Full text: Hessenland (4.1890)

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Kurfürsten in voller hessischer Uniform, doch 
ohne Zopf und Puder, vor; tief ergriffen küßte 
er dem Fürsten die Hand, mit Thränen sie 
benetzend, und auch des verbannten Wilhelms 
Augen füllten sich mit Thränen; Arbeiter, welche 
der Kurfürst eine Anlage im Garten machen 
ließ, wurden von der Scene mit ergriffen. Als 
dann Bardeleben zur Tafel gezogen wurde, er 
regte es in der kleinen Tafelrunde einige Heiter 
keit, als der Kurfürst darob verwundert sich 
zeigte, daß ein so diensteifriger Offizier wie 
Bardeleben mit abgeschnittenem Puder- und zopf 
losem Haare sich zeige, wobei er versicherte, er 
sei sehr gut durchgekommen, indem er seinen 
aufgewickelten Zopf unter dem runden Hut ver 
steckt habe und auf der ganzen Reise von Arolien 
bis Schleswig nicht erkannt worden sei. Barde 
leben vermochte frevelhaften Lachkitzel nicht zu 
unterdrücken und am Ende lachte der Kurfürst, 
wie die Gesellschaft mit. Nach Tafel traf die 
Nachricht ein, es sei ein Unteroffizier wegen 
Theilnahme an dem Aufstande zu Kassel er 
schossen. Voll tiefer Rührung beklagte der Fürst 
das Schicksal seiner treuen braven Hessen und 
sprach die Absicht aus, den zahlreichen Hinter 
bliebenen des Unglücklichen sofort durch eine an 
sehnliche Pension beizustehen. S. bemerkte, 
es sei kein politischer Akt, der Kurfürst könne 
ja die Sache im Auge behalten und nach seiner 
Rückkehr mit vollen Händen geben — dieser 
Rath trug den Sieg über die erste menschliche 
Regung Wilhelms davon. 
Auf das Abschiedsgesuch des jungen Offiziers 
ließ der Fürst ihn zu sich bescheiden und sprach 
mit bewegter Stimme, es habe ihn überrascht, 
er halte fest am Glauben, daß Bardeleben ihm 
treu bleiben, ihn bei den ungünstigen Verhält 
nissen nicht verlassen werde. 
„Diese Worte trafen mein Herz, sodaß ich 
sofort verzichtete in fremde Dienste zu treten — 
ich bat daher nur um die Erlaubniß, als Volon 
tär dem bevorstehenden Feldzug beiwohnen zu 
dürfen, indem ich versprach, nach des Kurfürsten 
Rückkehr ungesäumt in Kassel mich einzufinden. 
Er lebte der Ueberzeugung, nach sechs Wochen 
in sein Land zurückkehren zu dürfen, weswegen 
sein Abgesandter, von Gayling, in Bonaparte's 
Hauptquartier unterhandle; daher könne er aus 
politischen Gründen keinem seiner Offiziere die 
offizielle Erlaubniß ertheilen, gegen Bonaparte 
zu fechten. Als ich um weitere Befehle bat, 
was ich denn thun solle, wurde mir die Antwort: 
nach Hessen zurückkehren und die Rückkehr des 
Kurfürsten abwarten! Diese Zumuthung konnte 
mich nur befremden, ruhig aber dringend wieder 
holte ich mein Gesuch — der Fürst beharrte au 
seiner Weigerung — da erklärte ich erregt, da 
mir alsdann nichts übrig bliebe, als die Um 
gebung des Kurfürsten zu vermehren. Diese 
dreiste Erklärung bewirkte, daß er aussprach, 
von meinem Eintritte in die preußische Armee 
keine Notiz nehmen zu wollen, aber bestimmt 
erwarte, mich als ihm treu ergeben bald wieder 
zu sehen." Auch dem in Schleswig sich auf 
haltenden Kurprinzen stellte Bardeleben sich vor, 
wurde von diesem gleichfalls ermahnt, treu zu 
bleiben und auszuhalten und suchte nun „an 
Geld ärmer, an Erfahrung reicher" eine Ueber- 
fahrt nach Königsberg. Am 24. Februar bestieg 
er zu Flensburg ein Schiff, auf dem er Sturm 
aushalten mußte, ließ sich mit feinen Gefährten 
ans Land setzen und erreichte Kopenhagen. Von 
hier konnte er nicht weiter kommen, da viele 
Wochen widriger Wind das Auslaufen der Schiffe 
hinderte, auch befiel ihn hier ein heftiges Ca- 
tarrhalfieber und schon fürchtete er, liegen bleiben 
zu müsfen, wenn ein günstiger Wind die Segel 
blähen würde. 
Endlich verkündete der Windrufer am Hafen 
das langersehnte Nord-West-West und tausend 
fältig regte sich jetzt Alles, was darauf gewartet 
hatte; es war am 25. April 1807, daß sich 
viele Hunderte von Schiffen, flatternden Riesen 
vögeln ähnlich, von dem Hafen aus in das 
Meer ausbreiteten, dem Binnenländer ein nie 
erblicktes herrliches Schauspiel. Im Hochgefühl 
neugewonnener Gesundheit und Kraft, in der 
stolzen Hoffnung, bald gegen den Unterdrücker 
feines Heimathlandes das Schwert ziehen zu 
können, sah unser Freund auf dem vor dem 
Winde fliehenden Schiffe der ersehnten Küste 
entgegen — eine wahre Lustfahrt war die Reife, 
sagt er. Schon am 27. April wurde vor Pillau 
Anker geworfen, am folgenden Tage Königsberg 
erreicht, das einem Kriegslager glich. „Es 
schien ein wüstes, zügelloses Leben eingerifsen 
zu sein, an welchem allerdings die preußischen 
Offiziere wenig Theil nahmen, vielmehr mit 
tiefer Trauer im Herzen das harte Schicksal 
ihres Vaterlandes und männlich gefaßt die An 
maßungen ihrer russischen Freunde ertrugen." 
So lautet der Bericht dieses Augenzeugen. 
In preußischen Dienst hatte er treten wollen, 
also auf Gehalt gerechnet; Gemüthsregungen 
gegenüber seinein entthronten Fürsten ließen ihn 
vergessen, daß der Volontair aus eigene Kosten 
Krieg führen müsse, und bereits in Kopenhagen 
sah er sich genöthigt der Lebensgenossin den 
Stand der Dinge darzulegen. Schleunigst setzte 
die tapfere junge Frau, welcher jetzt die Sorge 
für drei Kinder oblag, den Gatten in die Lage, 
feinen Heerzug zu unternehmen. 
Er stellte sich in dem Kriegsministerium ein. 
Der Minister, Eenerällieutenant von Rüchel,
        

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