Volltext: Hessenland (4.1890)

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blieb ihm nichts als was sein Bedienter in 
einem kleinen Mantelsack mitführte, und da auch 
sein Geld und seine Uhr in unrichtige Hände 
gerathen waren, sein Regiment aber von Königs 
berg ab anstatt nach Smolensk zunächst in Eil 
märschen nach Wilna rückte, wo eine Reserve 
gebildet werden sollte, so war es ihm erst in 
Wilna möglich, sich etwas Wäsche zu verschaffen. 
Noch im September war wieder warmes 
Wetter eingetreten, durch tiefen Sand und 
sengende Hitze war der mit wenig Ruhetagen 
unaufhaltsam weitergehende Marsch äußerst an 
strengend. Doch befestigte sich auf demselben 
die Mannszucht immer mehr; Bardcleben sagt 
darüber, er wisse sich keines Excesses auf dem 
fast siebenwöchigen Zuge von Stralsund bis 
Wilna zu erinnern, wo das Regiment am 
3. November eintraf. Es gehörte zur 34. Di 
vision General Graf Loison und dem 11. Korps 
der großen Armee, Macdonald. Die Truppen 
hofften auf einige Tage der Ruhe und Erholung, 
Bardeleben erwarb hier einen Pelz — er sollte 
sein Lebensretter werden. Nach den durch Hitze 
erschöpfenden Märschen in Pommern und Preußen 
war noch im Oktober der Winter Rußlands 
über die Fremdlinge hereingebrochen, am 27. 
sank das Thermometer auf —4° R. 
An dem Tage, an welchem Bardeleben mit 
seinem Geschick grollend, das ihm verweigere, 
an. den Heldenthaten der großen Armee theil- 
zunehmen, von Königsberg ostwärts weiter eilte, 
am 19. Oktober, war der Abzug von Moskau 
im Gange, wo Napoleon in unseliger Verken 
nung der Lage fünf Wochen verloren hatte. 
Diese Zeit kam den russischen Heeren vortrefflich 
zu statten, der großen Armee dagegen war der 
Aufenthalt in dem zerstörten Moskau keine Er 
holung und sodann der in den Spätherbst und 
Winter fallende Rückmarsch schon bald furchtbar 
geworden. Am 1. November sank unter dem 
eisig wehenden Nordwinde das Thermometer auf 
—8° R, seit dem 4, November ermatteten die 
Truppen unter unermeßlichem Schneegestöber, 
und als am 10. der Himmel sich auf 
klärte, trat Kälte bis —15°, dann —18° R, 
ein. Furchtbar starrte die Oede des Landes, 
dessen dünngesäete Orte menschenleer waren, 
vernichtend wirkte das Lagern auf dem Schnee 
in der grimmen Kälte, das Schrecklichste aber 
war der Hunger. 
Nur kurze Rast war dem wesiphälischen Re- 
gimente in Wilna vergönnt und diese gestattete 
durch die Unordnung und die Gleichgiltigkeit 
der französischen Behörden gegen das Wohl der 
Soldaten nur geringe Erholung. Obwohl Lit- 
thauen seit 4 Monaten unter französischer Ver 
waltung stand, werden Einzelheiten über die 
schlechte Unterbringung, die erbärmliche Ver 
pflegung, die Vergeudung der Kräfte der Sol 
daten berichtet, die nicht zu begreifen, noch viel 
weniger zu entschuldigen sind. 
Mit der Eigenart dieser Verwaltung hing 
ein Auftrag zusammen, welcher Bardeleben mit 
seinem Bataillon schon am 5. November weiter 
führte. Von dem bairischen Corps, dem 6. der 
großen Armee, waren eine große Zahl Kranker 
und Reconvalescenten nach Räumung mehr nach 
feindlicher Seite gelegener Lazarethe in das 
Städtchen Michaliszkh geschafft worden und 
General Wrede hatte einen Platzkommandanten 
daselbst ernannt. Der Generalgouverneur von 
Litthauen, General Graf Hogendorpp. sah hierin 
einen Eingriff in seine Befugnisse, wie es das 
freilich war; er sandte einen französischen Of 
fizier als Platzkommandanten nach Michaliszkh, 
welcher die Unklugheit Hogendorpps durch einen 
übertriebenen Bericht noch übertraf, worin er 
die Verwirrung durch die bairischen Mann 
schaften schilderte und ihnen Schuld gab, daß 
sie die Waffen weggeworfen, nicht in der Armee 
Dienst thun wollten, Stadt und Umgegend 
plünderten u. A. Und diesen Bericht sandte Hogen 
dorpp an Wrede nebst der Ankündigung, er werde ein 
Bataillon abschicken, um Michaliszkh von diesen 
Gästen zu befreien. Begreiflicherweise erregte diese 
Aussicht den Zorn des an sich lebhaften bairischen 
Generals auf das höchste, er ertheilte nach Micha- 
liszky den Befehl, gegen Jedermann, welcher gegen 
ein Individuum des bairischen Heeres Gewalt anzu 
wenden sich unterfangen würde, mit allen zu Gebote 
stehenden Mitteln einzuschreiten; der bairische 
Befehlshaber in Michaliszkh wurde zugleich 
ermächtigt, dem Kommandeur des angekündigten 
Bataillons von Wrede's Befehl Kenntniß zu 
geben. 
Das bedeutete Krieg zwischen denen, welche 
schon in der traurigsten Lage und auf treue 
Kameradschaft angewiesen waren; Bardeleben 
sollte mit seinem Bataillon die vermeinten 
Meuterer und Plünderer von Michaliszkh fort 
schaffen, eine große Zahl Offiziere und etwa 1500 
Mann. Er glaubte von vornherein nicht an die Be 
gründung der schweren Beschuldigungen, weihte 
einige seiner Kapitains in den Zweck der Sendung 
ein und marschirte nach dem zwei Märsche entfern 
ten Orte. „Ich hatte hier vollauf zu thun" ist 
Alles, was er männlich schlicht und bescheiden 
über den gefährlichen Auftrag überliefert hat. 
Aber sein Untergebener, Kapitain Asbrand, hat 
darüber eine Aufzeichnung hinterlassen; er 
äußert darin, „es war ein Beweis vorzüglichen 
Zutrauens in Bardelebens Einsicht und soldatische 
Fähigkeiten, ihm solchen Auftrag zu ertheilen, 
er führte ihn so taktvoll durch, daß den höheren
        

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