Full text: Hessenland (4.1890)

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lörecht Khmstian Wuöwig von Maröeleben. 
Kurfürstlich Hessischer Generallieutenant. 
1777-1856. 
Mn Lrinnerungsölglk Non L- v- Ztamford. 
lFortsetzung.) 
III. Westphalen. 
1808-1811. 
Napoleon ließ mit Kurhessen als Kern den 
„Musterstaat" Westphalen aufrichten,' in welchem 
seine Anschauungen über Regierung verwirklicht 
werden sollten. Sehr strenge Vorschriften 
ergingen in dem neuen Königreiche hinsichtlich 
der Pflicht zum Militairdienste; im Dezember 
1807 wurden alle auf dem Gebiete Westphalens 
Geborenen, welche in auswärtigem Dienste standen, 
aus diesem abgefordert — bei Verlust ihres 
Vermögens. „Meine Verhältnisse legten mir 
die Pflicht auf, zu dienen" sagt Bardeleben von 
sich. Sein alter Kriegsherr hatte den vormals 
hessischen Offizieren erklären lassen, „er könne 
nichts mehr für sie thun", dies war doch 
nur Umschreibung der Erlaubniß, in königlich 
westphälischen Dienst zu treten. Nach langem 
Hinausschieben des schweren Entschlusses, der 
für ihn fast eine Umkehrung seiner Natur 
bedingte und nachdem alte Kameraden, jetzt 
westphälische Offiziere, ihn gemahnt hatten, 
wegen des großen Andranges nicht zu warten, 
bis es zu spät sei, meldete sich Bardeleben im 
Februar in Kassel zum Eintritte. Er wurde 
am 1. April 1808 zum Premierlieutenant in 
der Grenadiergarde ernannt, sein Abschied als 
preußischer Kapitain nicht berücksichtigt. 
Die Grenadiergarde wurde in Münden gebildet, 
wohin die Offiziere und die Soldaten aus allen 
Theilen des Königreichs berufen wurden; es 
waren nur Gediente, die in hannoverschen, 
braunschweigischen, hessischen, preußischen, fran 
zösischen Uniformen urplötzlich in dem stillen 
Städtchen ein buntes Leben hervorriefen. Die 
meist deutschen Offiziere mußten ihre durchgängig 
deutschen Untergebenen in französischer Sprache 
befehligen und nach französischem Reglement; oft 
blickten die Soldaten ihre Offiziere mit Ver 
wunderung au und schienen nicht zu glauben, 
daß es Wahrheit sei, was sich vor ihren Augen 
begab. Nach vier Wochen war die Truppe 
soweit zusammengeschweißt, um in Kassel auf 
treten zu können; wegen ihrer buntscheckigen 
Außenseite mußte sie „vor Tagesanbruch nach 
der Orangerie schleichen", wo Alles zur voll 
ständigen Bekleidung und Bewaffnung bereit 
lag. „Nach zwei Stunden stand wie durch 
Zauberschlag eins der schönsten Korps die ich je 
gesehen, unter den Orangenbäumen. Die Uniform 
war weiß mit rothem Kragen, Aufschläge und 
Rabatten mit Gold, weiße lange Beinkleider 
und weiße Gamaschen, große Bärenmützen mit 
rothen hohen Federbüschen. Don einer solchen 
in jeder Beziehung vortrefflichen Ausrüstung, 
wie auch von den übrigen militärischen Ein 
richtungen, welche alle vollkommen dem Zwecke des 
Kriegerstandes entsprachen, hatte ich bisher kein 
Beispiel gesehen. Das Korps bezog die neue 
Kaserne, deren großartige Einrichrung wie die 
überall zu Tage tretende Sorgfalt, den Soldaten 
eine gesunde und bequeme Wohnung zu verschaffen, 
uns auf das angenehmste überraschte*). Der 
König hatte sein besonderes Wohlgefallen an 
dem Korps". 
Die Ausbildung desselben wurde lebhaft 
betrieben; da Bardeleben von Hause aus das 
französische Reglement eifrig studirt hatte, 
ertheilte der Kommandeur Oberst Ducoudras 
ihm den Auftrag, das Offizierskorps — Kapitains 
und Lieutenants — mit Gewehr und Patron 
tasche in der Soldaten- wie Pelotonschule ein 
zuüben. Später trafen über 500 Rekruten für 
die Grenadiergarde ein; auch diese hatte 
Bardeleben sämmtlich einzuüben und zu belehren. 
Die Anstrengungen dieses Dienstes zeigten sich 
*) Kriegsminister war der französische General Mario, 
wie unser Gewährsmann ausspricht, ein Mann von Geist 
und liebenswürdigem Wesen, der bald nach dieser Zeit 
eine Division Westphalen nach Spanien führte und sich 
bald die Liebe und das Vertrauen der Truppen erworben 
hatte.
        

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