Full text: Hessenland (4.1890)

37 
Stelle des Blattes der Sparkassenausweis mit 
getheilt; ein andermal richtet der erste Geistliche 
der Stadt, Inspektor Schüler, an die „religiös 
gesinnten und wohlhabenden Bürger und Ein 
wohner" die Bitte, Beiträge für die Reparatur 
der Kirche zu spenden. Wie die politischen 
Nachrichten, so fehlen auch die sonstigen Neuig 
keiten (Göthe's Tod ist z. B. nicht verzeichnet), 
ebenso die Lokalmittheilungen. Wie seltsam die 
geistige Nahrung, die dem Publikum vorgesetzt 
wurde, und wie genügsam dieses Publikum war, 
das beweist die Thatsache, daß der Inhalt der 
Nro. 51 des Jahrganges (abgesehen von den 
Inseraten) erstens bestand aus einem Gedicht: 
„Todenklage Heloisens beim Begräbnisse Abälards 
im Kloster Paraklet", zweitens aus einem Auf 
sätze: „Petersilie, als nützliches Kraut für die 
Schafe". 
Die Anzeigen sind theils amtliche, theils 
private. Zu jenen gehören die Bekanntmachungen 
der Justiz-, Verwaltungs- und städtischen Behörden, 
u. s. w., die Auszüge aus den Kirchenbüchern, 
die Brod- und Fleischtaxen. Die Zahl der 
unehelichen Kinder ist ungemein groß; sie beträgt 
in manchen Monaten 30—40 Prozent der 
Geborenen. Interessant find auch die Lebens 
mittelpreise. 8 Pfund Brot kosten 7 Alb. 
4 Pfg., ein Preis, der nur um Weniges geringer 
als der heutige ist. Hingegen kostet Rindfleisch 
das Pfund nur 2 Alb. 8 Pfg., Hammelfleisch 
1 Alb. 4 Pfg., Schaaffleisch gar nur 1 Alb., 
Schweinefleisch 2 Alb. 3 Pfg., Kalbfleisch 1 Alb 
8 Pfg., Branntwein, das Kännchen (ungefähr 
V 8 Liter) über die Straße 9 Pfg., in der 
Schenke 10 Pfg., auf dem Lande ebenfalls 9 Pfg. 
Das Bier kostete für das Maaß (gleich 2 Litern) 
1 Alb. 4 Pfg. Im Uebrigen enthalten die 
amtlichen Inserate kaum etwas Erwähnens- 
werthes; sie unterscheiden sich von den heutigen 
Bekanntmachungen fast gar nicht, nicht einmal 
durch den Stil. Dagegen tragen die Privat 
anzeigen viel sichtbarer das Gepräge ihrer Zeit; 
sie sind ungemein breitspurig und langathmig 
und verschwenden an die geringfügigsten Dinge 
einen bedeutenden Wortaufwand. Die Verkaufs-, 
Verpachtungs-, Vermiethungs-Anzeigen, Stellen- 
Gesuche und Angebote bieten nichts Ungewöhn 
liches; charakteristisch in mancher Beziehung 
dagegen sind jene Anzeigen, in welchen, vorzüglich 
zur Jahrmarktszeit, Personen ihre Anwesenheit 
ankündigen, die Waaren verkaufen oder Vor 
stellungen geben. So erscheinen zu jeder er 
heblichen Messe ein Handschuhfabrikant aus 
Kassel, ein Gold- und Silberwaarenhändler aus 
Hanau, eine Putzmacherin aus Marburg u. s. w.; 
Quartier nehmen die Fremden zumeist in dem 
noch heute bestehenden Gasthaus zum Stern. 
Eine Dame, mit Namen I. Rauch, zeigt im 
Rathhause ein Wachsfigurenkabinet und bittet 
um recht zahlreichen Besuch, „um die Stadt 
Hersfeld in immerwährendem dankbaren Andenken 
zu behalten". Israel Moses eröffnet einen 
Tanzunterricht; er verspricht Kinder von 8 Jahren 
in 3 Monaten so zu unterrichten, „daß sie in 
jeder Tanzgesellschaft, sowohl in deutschen, 
französischen, als auch in englischen und polnischen 
Tänzen mit Fertigkeit auftreten können". Und 
alles das für 1 Rthlr. 4 Ggr., die obendrein 
erst bezahlt werden, wenn durch einen Ball der 
Nachweis geliefert ist, daß die Schüler die 
Tanzkunst sich angeeignet haben. Mechanikus 
Lorgin zeigt an: „Im Metamorphosen-Theater, 
heute Sonntag, den 20. May, als vorletzte 
Vorstellung, Doktor Faust, Schauspiel in 3 Auf 
zügen, zum Nachspiel: ein mechanisches Kunst 
ballet , hierauf die Leichen-Prozession des Pabstes 
Clemens IX., zum Beschluß: Phantasmagorie 
oder natürliche Geistererscheinung". Weiteres 
über Kunstgenüsse habe ich nicht angezeigt ge 
funden. 
Das Universal- und Geheimmittelwesen blühte 
auch in jener Zeit schon. Ein „erprobtes 
schweizerisches Kräuteröhl" für die Haare preist 
ein gewisser K. Miller an, der bei seinen 
Gebirgsreisen in der Schweiz angeblich das 
Glück hatte, „ganz unbekannte Kräuter" an 
zutreffen, aus welchen er dies Oel bereitete. 
I. Bathers in Frankfurt a. M. (Schnurg. 71) 
empfiehlt ein „souveraines Heilmittel gegen die 
Epilepsie"; er versichert, daß eine außerordentliche 
Menge Personen von jedem Alter und Geschlecht 
dadurch vollkommen geheilt worden sind und 
fühlt sich verpflichtet, „leidende Personen dieser 
Art darauf aufmerksam machen zu müssen, und 
ist bereit, allen denjenigen, welche solches an 
zuwenden wünschen, damit an Handen zu gehen". 
Auf dem Gebiete des Reklamewes^ns überhaupt 
und insbesondere der Geheimmittel-Anpreisung 
haben wir Fortschritte gemacht, über welche die 
Herrn Miller und Bathers sich vermuthlich baß 
verwundern würden. 
Schließlich sei noch einer Art Annoncen gedacht, 
die man heute in deutschen Blättern nicht mehr 
antrifft: solche nämlich, durch welche Stell 
vertreter für Militärpflichtige gesucht werden. 
Aus der Anzeige eines Agenten, der solche 
Stellvertretungen vermittelte, ersehen wir zugleich 
die dafür gezahlten Preise; ausgediente Soldaten 
von der Garde-du-Korps erhielten als Vergütung 
150 Rthlr., Garde und Garde-Jäger, Artillerie 
zu Pferd und Dragoner 140, Artillerie zu Fuß 
'und Infanterie 135; ungediente Leute bekamen 
110 bis 120 Rthlr.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.