Full text: Hessenland (4.1890)

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der Grenze von Dragonern gebildeter Absperrungskordon 
hatte nicht verhindert, daß sie auch nach Wanfried, 
Schwebda, Eschwege kam. 
Es sind nun gar mancherlei Umstände, welche dieses 
„Weltsterben" erklärlich finden lassen. Zunächst das 
Wohnen einer in den Städten dicht zusammengedrängten 
Bevölkerung in engen, dunklen und unreinen Gassen, 
und dann das Begraben der Todten in den Kirchen 
oder auf den innerhalb der Stadt um die Kirchen 
herum gelegenen Todtenhöfen, worin erst Philipp der 
Großmüthige eine heilsame Aenderung herbeiführte. 
Der Hauptgrund aber, daß in der Regel alle den 
Seuchen erlagen, welche davon betroffen wurden, lag 
in dem Mangel an Aerzten und Apotheken. 
In dem 10. Band der Zeitschrift des Vereins für 
hessische Geschichte und Landeskunde giebt Dr. Kolbe 
in dem Aufsatz „Beiträge zur Geschichte der Medicin 
in Hessen" hierüber Auskunft. 
Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts gab es 
in Hessen noch keinen eigentlichen ärztlichen Stand 
und keine Apotheken. 
In den vielen und blutigen Kriegen des Mittel 
alters sind die Heere noch nicht von Feldärzten be 
gleitet, ja der Kranke und Verwundete war auf seine 
eigene Hülfe und den Beistand seiner Kameraden an 
gewiesen, daher die Sterblichkeit eine ungeheure. Selbst 
bei den errichteten Kranken- und Siechenhäusern war 
in den ersten Zeiten kein Arzt vorhanden. Im Jahre 
1491 erregte es noch bei Dietrich von Schachten, dem 
Begleiter Landgraf Wilhelm I. auf dessen Pilgerfahrt 
nach Jerusalem, die größte Verwunderung, daß im 
Spital zu Rhodus Aerzte angestellt waren, weshalb 
er. sich veranlaßt findet, diese Einrichtung ausführlich 
zu beschreiben. 
Die Vertrauensmänner des Volkes waren nach 
Errichtung der Klöster die Mönche, bei welchen man 
tieferes Wissen voraussetzte. Auch der erste Arzt, 
welcher in Hessen (als Zeuge in einer Urkunde vom 
Jahre 1304) erwähnt wird, Magister Johannes Phy- 
sicus, war ein Geistlicher. Dann wird erst im Jahre 
1440 wieder ein solcher genannt. Es war dies 
Meister Leonhart von Swinfort, ein getaufter Jude, 
welchen Landgraf Ludwig von seiner Pilgerfahrt nach 
Jerusalem mitgebracht hatte. 
In Italien war das wissenschaftlich ärztliche Leben 
zuerst wieder erwacht und das ärztliche Studium auf 
den Universitäten zu Bologna und Padua, dann zu 
Montpellier und Paris weiter gefördert. Dahin 
halten sich auch Deutsche zum Studium begeben; die 
Zahl der hier ausgebildeten Aerzte war aber noch so 
gering, daß nur Fürsten sich gestatten konnten, solche 
als ihre Leibärzte anzustellen und die reichen Handels 
städte sie zu sich heranziehen konnten. So hatte 
Landgraf Heinrich (Ludwigs Sohn), welcher viele 
Jahre lang am Aussatz litt, im Jahre 1480 dem 
Bartholomäus von Etten, Doktor der sieben freien 
Künste, mit einem jährlichen Gehalt von 51 Gulden 
als seinen Leibarzt angestellt. 
Die in Italien ausgebildeten Aerzte führten nun 
auch, die Vorschriften ihrer griechischen und arabischen 
Meister befolgend, südliche Pflanzen, Gewürze und 
Droquen in manichfachen Zusammensetzungen nach 
Deutschland, während man früher auf die hier wachsen 
den Heilkräuter beschränkt war. Damit entstanden 
die Apotheken und als eine der ersten in Deutschland 
die in Marburg, welche der Apotheker Lorenz Fait 
von Lübeck um das Jahr 1480 errichtete. Der 
Apotheker, welcher auch das Recht des Weinschanks 
hatte, wird nicht als Bürger und Mitglied einer 
Zunft, sondern als Hofdiener aufgenommen. 
Die Aerzte der damaligen Zeit konnten aber nicht 
darauf rechnen, daß auch die niederen Volksklassen 
von den Arzneimitteln der Apotheken Gebrauch machten, 
da deren Preise für sie viel zu hoch waren. 
Wie unendlich ist hierin der Fortschritt der Zeiten, 
und doch fehlt es noch immer nicht an Anhängern 
der guten alten Zeit, welche Besprechungen und andern 
Zaubermitteln, den Heilkräutern alter Weiber und 
Hirten mehr Vertrauen schenken, als Aerzten und 
Apotheken. IS. 
Der selige Superintendent Schüler pflegte gern 
aus seinem reichen Schatze hessischer Anekdoten folgende 
Geschichte zu erzählen, die ein Seiten stück zu dem 
Artikel „Wie die Hesien Fremdwörter zu verdeutschen 
wisien (in Nummer 21 der Zeitschrift „Hessenland" 
vom vorigen Jahre) bildet: 
In Kasiel ist große Aufregung, denn der Kurfürst 
hält zu Ehren eines hohen Gastes eine glänzende 
Truppenparade ab, zu der alle höheren Beamten, vor 
allem auch die auswärtigen Gesandten geladen sind. 
Um dem allzuhestkgen Andrängen des Volkes einen 
Damm zu setzen, ist der Platz von Gardisten abge 
sperrt worden. Da erscheint plötzlich, nachdem schon 
der Ring geschlossen ist, noch die Sänfte der Ge 
mahlin des französischen Gesandten, eines Grafen 
de Montmoreney, und heftig begehren die Sänften 
träger durchgelassen zu werden. Aber sie sind gerade 
an den Unrechten gekommen, der lange Gardist, der 
ihnen den Weg sperrt, ein Bauernsohn von der 
Werra, rührt sich nicht vom Fleck, sondern ruft ihnen 
mit vorgehaltenem Gewehr ein drohendes „Halt!" zu. 
Alle Bemühungen und Erklärungen der Diener ver 
mögen den pflichtgelreuen Soldaten nicht zur Durch- 
lassung zü bewegen. Endlich beugt sich die französische 
Dame, im hohen Grade über den Aufenthalt entrüstet, 
aus der Sänfte und ruft, überzeugt, daß dies Zauber 
wort eine unfehlbare Wirkung haben müsse, dem Soldaten 
zu: „Je suis la Comtesse de Montmoreney“. 
Der Gardist aber schüttelt den Kopf und erwidert 
grinsend: „Daß ne ale Pommer an ze drinn 
sitzt, das ho ich me glich gedacht, das brucht de me 
nit erscht zu verzählen!" A. IL.
	        

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