Full text: Hessenland (4.1890)

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bairischen Befehlshabern dessen Herbes gemildert 
wurde". Das Wahre an den Beschuldigungen 
gegen die Baiern war, daß die Offiziere über-, 
zählig oder krank, die Mannschaften krank oder' 
aus den Lazarethen entlassen waren und die 
französischen Behörden ihnen die Waffen nicht 
zurückgegeben hatten, obwohl die Auslieferung 
der bairischen Gewehre schon mehrfach bei Maret, 
Napoleons Stellvertreter in Wilna, nachgesucht 
worden war. Man hatte aber diese Gewehre 
an neu errichtete polnische Regimenter abgegeben. 
So wurden Fehler der französischen Verwaltung 
Quelle schmählicher Vorwürfe für die sich opfern 
den braven Truppen. Hogendorpp und Wrede 
gelangten wieder in ein angemessenes Verhält 
niß, welches leicht durch einen Mann von ande 
ren Eigenschaften als Bardeleben hätte unmög 
lich gemacht werden können. Von der Mann 
schaft in Michaliszky konnten dem bairischen 
Korps gegen 1200 Mann wieder eingereiht 
werden'). 
Das 2te Bataillon des Regiments traf eben 
falls in Michaliszky ein. Das Regiment wurde 
mit einem großherzoglich hessischen Füsilier- 
regimente zu einer Brigade vereinigt und Gene 
ral Coutard, ein tüchtiger und tapferer Offizier, 
zu deren Kommandeur ernannt. Noch eine 
Brigade frischer Truppen wurde gebildet unter 
General Franzeski und beide Brigaden rückten 
zum 6. Armeekorps unter Wrede ab, welches 
bei Danilowicz stand, die Coutard'sche traf hier 
am 13. November ein. Wrede, von dessen 
30000 Baiern nicht mehr 4000 in Waffen stan 
den, wurde so wieder auf 9800 Mann mit 36 
Geschützen verstärkt, er faßte von neuem kühne 
Pläne. Die Hufeisen der Pferde wurden ge 
schärft und das Korps marschirte am 18. No 
vember aus Danilowicz ab, erreichte am 19. 
Glubokoe, von wo der Feind sich zurückgezogen 
hatte, und ging am 21. weiter vor. In Go- 
lubiczi erfuhr Wrede, daß das von ihm gesuchte 
russische Korps sich mit dem Heere Wittgensteins 
vereinigt habe, er entschloß sich daher, der Be- 
rezina sich zu nähern, um mit den 2. und 9. 
französischen Korps (Oudinot und Victor) die 
Verbindung herzustellen. Wie wenig Wrede 
von der Lage der großen Armee in diesen Tagen 
unterrichtet war und welche Hoffnungen sein 
Soldatenherz erfüllten, lehrt seine Meldung 
an Maret wie an Marschall Oudinot (mit dem 
er Fühlung suchte) „wenn ich nicht bis zum 
25. November andere Befehle erhalte, werde ich 
in forcirten Märschen ans das rechte Ufer der | 
Düna rücken und dort Schrecken im Rücken des ff 
0 In dem Werke „Feldmarschall Fürst Wrede' von 
Generalmajor I. Heilmann, 1881, ist Näheres zu finden. 
Feindes verbreiten". Solcher Irrthum über 
das noch Mögliche war die Folge von Napoleons 
Täuschungssystem, welches auch seine Vertrauten, 
wie Maret, hinhielt, bis sie mit leiblichen 
Augen das Furchtbare erblickten. Auch Wrede 
war ein Schreiben Berthicrs aus Smolensk vom 
11. November zugegangen, nach welchem die 
große Armee für den Winter Stellung hinter 
Düna und Dnjepr nehmen würde; da er wußte, 
daß die Russen bei Malo-Jaroslawetz, Wjasma, 
Krasnoi empfindliche Niederlagen erlitten hatten 
und vor ihm selbst ein russisches Korps zurück 
wich, darf man ihn nicht etwa thörichter Phan- 
tasieen' beschuldigen. Er rückte am 22. gegen 
Dokczice, an dem Ursprung der Berezina und 
nahm Stellung, durch die Nachricht erfreut, daß 
General Loison mit 13000 Mann frischer Trup 
pen in Wilna angelangt sei. Die Reiterei 
suchte nach dem 2ten Korps. 
Von Dokczice aus berichtete Bardeleben am 
24. November feiner Conradine (von welcher 
er seit dein 24. August keine Nachricht hatte) 
„es hat mir noch nicht das Geringste gefehlt, 
nur einen Tag befand ich mich übel, weil ich 
keinen Branntwein hatte, ohne den man hier 
sich nicht vor dem Fieber erhalten kann", aber 
er meldet auch „mein Bataillon hat noch keinen 
Schuß gethan und ich habe schon 7 Offiziere 
und 400 Mann verloren, also die Hälfte vom 
Bataillon". Die Mühseligkeiten, schlechte Ver 
pflegung und Klima bewirkten dies. „Es kann 
nichts trauriger sein", heißt es weiter, „als in 
diesem verwünschten Lande, von Bären in 
Menschengestalt bewohnt; von deren Lebensweise 
sage ich Dir kein Wort, denn suchte ich Dir 
eine schwache Idee davon zu geben, so würdest 
Du sagen, ich wollte Dich mit Märchen unter 
halten — nur soviel sage ich, glaube ja nicht, 
daß wir unter Menschen sind". Die Gegend 
um Dokczice war noch nicht ausgesogen, die 
Truppen waren sämmtlich in Ortschaften unter 
gebracht, die Westphalen buken, schlachteten, 
brauten selbst und konnten viel Kaffee genießen, 
dennoch herrschte das Fieber. Zum großen 
Nachtheil des Regiments hatte dessen in Wilna 
krank zurückgebliebener Oberst Rosst die Kasse 
bei sich behalten; selbst die höheren Offiziere 
geriethen mit der Zeit in Verlegenheit und 
Bardeleben äußert entrüstet über Rosst „wenn 
er wieder vor das Regiment kommt, so geht es 
nicht gut", ja er hielt Rosst sogar für Hängens 
werth. Wegen der Zurückhaltung der Regi 
mentskasse und anderer arger Unregelmäßig 
keiten richteten die Offiziere eine Beschwerde an 
den Kriegsminister in Kassel, welcher Schritt 
ihnen sehr schwer werden mußte, auch erst nach 
langer Zeit wirksam werden konnte. Rosst fiel
        

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