Full text: Hessenland (4.1890)

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auch von den zerstörendsten Elementen nicht 
hatten ganz überwunden werden können, mußten 
sich hier noch einmal in vollem Glanze zeigen." 
Wrede sah durch die Berührung seines Korps 
mit der aufgelösten Masse während 3—4 Stun 
den Marsches dasselbe von 5000 Mann auf 
2800 verringert , als er in Slobodka, nördlich 
der Straße, eintraf. Hier blieb er am 7. stehen, 
die Russen aufzuhalten, am 8. setzte er den 
Marsch fort, vom Feinde mit allen Waffen ver 
folgt und angegriffen. An diesem Tage bildete 
Dardeleben mit seinem Bataillon und 40 hes 
sischen Schützen die Nachhut; um dem Korps 
den Durchzug durch einen tiefen, ansteigenden 
Hohlweg zu sichern, blieb er 1000 Schritte da 
vor stehen, hatte auch in einem vorliegenden 
Tannenwäldchen einen Hinterhalt gelegt. Die 
Kosaken entdeckten diesen, gingen jedoch nun sehr 
vorsichtig weiter, während sich drei Haufen von 
300—400 Pferden jeder, dem Bataillon auf 3 
Seiten näherten. Schwärme von Kosaken prall 
ten unter wildem Geschrei bis auf 50 Schritte 
heran. Der Kommandeur mußte sein Feuer für 
den letzten Augenblick sparen, da neues Laden 
bei 26" Kälte kaum möglich war, er ließ , um 
seine Leute, welche Unruhe zeigten, in der Hand 
zu behalten, einige Griffe mit dem Gewehr aus 
führen, wobei er den Feind scharf im Auge 
hatte. Plötzlich stürzen unter fürchterlichem Ge 
schrei alle Reiterhaufen auf das kleine Viereck; 
als sie auf 200 Schritte heran sind, läßt Bar 
deleben zunächst die hessischen Schützen feuern, 
worauf viele Kosaken stürzen. Er hält sein 
Bataillon für verloren, doch in dem Augenblick, 
da es das Feuer beginnen soll, wickeln die Reiter 
massen sich rückwärts ab und geben Fersengeld. 
Eine auf einem Schlitten herbeigeschaffte Kanone 
eröffnet das Feuer gegen das Bataillon, die 
Reiterei macht Miene zu einem neuen Angriffe. 
Doch das 6. Korps hat nun den Engpaß hinter 
sich und Bardeleben rückt ihm nach; auf der 
Höhe hatte Wrede zu seiner Unterstützung ein 
Bataillon und einige Geschütze aufgestellt; die 
Feinde, reguläre Kosaken, drängten nach. Welches 
Soldatenherz wird nicht ergriffen sein von der 
Vorstellung dieser Männer, die bei grimmiger 
Kälte Griffe ausführen im Angesichte der wahr 
scheinlichen Vernichtung! General Wrede sprach 
dem General Coutard und seiner Brigade noch 
Abends des 8. im Tagesbefehl zu Kena, wo das 
Korps stehen blieb, seine Anerkennung aus, wo 
bei Bardeleben namentlich erwähnt wurde. In 
der Nacht langte ein Befehl Berthier's vom selben 
Tage an, sofort nach Rukony zu marschiren 
und dort von Marschall Ney weitere Befehle zu 
erwarten. Wrede brach alsbald auf, in Rukony 
traf er jedoch weder den Marschall, welcher in 
Wilna mit Berthier sich besprach, noch die Trup 
pen, welche daselbst stehen sollten; er war gegen 
den zu erwartenden Ansturm auf seine schwachen 
Kräfte angewiesen. Als die letzten Nachzügler 
der großen Armee vorübergezogen waren, trat 
Wrede um 10 Uhr Vormittags des 9. Dezember 
den Weitermarsch auf spiegelglatter Straße an. 
Um Mittag etwa eine Wegstunde vor Wilna 
sah er auf einer Anhöhe sich gegenüber eine 
lange Truppenlinie mit Geschütz, hielt sie für die 
ihm in Aussicht gestellte Unterstützung und sprengte 
auf sie zu, ein Kartätschenhagel begrüßte ihn 
und ein russischer Offizier forderte ihn zur Er 
gebung auf. Wrede befahl jedoch sofort das 
Vorrücken seines Korps und in ein Viereck ver 
einigt, drangen Baiern, Hessen, Westphalen von 
der Straße abbiegend, in beständigem Kampfe, 
von Geschütz beschossen, im Rücken von Reiterei 
angefallen, vvr^ ihre Bahn brechend. Immer 
lichter wurden die Reihen, die Ordnung und 
feste Haltung wichen nicht. Erst gegen 5 Uhr 
Nachmittags erreichte der Ueberrest die südwest 
liche Vorstadt von Wilna. General Wrede 
richtete am 30. Dezember ein Schreiben an den 
König von Westphalen, worin er das Verhalten 
seines 4. Infanterieregimentes rühmt; er hebt 
besonders hervor den 4. Dezember bei Wileika, 
dann den 8. Dezember, an welchem es die Nach 
hut bildete und sagt zum Schluffe: „übertroffen 
aber hat es sich am 9. Dezember bei Wilna, 
wo mein kleines Korps vom Feinde eingeschlossen 
war." 
Als nach jenem furchtbaren Tage die Reste 
des 6. Korps, nachdem sie durch 6fache Ueber- 
macht sich durchgeschlagen hatten, Wilna erreich 
ten, fand das 4. Regiment eine schmale Kloster 
pforte, drängte sich durch diese und gelangte in 
die Stadt. Aust dem Marktplatze wurden die 
Gewehre in Rotten gestellt, mit einer kleinen 
Wache dabei, Offiziere und Soldaten erhielten 
Befehl, sich Obdach zu suchen und bei Tages 
anbruch sich bei den Gewehren zu sammeln. 
Alle Häuser Wilna's waren vom Hausflur 
bis unter das Dach mit den Trümmern der 
Armee angefüllt. Bardeleben hinkte mit stark 
erfrorenem, in Schaffell gewickeltem linkem Fuße 
zum Hause eines jungen Polen, bei welchem er 
früher in Quartier gelegen hatte. Erst nach 
langem Klopfen wurde die Thür geöffnet, der 
Besitzer erklärte, niemand könne mehr unter 
kommen, und schloß die Thür. Trostlos rief 
Bardeleben den Namen des Polen, da riß dieser 
die Thür auf, blickte dem Fremden in's Gesicht 
und rief endlich: Großer Gott, Sie sind der 
Kommandant Barlep! Dabei riß er diesen un 
gestüm ins Haus und an seine Brust, der halb 
erstarrt und durch die Noth und das Elend der
	        

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