Full text: Hessenland (4.1890)

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Mannschaft weggeschossen war. Trotzalledem ließ 
Rall vom Muthe der Verzweiflung getrieben noch 
immer avanciren, als er plötzlich von einer 
Kugel getroffen im Sattel wankte. Ein zweiter 
Schuß traf ihn ttzdtlich, und er sank vom Pferde. 
Sein Fall erregte große Bestürzung, zumal da 
der größte Theil der übrigen Offiziere auch 
schon gefallen oder verwundet war. Das 
Regiment Rall hatte nur noch 4, von Loßberg 
noch 5 kampffähige Offiziere. Trotz der kritischen 
Lage dachte noch Niemand an Ergebung. Oberst 
lieutenant Scheffer, der an Ralls Stelle das 
Kommando übernommen hatte , berieth sich, in 
aller Eile mit seinen Offizieren, und man kam 
überein, sich um jeden Preis auf der Princetoner 
Straße durchzuschlagen. Allein Washington durch 
schaute die Absicht der Hessen, und als dieselben 
glücklich die Straße erreicht hatten, sahen sie 
den Weg durch ein pennsylvanisches Schützen 
bataillon mit mehreren Geschützen gesperrt. An 
ein Durchkommen war da nicht mehr zu denken. 
Washington befahl mit Kartäschen auf die Hessen 
zu schießen. Da befahl Oberstlieutenant Scheffer, 
um nicht noch mehr Blut unnütz zu vergießen, 
die so oft ruhmvoll geführten^ Fahnen zum 
Zeichen der Ergebung zu senken, und gab sich 
mit dem Rest der Soldaten gefangen. — 
(Schluß folgt.) 
HK-S— 
Hummer Dreizehn. 
Eine Dorfgeschichte aus Niederhessen, dem Leben nacherzählt 
von N. Weiöenmüller. 
(Fortsetzung.) 
„Hätte ich das vor vier Wochen gewußt!—" 
aber dann unterbricht sie sich schnell. „Es ist 
wohl besser so, Konrad, für Dich und für uns. 
Du hättest uns nichts borgen können, und ich 
hätte Dir nur Noth und Sorgen mitgebracht. 
Der Schäfer hat mir auch gestern versprochen, 
nicht mehr so viel ins Wirthshaus zu gehen," 
fügt sie nach einer Weile noch hinzu, wie zu 
ihrer eigenen Rechtfertigung. Konrad antwortet 
nicht. 
„Was willst Du denn jetzt anfangen?" fragt 
sie darum nach einer Weile, und verstört berichtet 
er nun von der guten Stelle in Rotenburg und 
seinem freundlichen Rittmeister. Zuletzt zieht er 
das Loos hervor. „Ich dachte, es sollte uns 
beiden Glück bringen, nun nimms als Hochzeits 
geschenk." Er will noch mehr sagen, aber die 
Stimme versagt ihm. Auch Martlis kann sich 
nicht mehr halten. Sie nimmt ihm das Loos 
aus der Hand und spricht unter stürzenden 
Thränen: „In meinem Gesangbuche soll es liegen 
bis an mein Lebensende. Und nun geh, Konrad 
und vergiß mich nicht ganz. Gott mag Dir 
und mir helfen!" . Sie hält ihn einen Augenblick 
am Arm, so fest, als wollte sie ihn nie wieder 
loslassen, dann geht sie ins Haus, die Treppe 
zu ihrer Kammer hinaus. 
Eine Viertelstunde später trifft der Schäfer 
Oswald seine Verlobte am Küchentisch sitzend, 
die Schreibfeder ihres kleinen Bruders in der 
Hand. Sie hat auf das Loos, welches sie vom 
Konrad bekommen hat, ihren Namen und Wohn 
ort und das Datum des Empfangs geschrieben 
und sieht aus ihren trübgeweinten Augen etwas 
bestürzt von dem Blatt empor. 
„Ich dachte, du wärest nach Seefeld gegangen." 
Der Schäfer lacht roh. „Ich wollte gerade 
weg, da sah ich den Konrad hier herein schleichen. 
Nun möchte ich doch gern erst noch erfahren, 
was er mit Dir zu verhandeln gehabt hat. Habt 
ihr nur zusammen geheult?" 
Martlis wird blaß, aber ihr Blick weicht dem 
ihres Bräutigams nicht aus. 
„Wenn Du gerne wissen wolltest, was mir der 
Konrad zu sagen hatte, konntest Du ja mit ihm 
kommen. Er hat mir Glück zur Hochzeit ge 
wünscht und dies Loos geschenkt." 
Der Schäfer nimmt das Blatt vom Tische 
auf und betrachtet es von hinten und von vorn. 
Dann sagt er verächtlich: 
„Der Lump könnt' seine paar Heller auch 
besser anwenden." 
Das Mädchey richtet sich trotzig empor. „Der 
Konrad ist kein Lump! Er hat eine gute Stelle 
in Rotenburg, und das Loos hat ihm sein Ritt 
meister gegeben." 
„Du dumme Trine nimmst ihn wohl gar noch 
in Schutz, nachdem er Dich so angeführt hat? 
Das sollte mir gerade fehlen, daß Du mir Deinen 
alten Schatz mit ins Haus brächtest!" 
„Wenn Du mir so etwas zutraust," versetzt 
Martlis kalt, „wir sind ja noch nicht kopulirt." 
Der Schäfer sieht sie von der Seite an. Sie
        

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