Volltext: Hessenland (4.1890)

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zu begehen? Der König von Sachsen zeichnete ihn 
durch Verleihung des Komthurkreuzes I. Klasse mit 
Stern zum Albrechtsorden aus, die philosophische 
Fakultät der Universität Leipzig ernannte ihn zum 
Ehrendoktor der Philosophie, die Stadt Leipzig ver 
lieh ihm das Ehrenbürgerrecht, die „Medizinische 
Gesellschaft- in Leipzig ernannte ihn znm Ehren- 
mitgliede. Eine Deputation hessischer Landsleute, 
vertreten durch die Herren Pastor Dreydorff, Pro 
fessor Pfeffer, von Meyer, Fleischhauer, A. Siebert, 
begrüßte ihren Landsmann durch Ueberreichung eines 
Lorbeerkranzes mit Schleifen in den hessischen Landes 
farben. Bei dem Festmahle im Kaufmännischen 
Vereinshause brachte Rector magnificus Geheim 
rath Professor Dr. Wundt den Trinkspruch auf den 
Jubilar aus. Er gab eine treffliche geistreiche 
Charakterisirung von Professor Ludwig's Eigenschaften 
als Menschen und Gelehrten, von dessen segensreicher 
Thätigkeit auf physiologischem Gebiete. Er schloß 
seine Rede mit den Worten: „Wenn in der Wissen 
schaft wie in der Kunst der höchste Ehrentitel, den 
ein Mann sich erringen kann, der ist, ein Meister 
zu heißen, so hat sich der Jubilar diesen Titel vor 
allen anderen verdient. Darum lassen Sie unsere 
Verehrung und Wünsche heute in den einen Ruf 
zusammenfassen: „Hoch lebe unser Meister Lud 
wig!- Die Studenten der Medizin und Natur 
wissenschaften brachten dem Jubilar einen Fackelzug, 
worauf dann der Kommers im Krystallpalaste folgte. 
— Professor Ludwig steht gegenwärtig in seinem 
74. Lebensjahr, — er ist am 29. Dezember 1816 
zu Witzenhausen geboren —, seine Gymnasialstudien 
machte er zu Hanau, wohin sein Vater als Ober 
rentmeister versetzt worden war. Er studierte hier 
nach in Marburg und Erlangen Medizin. In 
Marburg war er Mitstifter des Corps Ha880- 
Nassovia (15. Juli 1839), welches ihn bei seinem 
Abgänge zum Ehrenmitgliede ernannte. Im Jahre 
1842 habilitirte er sich als Privatdocent in Mar 
burg, erhielt daselbst 1846 die außerordentliche Pro 
fessur für vergleichende Anatomie, wurde 1849 als 
Professor der Physiologie und Anatomie an die Uni 
versität Zürich und 1855 von da uls Professor der 
Physiologie an das Josephinum in Wien berufen. 
Am 31. Januar 1865 folgte er dann dem an ihn 
ergangenen ehrenvollen Ruf nach Leipzig. Sein 
Hauptwerk ist das „Lehrbuch der Physiologie des 
Menschen-, das zuerst in zwei Bänden 1852—1856 
in Heidelberg erschien und epochemachend wirkte. — 
In seinem Heimathlande Hessen steht Professor Lud 
wig noch im besten Andenken, wir nennen ihn mit 
Stolz den „Unsern" und freuen uns seiner ruhm 
vollen Thätigkeit, die noch recht lange eine gleich 
segensreiche, wie seither, bleiben möge. 
Die Henschelsche Maschinenfabrik in 
Kassel hat am- l. d. M. ihre 3000. Lokomotive 
fertig gestellt. Bei dieser Gelegenheit hat Geheimer 
Kommerzienrath Oskar Henschel in seinen Werkstätten 
folgende höchst anerkennungswerthe Bekanntmachung 
erlassen: „Zur Erinnerung an die Ablieferung der 
3000. in meiner Fabrik fertig gestellten Lokomotive 
beabsichtige ich etwa 50 gesund gelegene Familien 
wohnungen zu bauen, indem ich glaube, damit den 
Wünschen vieler Arbeiter der Fabrik entgegen zu 
kommen. Die Wohnungen sollen möglichst bald in 
ähnlicher Größe, wie die in der Magazinstraße be 
findlichen, ausgeführt und trotz der bedeutend höheren 
Kosten zu denselben billigen Preisen an aktive Arbeiter 
der Fabrik vermiethet werden. Ein Theil der Woh 
nungen wird voraussichtlich noch in diesem Jahre 
beziehbar sein und können Reflektanten dafür sich auf 
meinem Comptoir melden. Außerdem habe ich eine 
Summe von Zehntausend Mark bestimmt, welche an 
die 5 Jahre und darüber in meinen Fabriken thätigen 
Arbeiter als Anerkennung in Beträgen, deren Höhe 
nach dem Dienstalter sich bemißt, heute zur Aus 
zahlung kommt.- 
Am 16. Januar starb zu Kassel der Geh. 
Justizrath Karl Grandidier. Geboren am 26. 
Sept. 1807 als Sohn des Leibarztes und späteren 
Obermedizinaldirektors Dr. Cornelius Grandidier und 
dessen Ehegattin Jeannette, geb. Du Ry — Tochter 
S. L. Du Rys — studierte er zu Marburg und 
Göttingen die Rechte und wirkte dann an den Land 
gerichten zu Cassel und Fulda, an den Obergerichten 
zu Kassel, Rinteln und Fulda, wo er Vorsitzender 
des Kriminalsenats war, und wieder zu Kassel, wo 
er den Vorsitz im Anklagesenate führte. 1867 trat 
er als Rath bei dem neu eingerichteten Appellations 
gericht zu Kassel ein Am 1. Oktober 1879 trat 
er in den Ruhestand. Mit ihm ist die seit 1663 zu 
Kassel ansässige Refugie - Familie Grandidier im 
Mannesstamm erloschen. ch. H. 
Karl Finck Am 17. Januar verschied zu 
Kassel im 76. Lebensjahre der Maler und Dichter 
Karl Fin.ck. Ausgezeichnet durch hervorragende 
Gaben des Geistes und Gemüthes, hat er sich in 
den Herzen derjenigen, welche ihn persönlich oder 
aus seinen Werken kannten, ein bleibendes Denkmal 
gesetzt. Seine Gedichte, welchen vor allem Ein 
fachheit, Gedankentiefe und Innigkeit nachzurühmen 
ist, sind ja in nicht geringer Zahl den Lesern des 
„Hessenland- bekannt. In kurzen Worten soll der 
Lebensgang des Künstlers hier geschildert werden.
        

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