Full text: Hessenland (4.1890)

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letzten Zeit abgestumpft, Alles mit sich machen 
ließ. Da alle Räume besetzt waren, brachte der 
Gastfreund ihn in die Küche, liebevoll für ihn 
sorgend; hier bewachten vier Jammergestalten 
gierig auf dem Herde stehenden Kaffee, der Pole 
ergriff die Kanne und schenkte B. ein, bettelte 
auch einem Franzosen ein Stück Brod für ihn 
ab. In einer Ecke lag ein mit dem Tode 
Ringender, nur der Pole bekümmerte sich um 
ihn, als der Jüngling ausgelitteu hatte, ent 
kleideten seine Kameraden den Leichnam und 
warfen ihn von dem Lager, welches ein anderer 
einnahm. Bardelebens Bitten um Einlaß wur 
den überall an den verschlossenen Zimmern ab 
gewiesen, da drückte endlich der Pole gewaltsam 
eine Thür auf und schob B. trotz schrecklichen 
Lärmens der Insassen, in das Zimmer, wo er 
nahe der Thür sich ein Stück des Fußbodens 
errang. Auch etwas Fleisch , Brod und Wein 
brachte der Gastfreund herbei, es schmeckte dem 
Ausgehungerten vortrefflich, die Flasche leerte 
er in einem Zuge. Aus festem Schlafe erwachte 
er Nachts durch heftige Schmerzen im rechten 
Fuße, der noch mit dem Stiefel bekleidet war; ver 
geblich mühte er sich diesen auszuziehen, wobei 
er seine Nachbaren berührte, die verwundet 
waren, oder erfrorene Glieder hatten. Derbe 
Flüche wurden laut, bis endlich einer der Leidens 
genossen half, den Stiefel abzuziehen. 
Als B. Morgens des 10. Dezember erwachte, 
waren Alle in voller Bewegung; zum Unglücke 
fand er seinen Stiesel nicht wieder — er riß 
das Futter aus einem Aermel, umwickelte damit 
den nun auch erfrorenen rechten Fuß und hum 
pelte hinab in die Küche. Sein Gastfreund 
reichte ihm noch Kaffee und versah ihn mit Brod 
und Branntwein, er nahm von dem Polen, der 
ihm in dieser Nacht das Leben erhalten hatte, 
ergreifenden Abschied und suchte sein Bataillon 
auf. Die waffenlose und kranke Armee in bunt 
scheckigem Auszuge trollte truppweise vorüber, 
dem Thore zu. — (Forts, folgt.) 
renlon 
Eine historische Skizze von Philipp Seb. Schol. 
(Schluß.) 
Unterdessen war auch das Regiment von 
Knyphausen, welches — wie oben erwähnt — 
mit den Jägern im Südende der Stadt lag. 
von den Amerikanern angegriffen worden. 
General Sullivan hatte sich nämlich — seinem 
Befehle gemäß — vom Westen aus der Stadt 
genähert und dann ein Detachement unter dem 
Obersten Starck an das Südende Trentons ab 
geschickt. Bei der Allarmirung stellte sich das 
Regiment sofort unter Major von Dechow kampf 
bereit auf. Da von Rall kein Befehl kam, so 
ließ der Major 2 Kompagnien zur Vertheidigung 
der Brücke und der Princetonerstraße zurück. 
Mit den übrigen 3 Kompagnien eilte er jenem 
zu Hilfe. Er kam aber schon zu spät, um wirk 
sam in das Gefecht eingreifen zu können. Als 
nun gar Rall den tollkühnen Versuch machte, 
Trenton wieder zu erobern, wurde das Regiment 
von Knyphausen von den beiden andern getrennt, 
und Dechow zog sich, da er einsah, daß auf diese 
Weise keine Möglichkeit war, sich zu retten, mit- 
sammt den beiden übrigen Kompagnien, die 
wieder zu ihm gestoßen waren, zurück, und 
suchte die Brücke zu gewinnen. Bei dieser Ge 
legenheit wurde er jedoch durch einen Schuß in 
die Hüfte schwer verwundet, ein Umstand, der 
die Verwirrung der Soldaten noch vermehrte. 
Auf dem Rückzug gerieth man aus Un- 
kenntniß des Terrains in einen Morast, aus 
dem die Geschütze nur mühsam und mit großem 
Zeitverlust wieder herausgeschafft werden konnten. 
Endlich gelangte man an den Fluß. Die Brücke 
zu' erreichen war nicht möglich; dieselbe war auch 
schon längst vom Feinde besetzt. Kapitain von 
Biesenroth, nach dem Fall des Majors der 
älteste Offizier, beschloß also, den Versuch zu 
machen, sich durch den Fluß zu retten. Das 
Wasser war jedoch sehr kalt und tief, es reichte 
den Soldaten bis an den Hals, und so gelang 
es nur einem Theil der Truppen, das andere 
Ufer zu erreichen. Die übrigen wurden von 
den plötzlich wieder auftauchenden Amerikanern 
umzingelt und abgeschnitten, und da eine feind 
liche Batterie vor ihnen auffuhr und sie zu 
zerschmettern drohte, so ergab sich der Rest auch 
dieses Regimentes. 
Die englischen Dragoner hatten sich schon vor 
her aus dem Kampfe zurückgezogen und waren 
entronnen. Auch Lieutenant von Grothausen 
hatte bald nach dem Angriffe der Amerikaner
        

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