Full text: Hessenland (4.1890)

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Trotzdem ist sie heute, wo sie, ganz abgesehen 
vom Inhalte, etwa zwölfmal mehr bietet als 
vor fünfzig Jahren, doch schwerlich theurer als 
damals. Zu jener Zeit, wo die Konkurrenz noch 
in den Windeln lag, lohnte sich das Zeitungs 
geschäft eben anders als heutzutage, da man 
für wenige Pfennige monatlich ein umfangreiches 
Blatt in's Haus gebracht erhält. 
Was ich aber im Allgemeinen von dem 
dürftigen Inhalte der „Jntelligenzblätter" sagte, 
trifft auch auf dasjenige Hersfelds zu. Der 
unterhaltende Theil herrscht vor und ist sogar 
verhältnißmäßig ziemlich reichhaltig. Fast in 
jeder Nummer findet sich ein Gedicht, ferner 
Auffätze gemeinnützigen Inhalts (betr. Haus 
und Landwirthschaft), geschichtliche Abhandlungen, 
Recepte, Anekdoten, Miscellen und Räthsel. 
Die Gedichte sind theils heiterer, theils ernster 
Gattung; wo sie von Religion und Moral 
reden, da sind sie ganz im rationalistischen 
Geschmacke der Zeit gehalten. Die eigentliche 
Lyrik entspricht der damals üblichen Taschenbuch 
poesie, für die wir theilweise kaum noch ein Verständ 
niß haben. Ein „Frauenlob" betiteltes Gedicht, das 
sich durch schwungvolle Sprache auszeichnet, be 
ginnt mit den folgenden hübschen Strophen: 
„Was ist süßer, als der Wein? 
Lieblicher als Beilchendüfte? 
Freundlicher als Sternenschein? 
Schimmernder als Frühlingslüfte? 
Holder, als die Rose blüht? 
Sing' es, sing' es, frohes Lied! 
Frauenlieb' ist goldner Wein, 
Frühlingsglanz dem trüben Leben, 
Frauenlieb' ist Sternenschein, 
Ist der Blume Duft und Weben; 
Von der heil'gen Gluth durchglüht 
Sing' es, sing' es, frohes Lied!" 
Außerdem fand ich noch bemerkenswerth ein 
Gedicht in niederhessischer Mundart, das an 
geblich aus dem Jahre 1730 stammt. Es ist 
überschrieben: „Aller Reddelichen Hessen-Kenger 
herzeliche Freude" und soll zur Begrüßung des 
Landgrafen Friedrich's I., zugleich Königs von' 
Schweden, als derselbe im Sommer genannten 
Jahres sein Stammland besuchte, verfaßt 
worden sein. 
Eine Verpflichtung, das Publikum mit den 
neuesten Ereignissen bekannt zu machen, fühlte 
das Hersfelder Jntelligenzblatt in jener Zeit nicht. 
Es überließ die Sorge dafür den politischen 
Zeitungen, wie dem „Frankfurter Journal", 
der „Hanauer Zeitung" und dem in Kassel heraus 
kommenden vielgelesenen „Verfassungsfreund". So 
finden wir denn auch trotz der bewegten Zeit 
nur spärliche Ansätze zu politischen Kundgebungen, 
z. B. ein Lied, gesungen bei der Anwesenheit 
der Deputirten sämmtlicher Bürgergarden Kur 
hessens zu Kassel. Bekanntlich wurde von allen 
liberalen Elementen die Volksbewaffnung ge 
fordert , insbesondere auch im Hinblicke auf die 
Vorkommnisse vom 7. Dezember 1831 (die sog. 
Garde-du-Korps-Nacht). Von diesen und ähn 
lichen aufregenden und wichtigen Ereignissen 
nimmt indeß das Jntelligenzblatt keinerlei Notiz, 
so daß wir, ständen uns nicht andere Quellen 
zu Gebote, über Meinungen und Thaten der 
guten Hersfelder zu jener Zeit vollkommen im 
Dunkeln wären. Ein für das kleine Fulda 
städtchen außerordentliches Vorkommniß war z. B. 
der Durchzug der polnischen Offiziere und 
Soldaten, welche nach dem unglücklichen Aus 
gange des Aufstandes auf preußisches Gebiet 
übergetreten waren und durch Deutschland dann 
nach Frankreich sich wandten. Die Hersfelder 
Bürgerschaft hat damals Großartiges in Gast 
freundschaft geleistet; man riß sich förmlich um 
die hungernden Ankömmlinge und wer keine 
Einquartierung bekam,' machte ein trauriges 
Gesicht. Niemand nahm Zahlung von den 
Fremden, obwohl die preußische wie die hessische 
Regierung ihnen ein kleines Taggeld auszahlen 
ließ. Gegen tausend Offiziere und einige hundert 
Soldaten wurden so in Hersfeld gespeist, getränkt, 
mit Geld versehen und schließlich in Wagen nach 
Niederaula befördert, dessen wackere Bürger 
die Ankömmlinge mit gleicher Freundlichkeit 
empfingen. Doch ich erzähle da Dinge, die 
streng genommen nicht hierher gehören; denn 
von Alledem steht. in unserm Jntelligenzblatt 
kein Sterbenswörtchen. Vielleicht hielt der 
Redakteur es für überflüssig, Ereignisse, welchen 
der Leser selbst beiwohnen konnte (der aus 
wärtigen Abonnenten mögen nur wenige gewesen 
sein) , noch besonders zu behandeln. Nur im 
Anzeigentheil ist einmal des Polendurchzuges 
Erwähnung gethan: es war nämlich am 27. Januar, 
als gerade polnische Offiziere auf dem Rathhause 
erwartet wurden, einem ungenannten Jemand 
ein aschgrauer Tuchmantel, mit langhaarigem 
schwarzem Pelz besetzt, abhanden gekommen, was 
oem Publikum geziemend zur Kenntniß gebracht 
wurde! Einen wirklichen politischen Artikel, 
nahezu den einzigen seiner Art , finden wir in 
der Nummer vom IS. September; er ist von 
einem Hersfelder „Bürgerfreund" abgefaßt und be 
handelt die damals bevorstehenden Landtagswahlen. 
Doch auch die städtischen Angelegenheiten 
werden im redaktionellen Theile ungemein stief 
mütterlich behandelt. Nur wenige Aufsätze be 
schäftigen sich mit ihnen; einmal wird an erster
        

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