Full text: Hessenland (4.1890)

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aber sonst keinen teutschen Spruch zu führen Pflege, 
habe ich doch meines Herzens gründliche Meinung 
anstatt eines andern Spruches gesetzt; bitte Eur. 
Libden mit der Einfalt vorlieb nehmen zu wollen. 
An den überschickten Zeilen etwas zu verbessern 
oder einzurücken, acht ich mich viel zu wenig, 
sondern werden Eur. G. dieselben nach dero hohem 
Belieben zu verfahren wissen. Deren Beschließendes 
sammt dem Meinigen mich im demüthigsten Em 
pfehlen. Gott der Allmächtige nehme Eur. Libden 
sammt den Ihrigen in seinen Schutz; ich verbleibe 
Eure Libden treu dienstwilliger Better und ge 
horsamster Diener 
Hermann Landgraf von Hessen. 
K. He—d. 
Pestartige Seuchen in Hessen. Als die 
erste große pestartige Seuche, welche nach Deutschland 
und auch nach Hessen gedrungen ist, wird die in den 
Jahren 1309 bis 1313 herrschende erwähnt, an 
welcher in Kasiel im Jahre 1311 die hier im Ahna- 
berger Kloster beerdigten Landgraf Johannes und 
desien Gemahlin Adelheid von Braunschweig starben. 
Einige Jahre vorher hatte sich durch die Kreuzzttge 
auch der Aussatz in Hessen verbreitet und der zweiten 
Gemahlin Heinrich I., Mechtildis von Cleve im 
Jahre 1338 Veranlassung gegeben, in Kassel vor dem 
Zwehrener Thore außerhalb der Stadt am Ende des 
Steinwegs ein Hospital für arme Sieche mit einer 
der heiligen Elisabeth geweihten Kirche, genannt das 
St. Elisabeth-Hospital, zu stiften. Gleiche Veranlassung 
hatte auch die erste Gründung des Siechenhofs vor 
dem Leipziger Thore. 
Der Pest der Jahre 1309 bis 1313 folgte noch 
in demselben Jahrhundert 1346 bis 1349, eine weit 
schrecklichere über die ganze Erde verbreitete Seuche, 
der schwarze Tod genannt, welche wegen der zahllosen 
von ihr geforderten Opfer das Wellsterben genannt 
wurde. Während über die Natur der ersteren Seuche 
nichts näheres bekannt geworden ist, (man nannte im 
Mittelalter jede ansteckende und verheerende Krankheit 
Pest) wird von der letzteren gesagt, daß sie in heftigem 
Fieber, Delirien, Athembeengung, schwarzer Zunge 
und schwarzen Blutergüssen aus der Nase und Lunge 
bestanden und fast ohne Ausnahme am dritten Tage 
den Tod zur Folge gehabt habe. Nach Rommels 
Geschichte von Hessen B. II. S. 115. raffte diese 
Krankheit, welche sich zuerst im Jahre 1347 in China 
gezeigt und durch genuesische Schiffer in Europa ein 
geschleppt war, in Asien mehr als 20 Millionen 
Menschen weg. Es starben an ihr in den 2 Jahren, 
in welchen sie über Europa verbreitet war, u. a: 
16000 Menschen in Straßburg, 14000 in Basel, 
in Fulda 3000 und ebensoviel in Hersfeld, in Lübeck 
90000 (1500 in einer Nacht). In Hessen hatte 
sie in dem Jahre 1346 so heftig gewüthet, daß 
Dörfer und Städte verödeten und der Bau der St. 
Martinskirche in Kassel wegen Mangels an arbeiten 
den Händen auf längere Jahre unterbrochen werden 
mußte. 
Auch im folgenden Jahrhundert herrschten pestartige 
Seuchen in Hessen, nach Piderits Geschichte der Stadt 
Kassel S. 168 namentlich in den Jahren 1411, 
1462, 1470, 1495. In Marburg starben im Jahre 
1483 mehr als l / 6 der Einwohner an der Pest. 
Im 16. Jahrhundert trat dann eine neue Krank 
heit auf, morbus anglicus, der englische Schweiß, 
welche auch in Hessen wieder zahlreiche Opfer forderte. 
Als ein besonderes Unglücksjahr admodum gravis et 
calamitosus wird von Forestus das Jahr 1529 ge- 
nannt, in welchem diese Krankheit am verbreitetsten 
war und außerdem ein solcher Mangel an Feldfrüchten 
herrschte, wie es sich kein Sterblicher zu erinnern 
wußte (tanta erat annonae caritus, quantam nemo 
mortalium meminisset). Die Krankheit, welche be 
sonders stark in Amsterdam und Augsburg aufgetreten 
war, war auch nach Marburg gedrungen, weshalb 
im Jahre 1529 die zwei Jahre vorher hier errichtete 
Universität nach Frankenberg verlegt wurde. Mar 
burg und die ihm benachbarten Orte Wetter und 
Melnau sowie Treysa waren die Orte welche in Hessen 
im16.und imAnfange des 17.Jahrhunderts am häufigsten 
von der Pest betroffen wurden. Die Universität wurde 
wegen dieser Seuche auch in den Jahren 1542 (nach 
Biedenkopf), 1564, 1575, 1585, 1597, 1607 und 
1611 an andere Orte verlegt. In Wetter und 
Melnau starben an ihr 530 Menschen im Jahre 
1527, im Jahre 1567 in Wetter 525 und in den 
Jahren 1584 und 1585 wiederum 528, und in den 
Jahren 1610 und 1611 250 Menschen. In Treysa 
starben 542 in den Jahren 1567 und 1568 und 
528 in den Jahren 1584 und 1585. Die Pest 
hatte im Jahre 1566 auch in Schmalkalden 1700 
Menschen zum Opfer gefordert, die meisten aber in 
Witzenhausen, wo ihr im Jahre 1588 beinahe die 
Hälfte der Einwohner (900 von 1900) erlagen. 
Auch Kassel blieb nicht verschont. Im Jahre 1597 
starben hier 2894 seiner Bewohner, davon in der 
Allstädter Gemeinde nach dem Kirchenbuch 640 Per 
sonen, während hier sonst die Durchschnittszahl der 
Todten 60 betrug. 
Im 16. Jahrhundert war es aber nicht allein die 
Pest, welche den Tod so vieler Menschen herbeiführte, 
es kamen dazu noch andere Krankheiten, welche eben 
solche Folgen hatten, so im Jahr 1565 eine weit verbrei 
tete bösartige Lungenentzündung, 1568 das Faulfieber 
'und außerdem Pockenepidemien und Kinderkrankheiten, 
namentlich der Keuchhusten. Als das letzte Pestjahr 
wird das Jahr 1682 genannt. Seit 1677 hatte 
die Pest sich wieder in Deutschland verbreitet und 
von Nordhausen aus auch Hessen bedroht. Ein an
        

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