung vor den Mißhandlungen der wüthenden 
Bevölkerung geschützt werden. Ueber den 
Empfang in Philadephia schreibt Korporal 
Reuber in seinem Tagebuch: 
„Groß und Klein, Alt und Jung stand da, 
um zu sehen, was wir für Menschen wären. 
Wie wir ihnen nun recht vor's Gesicht kamen, 
sahen sie uns scharf an. Die alten Weiber 
schrieen schrecklich über uns und wollten uus alle 
erwürgen, weil wir nach Amerika gekommen 
wären, um ihnen ihre Freiheit zu rauben.... 
Die amerikanische Wache, die uns führte, hatte 
von Washington den Befehl, uns in der ganzen 
Stadt herumzuführen, damit uns jeder sehen 
sollte. Das ganze amerikanische Kommando 
hatte an den wüthenden Menschen zu steuern, 
welche schrecklich auf uns eindrangen und beinahe 
die Wache über den Haufen warfen." 
Aehnliche Scenen kamen später in Baltimore 
vor, wo der aufgeregte Pöbel die Gefangenen 
sammt der Bedeckung todtschlagen wollte, so daß 
man die Stadt verlassen und außerhalb der 
selben kampiren mußte. — Die Offiziere erhiel 
ten auf dem Marsche meist Wagen zur Beför 
derung, auch wurden sie in Gasthöfen unter 
gebracht. Da die Gemeinen diese Vergünstigungen 
nicht hatten, so wurden sie bald von ihren 
Offizieren, die schneller weiter befördert wurden, 
getrennt. Endlich erreichte man das Ziel der 
Wanderung, die Stadt Winchester in Virginien, 
welche zum Aufenthaltsort für die Gefangenen 
ausersehen war. Dieselben erwarben sich bald 
durch ihr gutes Benehmen das Wohlwollen der 
Sieger und wurden demgemäß besser behandelt. 
Während des Sommers durften die Gemeinen 
bei den Farmern auf dem Lande arbeiten, wo 
für der Mann freie Kost und täglich 15 Stüber 
— 6 Hessenalbus erhielt. Erst am 28. Oktober 
1778 wurden sie ausgewechselt und kamen zurück 
zu hren Kameraden nach Longisland. „Endlich", 
schreibt Korporal Reuber, „kamen wir wieder 
zu unseren hessischen Brüdern. Welche Freude 
und welch' Vergnügen war das nun, weil wir 
doch einmal wieder von dieser Sklaverei frei 
waren!" — 
Das war das Schicksal der gefangenen Hessen. 
— Wir wollen nun noch mit wenigen Worten 
der Folgen gedenken, welche das Trentoner Un 
glück auf den weiteren Verlauf des Krieges 
hatte. Dieselben waren bedeutender, als man 
vielleicht in Anbetracht des nicht so großen 
Menschenverlustes annehmen könnte. Die Nieder 
lage der Hessen gab den Amerikanern, welche 
schon die Hoffnung auf das Gelingen ihres 
Aufstandes aufgegeben hatten, ihren Muth 
wieder, während sie auf die Verbündeten nieder 
drückend wirkte. Zwar wurden im folgenden 
Jahre die Amerikaner noch mehrmals heftig ge 
schlagen, am 11. September ani Brandywineriver 
und am 4. Oktober bei Germantown, dann 
folgte aber das durch den Unverstand des 
britischen Obergenerals herbeigeführte unglück 
liche Unternehmen auf Fort Redbanc zugleich 
mit der Katastrophe von Saratoga, wo sich Ge 
neral Bourgoyne mit seiner ganzen Armee den 
Feinden ergeben mußte. — Im folgenden Jahre 
gelang es dem staatsklugen Benjamin Franklin. 
Frankreich zu einem Bündniß mit den abgefal 
lenen Staaten zu gewinnen, dem später auch 
Spanien und Holland beitraten. England, nun 
von allen Seiten angegriffen, konnte für den 
amerikanischen Krieg nicht mehr die nöthigen 
Mittel aufwenden, und so kam es denn am 
19. Oktober 1781 zu der Kapitulation von 
Porktown, wo sich Lord Cornwallis mit seinem 
Heere den vereinigten Franzosen und Amerikanern 
ergeben mußte. Dies entschied das Geschick des 
Krieges, welcher von nun an von beiden Seiten 
nur sehr lau geführt wurde. 
Der Abschluß des Friedens von Versailles 
am 3. November 1783 brachte den Hessen die 
ersehnte Rückkehr in die Heimath. In drei Ab 
theilungen wurden sie übergeschifft nach Europa, 
von denen die letzten — es waren die Jäger, 
unter Generallieutenant von Loßberg — am 
18. Mai 1784 Kassel erreichten, wo sie von 
Landgraf Friedrich durch eine lobende Ansprache 
ausgezeichnet wurden. Auch den früher ange 
kommenen Truppen war jedesmal ein ehrender 
Empfang bereitet worden. — 
Als Schluß unserer Darstellung mögen die 
folgenden Worte dienen, mit denen M. v. Eelking 
sein Werk „Die deutschen Hilsstruppen im nord 
amerikanischen Befreiungskrieg" beendet: 
„Aus dem freudigen Empfange, der den 
Kriegern, welche jenseits des Weltmeers so tapfer 
gefochten hatten, zu Theil wurde, muß man 
wohl wahrnehmen, daß sie nicht als Söldner 
und feile Miethlinge vom Publikiim angesehen 
wurden, man ehrte sie als muthige Soldaten,
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.