Full text: Hessenland (4.1890)

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Nicht ohne Absicht hatte Washington gerade 
das Christfest zu seinem Unternehmen ausersehen. 
Er hatte gehört, daß die Hessen dasselbe durch 
fröhliche Gelage und dergl. feiern würden, und 
hoffte daher einen großen Theil der Truppen 
im berauschten Zustande anzutreffen. Was die 
Person des Obersten anlangt, so sollte er sich darin 
auch nicht getäuscht haben. — 
Wenden wir uns jetzt zu dem nördlichen 
Außenposten, der wie erwähnt eine Verstärkung 
erhalten hatte. Die Nacht war rauh und stürmisch, 
ein dichtes Schneegestöber hinderte das Auge 
weit zu sehen. Da man nichts mehr vom Feinde 
bemerkt hatte, so ließ der kommandirende Offizier, 
Lieutenant Wiederhold, seine Wachen einziehen. 
Es war ganz in der Frühe des Christmorgens, 
das Wetter wurde immer unerträglicher. Die 
Soldaten hatten sich unter das schützende Dach 
des Hauses geflüchtet, in dessen Nähe der Posten 
seine Stellung hatte. Kein Mensch dachte bei 
dem Unwetter- noch an die Amerikaner. Da 
plötzlich ertönte der laute Ruf des Lieutenants: 
„Der Feind! der Feind! Heraus!" Im selben 
Augenblicke krachten auch schon die Büchsen der 
von allen Seiten aus dem Wald anstürmenden 
amerikanischen Bataillone. Durch den Schnee 
begünstigt, der ihre Schritte unhörbar gemacht 
hatte, waren sie ungesehen bis ganz in die Nähe 
der Hessen vorgedrungen. Die Soldaten eilten 
sofort zu den Waffen und warfen sich dem Feinde 
entgegen, indem sie dessen Feuer erwiederten. 
Lieutenant Wiederhold sah jedoch bald, daß 
gegen die Uebermacht der Feinde kein Widerstand 
möglich sei und gab, da er eine Einschließung 
befürchtete, den Befehl, sich rasch aber feuernd 
auf den Ort zurückzuziehen. 
Dort hatten die Schüsse schon alles allarmirt. 
Trommelgerassel und schmetternde Signalhörner 
riefen die schlafenden Hessen zu den Waffen. 
Kapitain von Altenbockum vom Regiment v. 
Loßberg war mit seiner Kompagnie zuerst kampf 
bereit. Er warf sich sofort den Amerikanern 
entgegen und nahm das zurückweichende Piquet 
auf. Unterdessen sammelten sich allmählich auch 
die übrigen Kompagnien und das Regiment 
Rall, welches heute du jour hatte und in den 
Allarmhäusern lag, nur der Oberst fehlte. Sein 
Adjutant, Lieutenant Biel, war sofort in sein 
Quartier geeilt, hatte ihn aber nicht gleich aus 
seinem tiefen Schlummer — er hatte, wie oben 
erwähnt die Nacht durchschwärmt und fleißig 
gezecht — aufzumuntern vermocht. - Endlich nach 
einiger Zeit kam er hastig und aufgeregt auf 
seinem Pferde herangesprengt. 
Aus dem Schießen, das man vom Südende 
des Ortes her hörte, entnahm man, daß auch 
das dort. liegende Regiment von Knyphausen 
angegriffen war und daß man schon fast völlig 
vom Feinde eingeschlossen sei. Höchstens nach 
Osten war noch an ein Entkommen zu denken. 
Rall ließ jedoch sofort nach seinem Eintreffen 
die Truppen vorrücken und suchte die Amerikaner 
zurückzudrängen. Dies konnte natürlich bei dem 
noch gar nicht völlig geordneten Zustande der 
Kompagnien nicht gelingen. Die Verwirrung 
der hessischen Truppen wurde noch vermehrt durch 
das Herumgallopiren der britischen Dragoner. 
Jetzt ließ Washington eine Batterie von 6 Ge 
schützen unter Kapitain Forest auffahren und 
auf die Hessen feuern. Die 4 Geschütze der 
beiden Regimenter konnten, das Feuer nur 
kurze Zeit erwiedern. Die Feinde rückten immer 
mehr vor und richteten ihr Feuer besonders auf 
die Bedienungsmannschaft der Geschütze, welche 
bald zum Theil niedergeschossen, zum Theil schwer 
verwundet und kampfunfähig gemacht war. Da 
machten die Amerikaner noch einen wüthenden 
Angriff und nahmen die Geschütze. Als Ralls 
Grenadiere, dies sahen, stürzten sie nochmals 
wuthentflammt auf den Feind los, warfen ihn 
mit dem Bajonett zurück und holten sich^ihre 
Kanonen wieder. Doch lange stonnten sie dem 
übermächtigen Feinde hier nicht mehr standhalten. 
Rall zog sich also mit seinem Regiment etwas 
nach Osten zurück. Oberstlieutnant Scheffer folgte 
ihm mit dem Regiment von Loßberg und beide 
faßten nun Fuß in einem Obstgarten an der 
Princetonerstraße. Anstatt sich nun nach dieser 
noch einigermaßen freien Seite weiter zurück 
zuziehen und so wenigstens die Truppen zu 
retten, faßte der Oberst, dem es unerträglich 
schien, vor den Rebellen zu fliehen und ihnen 
die ganze im Orte zurückgebliebene Bagage zu 
lassen, den tollkühnen Entschluß, die- Stadt 
Trenton, welche schon ganz vom Feinde eingenom 
men war wieder anzugreifen und die Amerikaner 
heraus zu werfen. „Alle, die meine Grenadiere 
sind, vorwärts!" rief er und stürmte an der 
Spitze seiner Leute wieder dem Feinde entgegen. 
Ein Kugelregen empfing die todesmuthig an 
rückenden Hessen. Kartätschen und Büchsenkugeln 
hagelten in ihre Reihen, und mancher brave 
Sohn des Hessenlandes fiel da zu Tode getroffen 
von dem Blei der amerikanischen Riflemen, welche 
aus nächster Nähe im Schutze von Mauerwerk 
und Gesträuch auf die Soldaten losknallten. 
Dabei versagten noch die Gewehre der Hessen 
bei dem Unwetter fast gänzlich, während das 
Feuer der Amerikaner, die ihre Büchsen vorher 
ausgeschossen hatten, immer lebhafter wurde. 
Zu alledem kam noch, daß die Geschütze 
des Regimentes von Loßberg im Schlamm 
stecken blieben; die des Regimentes Rall hatten 
ihr Feuer längst eingestellt, da ihre Bedienungs-
        

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