Full text: Hessenland (4.1890)

Der erste Brief vor» unserem Kinde. 
Gewirr von Strichen und von Klexen, 
Was and'res ist's für Fremde nicht, 
Für uns jedoch ist es gewißlich 
Ein süßes, rührendes Gedicht. 
Der erste Brief von unsrem Kinde, 
Der unentzifferbar erscheint! 
Wie deutlich steht da, was der Liebling 
Uns all' zu sagen hat vermeint. 
Die Liebe kann ja Zeichen deuten, 
Die Liebe ist ein Wunderhort, 
Die wirren Linien dieses Blattes 
Sind uns beredtes Liebeswort. 
Daß sie Papa verstehen würde, 
Drob war sie allen Zweifels bar, 
Es zeigt der Klex, der Finger Spuren, 
Wie's mit der Schrift so ernst ihr war. 
Dort — sieh — von Spielzeug ist die Rede, 
Hier — lauscht ein Schmeichelwort sich ein — 
„Papa soll bald nach Hause kommen, — 
Man will auch sehr gehorsam sein." 
Der dicke Strich! — wer kann d'ran zweifeln: 
Man zürnt, wie schwer das Schreiben ist, — 
Und dann — o bitte schließ die Augen — 
Fühlst Du Dich nicht zum Schluß geküßt? 
Drück's an Dein Herz das schmutz'ge Blättchen, 
War's nicht ein Flüstern, das Dich traf? 
Es ist die Lieb' im Menschenherzen 
Ja doch der treuste Phonograph. 
Ricardo Zordan. 
Aus aller und neuer Zeit. 
Karl Eg ge na. Vor fünfzig Jahren, am 18. 
Dezember 1840, starb zu Fulda der Regierungs 
Direktor Dr. Karl Michael Eggena eines plötz 
lichen Todes. Er war ein Staatsmann von hoher Be 
gabung, reichen Kenntnissen und seltener Arbeitskraft. 
Geboren am 19. August »789 als Sohn .eines 
wohlhabenden Kaufmanns in Kassel, zeigte er schon 
früh hervorragende Geistesanlagen; das Kasseler 
Lyceum Fridericianum zählte ihn zu seinen besten 
Schülern; in noch sehr jugendlichem Alter stehend, 
bezog er die Universität Marburg, um Rechtswissen 
schaft zu studieren. Hier galt er für einen der 
fleißigsten und thätigsten Studenten und in einem 
Alter vou 18 Jahren hatte er bereits sein akademisches 
Studium vollendet und die juristische Doktorwürde 
erworben. Nachdem er zur westfälischen Zeit sich 
auf Anrathen des Justizministers Simeon nach 
Frankreich begeben hatte, um sich in der französischen 
Sprache zu vervollkommnen und das öffentliche Ver 
fahr en der französischen Gerichtshöfe kennen zu lernen, 
widmete er sich, nach Kassel zurückgekehrt, 1811 der ! 
Advokatur und gab eine „Zeitschrift für neuere Rechts 
wissenschaft und Geschäftskunde" heraus. Vom 
Kurfürsten Wllhelm I. wurde er zum Archivar bei 
der Landesregierung ernannt. Die Zunftordnung 
vom 5. März 1816, die nach Aufhebung der west 
fälischen Gcwerbefreiheit in Hessen eingeführt wurde, 
war sein Werk. Nach dem Regierungantritte des 
Kurfürsten Wilhelm II. im Jahre 1821 konnte 
Eggena als Mitglied der Organisations-Kommission 
seine ausgebreiteten Kenntnisse und reichen Talente 
noch weit besser entwickeln, als dies bisher der Fall 
war. In seiner Eigenschaft als Generalsekretär des 
Ministeriums hatte er sich eine genaue Kenntniß des 
Landes erworben, und diese verstand er mit der ihm 
eigenen Geschicklichkeit in den damaligen politischen 
Kämpfen zur Erlangung der Verfassung zu ver 
werthen. Vorzugsweise seiner vermittelnden Thätigkeit 
ist das rasche Zustandekommen der Verfassung vom 
5. Januar 183! zuzuschreiben. Er wurde zum 
Regierungs-Kommissar bei dem ersten, aus ver 
fassungsmäßigen Wahlen hervorgegangenen kurhessischen 
Landtage ernannt. Zu dieser Stelle war er wie 
kein anderer in Kurhesien geeignet. Lebhaftigkeit der 
Darstellung, Unbefangenheit des Benehmens, große 
sprachliche Gewandtheit und innige Vertrautheit mit 
allen Gegenständen der Diskussion, auf welche man 
sich nicht immer vorbereiten kann, zeichneten ihn in 
jener besten Zeit seines Alters aus, wie ihm im 
„Neuen Nekrologe der Deutschen", Jahrgang !840, 
von seinem Biographen nachgerühmt wird. Eggena 
wurde zum Ministerialrathe befördert und zum Vor 
stande des Ministeriums des Innern ernannt, doch 
nur wenige Monate verblieb er auf diesem Posten, 
schon im Mai 1832 schied er aus dem Ministerium, 
An seine Stelle trat der Minister Hassenpflug. 
Eggena wurde für den nach Kassel berufenen Herrn 
von Hanstein zum Direktor der Regierung und landes 
herrlichen Bevollmächtigten beim Domkapitel in Fulda 
bestellt. Gegen Ende des ^Jahres 1832 wurde er 
von der Stadt Fulda zum Landtags-Abgeordneten 
gewählt. Nach . Auflösung auch dieser Ständever- 
.sammlung ward Eggena wiedergewählt, ihm aber von 
der Staatsregierung der Eintritt in dieselbe versagt. 
Im Jahre 1836 erschien er in Kassel als Unter 
händler in Angelegenheit der Rotenburger Quart, die 
damals als ein Gegenstand des Landesinteresses zu 
lebhaften Debatten in der Ständekammer führte. Er 
erhielt mit dem Prädikate eines Staatsrathes die 
Stellung als Vorstand der Landeskreditkasse. Doch 
lange blieb er nicht in derselben, er kehrte nach 
Fulda zurück, kaufte sich daselbst eins der von 
Buttlar'schen Häuser, in welchem jetzt sich der Bürger 
verein befindet, und richtete sich daselbst bequem ein. 
— In den letzten Jahren litt Eggena, der sich von 
Jugend an keiner dauerhaften Gesundheit erfreut hatte, 
an Melancholie. Er, der Protestant, suchte und fand 
in seinen Seelenschmerzen Trost und Erhebung bei
	        

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