Full text: Hessenland (4.1890)

346 
Schriftsprache darzuthün. Die Schriftsprache verglich 
er mit einem Baum, der früh aus dem Walde ver 
pflanzt, durch Gärtners Hand künstlich umgeschaffen 
wurde. Er wurde öfters beschnitten, um das Eben 
maß der äußeren Form herzustellen. Da wo das 
natürliche Wachsthum gewesen, werden wohl noch 
künstlich Reiser' verwandter Gattungen aufgepfropft. 
Die Mundart ist vergleichbar dem nicht von seinem 
Heimatljboden losgetrennten Waldbaum, der in seiner- 
natürlichen Entwickelung geblieben, eine Augenweide 
für Alle, welche für die reine Natur sich den Sinn 
bewahrt haben. Oft sieht man ein Kompromiß 
zwischen Mundart und Schriftsprache geschlossen, bei 
dem aber die Absichtlichkeit zu sehr hervortritt. Die 
Mundarten haben uns die Formenenlwickelungen am 
Natürlichsten erhallen. Sie zeigen uns eine zwang-- 
lose Frische des Stils und der Empfindung, wo die 
Schriftsprache oft zu viel Gekünsteltes hat. Der 
Stamm der Schriftsprache verdorrt, wenn man die 
Zweige der Mundarten abschneidet Die Gebildeten 
sollten die Dialekte nicht verachten, was nur die 
Kluft zwischen ihnen und den minder Gebildeten 
vergrößern würde. Sie sollten dem Volke sagen, 
welchen Schatz es in seinem Dialekte besitzt. Auch 
die Dialekte sollen sich gegenseitig dulden. Die 
Wissenschaft hält die echten Dialekte hoch, sie versenkt 
sich in das Weben des Sprachgeistes. Wo Dialekte 
gesprochen w rden, bietet sich ein reicher Schatz, der 
sich aus der Volksseele schöpfen läßt. Die Schrift 
sprache stellt ein hervorragendes Bindeglied zwischen 
den verschiedenen Stämmen dar Weiß der Dichter 
im Dialekt den rechten Ton zu trefft n, so haben 
seine Werke den hohen Vorzug der Ursprünglichkeit, 
Anmuth und des gutmüthigen, nirgends verletzenden 
Humors, es ist die Aussprache des gesunden Menschen 
verstandes. Die hochdeutsche Kunstpoesie wird nur 
da die höchste Stufe erreichen, wo sie — wie Herder 
sehr treffend sagt — auf den Volksgesaug zurückgeht, 
auf die Einfall und Unmittelbarkeit seiner Anschau 
ung. — Die Pflege der Mundarten und der damit 
zusammenhängenden Volkspoesie hat auch unsere Zeit 
schrift „Hessenland- sich zur Aufgabe gestellt, und 
werden wir für die Zukunft mehr noch, als dies bisher 
der Fall sein konnte, dieselbe zu fördern bestrebt sein. 
Am 10. Dezember feierte der Gymnasial-Ober- 
lehrer a. D. G. Th. Dithmar in Marburg 
seinen 80. Geburtstag in bewundernswerther körper 
licher Rüstigkeit und geistiger Frische. Weit über 
den Kreis seiner engeren Heimath hinaus ist der 
Name dieses trefflichen Lehrers, gemüthvollen Dichters 
und charakterfesten Mannes bekannt und geachtet. 
Geboren 1810 zu Homberg, wirkte er, nachdem er 
von 1828 bis 1832 zu Marburg studiert und die 
theologischen und philologischen Examina bestanden 
hatte, vom Herbst 1833 bis zum Herbste 1875 a^s 
Lehrer: zuerst als Rektor der Stadtschule zu Hom 
berg, dann als beauftragter Lehrer am Gymnasium 
zu Fulda, und schließlich, vom Mai 1837 an, als 
Gymnasiallehrer zu Marburg. Hier trat er am 
1. Oktober 1875 in den Ruhestand. Die „Ober 
hessische Ztg." brachte damals die Nachricht mit folgen 
den Worten der Anerkennung: „Herrn Gymnasial- 
Oberlehrer Pfarrer Dithmar ist die nachgesuchte Ver 
setzung in den Ruhestand ertheilt Nach 42 jähriger 
Amtsthätigkeit verläßt derselbe in voller geistiger 
Frische eine Stellung, die er in segensreicher Wirk 
samkeit geübt. Die hohe Achtung seiner Mitbürger 
und vor Allem die volle Liebe seiner früheren und 
jetzigen Schüler nimmt er mit in die wohlverdiente 
Ruhe des Privatlebens, von welcher Wissenschaft und 
Poesie noch manche Frucht erhoffen." — Unserer 
Zeit chrlft „Hessenland u war Gymnasial-Oberlehrer 
Dithmar von Anbeginn ihres Erscheinens an ein 
treuer Freund und Gönner. Viele höchst schätzens- 
werthe Beiträge verdankt ihm dieselbe. Wir erfüllen 
daher nur eine Dankespflicht, wenn auch wir ihm 
nachträglich unsere herzlichsten Glückwünsche dar 
bringen mit dem Zurufe: ad multos annos! 
A. Z. 
Universitätsnachrichten. Die Universität 
Marburg zählt in diesem Wintersemester 855 
immatrikulirte Studierende (gegen 774 im vorigen 
Wintersemester und 93u im letztvergangenen Sommer 
semester) und 75 Hörer, so daß die Gesanumzahl 
der Berechtigten 031 beträgt Von ersteren gehören 
der evangelisch-theologischen Fakultät 159, der 
juristischen 140, der medizinischen 242 und der 
philosophischen Fakultät 304 Studierende an. 591 
Studierende sind Preußen <291 aus der Provinz 
Hessen-Nassau), 134 aus den übrigen deutschen 
Bundesstaaten, 10 aus Oesterreich-Ungarn, 6 aus 
Großbritannien. 5 aus Rußland, 3 aus der Schweiz, 
1 aus Afrika, 3 aus Amerika und 2 Studierende 
sind aus Asien. 
— Das Haus des Privatdozenten Dr. Kohl vor 
dem Renthofe zu Marburg ist am 5. Dezember 
mit einer marmornen Gedenktafel für den 1885 da 
verstorbenen Geh. Bergrath Professor Dr. 
W. Dunker geschmückt worden. Schüler und Zu 
hörer des Letzteren, welche schon früher sein Oelbild 
der dortigen Universität übergeben ließen, haben das 
schöne Erinnerungszeichen anfertigen lassen. 
Hessische Sücherschau. 
Der hessische Willkomm, ein Prachtpokal von 
1571 im Schlosse zu Dessau. Beitrag zur 
Künste und Sittengeschichte des 16. Jahrhunderts 
von Or C Alhard von Drach, Professor 
an der Universität Marburg. Mit 1 Lichtdruck-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.