Full text: Hessenland (4.1890)

47 — 
einigemale in Ohnmachtsanfällen zum Schrecken 
seiner Gattin. 
Der Sommer brachte Erholung durch ein 
Kommando nach Osnabrück, wohin 2 Kompagnien 
der Grenadiergarde marschirten, um dem Hof 
lager des Königs daselbst als Ehrenwache zu 
dienen. Jerome kam indessen nicht. 
Am 1. April 1809 wurde Bardeleben zum 
Kapitain ernannt und ihm die verwilderte 
Kompagnie des einzigen Franzosen anvertraut, 
welcher bei der Bildung des Korps als Kapitain 
darin angestellt worden war. In Jahresfrist rückte 
er vom 5. Premierlieutenant zum Kompagniechef 
auf und stand damit an einem Platze selbständigen 
Wirkens und zwar für ihn zunächst in höchst 
schwieriger Stellung; er verstand durch Willens 
kraft, Klugheit, Güte die unbotmäßige Bande, 
die ihm zugeliesert war, zu einer Muster 
abtheilung umzubilden. Hören wir seinen Bericht 
eines der schlimmsten Vorkommnisse: „Eines 
Tages hatte ich meine Kompagnie Morgens, 
Mittags und Abends tüchtig exercirt, weil sie 
nicht folgsam werden wollte. Als ich sie Abends 
auseinander gehen ließ, stürzte die Mehrzahl 
mit lautem Toben und Fluchen und Schlagen 
mit dem Gewehr in die Kaserne. Ich folgte 
sogleich und befahl, sofort wieder in Reihe und 
Glied zu treten, welcher Befehl von den Unter 
offizieren befolgt wurde, die klebrigen aber 
weigerten sich zu folgen und ich war gezwungen 
mit der Klinge darauf los zu schlagen, wobei 
einige Verwundungen stattfanden. Mit vieler 
Mühe brachte ich sie endlich wieder ins Glied 
und exercirte dann noch eine Stunde; obwohl 
dies unbeschreiblich schlecht ging, wollte ich es 
doch nicht bemerken, ließ darauf zwölf Rädels 
führer verhaften und auf die Hauptwache bringen. 
Ich besorgte, Oberst Ducoudras würde wegen 
der Verwundungen den Vorfall zu meinem 
Nachtheile beurtheilen, allein er urtheilte in der 
Hauptsache richtig. Die Rädelsführer wurden 
vor ein Kriegsgericht gestellt, einige zum Tode 
verurtheilt; jedoch, wohl aus Rücksicht auf die 
Zeitumstände (die Dörnberg'sche Erhebung hatte 
stattgefunden) begnadigt und mit noch einigen 
nach Spanien geschickt. Von da an war ich 
Herr und Gebieter und wurde allmählig der 
Vertraute in allen Angelegenheiten meiner Leute". 
Die eifrige unausgesetzte Beschäftigung mit 
seinen Unteroffizieren und Soldaten erzeugte 
reges Ehrgefühl und Anhänglichkeit an ihn. in 
dem Feldzuge 1809 in Sachsen desertirten west- 
phälische Soldaten zahlreich, mitunter 10—12 in 
einer Nacht, von Bardelebens Kompagnie nicht 
Einer. Die Märsche legte er zu Fuß zurück, 
was seine Leute ermunterte; selbst bei einem 
fast 16 (kündigen Marsche sei keiner von seiner 
Kompagnie zurückgeblieben, verzeichnete er. Seine 
Fürsorge für ihr Wohlergehen lohnten sie durch 
Vertrauen; so erzählt er, er habe für guten, 
saubern Anzug sich bemüht und seine Grenadiere 
hätten, wenn sie Sonntags ausgegangen seien, 
gern den Weg vor seinem Hause vorüber gewählt, 
damit er sehen könne, wie schön ihre Uniform 
sich darstelle. Auf seinen Vorschlag wurden 
vier seiner Unteroffiziere zu Offizieren ernannt, 
alle Bauersöhne, von denen nur einer beim 
Eintritte hatte schreiben und lesen können. Wir 
müssen uns versagen, weiteres Einzelne aus 
dieser Zeit ernsten Schaffens zu bringen, so 
lehrreich es auch ist zu sehen, wie die Mann 
schaft „für den Krieg" vorbereitet wurde, den 
Jedermann erwartete. 
Ueber Zustände und Personen in Kassel zu 
dieser Zeit theilt Bardeleben Verschiedenes mit, 
was zur Bestätigung der Urtheile über die 
Minister des Königs und die Lage des Staates 
dienen kann, wie sie feststehen. Als Oberst von 
Dörnberg am 22. April 1809 sich gegen die 
Regierung erhob, rückte auch die Grenadiergarde 
zur Dämpfung des Aufstandes aus , ohne zu 
einer Thätigkeit zu gelangen. Ein Vetter 
unseres Gardekapitains hatte diesen Tages zuvor 
besucht und wurde dann wegen Betheiligung an 
der Verschwörung verfolgt, Bardeleben besorgte 
ebenfalls verwickelt zu werden, doch erfolgte 
nichts. Er hielt auch an seinem dem Könige 
geschworenen Treueide fest, obwohl er im Herzen 
Deutschlands Schmach beklagte. 
Von dem folgenden Jahre 1810 erwähnt 
Bardeleben über sich: „Dieses Jahr steht in 
heiterem Licht vor meiner Seele, ruhig floß es 
dahin". Diese wenigen Worte könnten von 
einem Geschichtsschreiber auf die Weltlage jenes 
Jahres bezogen werden, denn Napoleon stand 
ans seiner Höhe, Frieden herrschte, nur Spanien 
beugte sich nicht unter des Gewaltigen Fuß. 
Neben seiner rastlosen Thätigkeit im Dienste 
fand der Offizier noch Muße, sich an der Arbeit 
der Freimaurerloge zu betheiligett, er wurde 
sogar nach zweijähriger Zugehörigkeit zum 
ersten Vorsteher gewählt; auch hier faßte er 
seine Pflichten in dem sittlichen Ernste und mit 
dem Eifer auf, wie die seines Berufes und 
mußte lernen, daß es in der Welt zweierlei 
Maßstäbe für dieselben Dinge geben kann. 
Die ungeheuern Verluste in Spanien wirkten 
auf Beförderung im Offizierskorps hin, so 
wurde auch Bardeleben mit drei vor ihm 
stehenden Kapitains der Grenadiergarde am 
25. Januar 1811 zum Oberstlieutenant ernannt. 
So eben hatte ihm der Tod ein Kind geraubt, 
und seine Gattin einem anderen das Leben 
gegeben, als ihn die Versetzung zum vierten
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.