Full text: Hessenland (4.1890)

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Jahren gedenken, das den Beweis liefert, mit 
welcher unverschämten Rücksichtslosigkeit die 
Franzosen damals in Deutschland aufzutreten 
wagten. Am 8. Juli 1791 erschin in der 
Bibliothek der Emigrant Maugerard, angeblich 
Bibliothekar des Kardinals de Montmorench 
und stellte an den Bibliothekar Petrus Böhm 
das Ansinnen, die drei ältesten Kodices, sowie 
den auf Pergament gedruckten ersten Theil des 
alten ■ Testaments *) zu kaufen. Er behauptete 
diese Werke zu kennen und bot dafür 600 Ludo- 
vicos aureos, parata pecunia, wie es in Böhm's 
„Nachrichten" heißt. Er entblödete sich dabei 
nicht, zu versichern, die Bibliothek werde diese 
*) Es ist hier wohl der erste Theil der berühmten, 
auf Pergament gedruckten 42 z eiligen Gutenbergs-Bibel 
gemeint, welche im Jahre 1723 der Magistrat der Stadt 
Fulda dem Fürstabte Konstantin von Buttlar zum Geschenke 
machte, und die heute noch einen Hauptschatz der Fuldaer 
Landes-Bibliothek bildet. 
Werke doch durch die Franzosen verlieren. Auch 
erklärte er sich bereit, den Katalog mit Auslassung 
jener Bücher anders abschreiben zu lassen. Mit 
Entrüstung wies Petrus Böhm diese impertinente 
Zumuthung zurück. Hiernach bewirthete der 
Franzose in glänzender Weise Professoren und 
andere Persönlichkeiten, von denen er annahm, 
daß dieselben den Bibliothekar zur Nachgiebigkeit 
bestimmen könnten. Vergeblich. Nun versuchte 
er den Superior seiner Absicht geneigt zu 
machen, und als auch das nicht fruchtete, schrieb 
er noch mehrmals an den Bibliothekar und kam 
endlich am 3. Oktober nochmals zu demselben, 
um ihm nebst der obigen Summe noch ein 
ansehnliches Geschenk anzubieten, er lernte aber 
in Petrus Böhm einen pflichttreuen, unbestech 
lichen deutschen Ehrenmann kennen, und un 
verrichteter Sache mußte er wieder abreisen. 
(Fortsetzung folgt.) 
[u$ dem Warburger Ktuöenlmleben vor hundert Fahren. 
Von Dtko Gerlsnö. 
(Schluß.) 
Die am Ende des vorigen Jahrhunderts 
herrschende Anschauung vom Weltbürgerthum, 
verbunden mit dem Gedanken von Freiheit und 
Gleichheit der Menschen, liegt auch den folgenden 
Blättern unserer Stammbücher zu Grunde: 
„Nur der Mann mit edler Seele 
Ist ein Engel auf der Welt, 
Er sei König oder zähle 
Sein erbettelt Kupfergeld." 
„Ein tugendhafter Mensch ist größer als ein 
König". 
«Nicht Erbrecht und Geburt, das Herz macht groß 
und klein, 
Ein Kaiser könnte Sklav', ein Sklave Kaiser sein. 
Und nur ein Ohngefähr giebt zu der Zeiten Schande 
Dein Nero Cäsars Thron, dem Epiktet die Bande". 
«1,68 gravds ns nou8 paraisssnt grands, 
que parceque nous sommes a genoux; levons 
nous“. Ja „resistance a Toppression“, „es 
lebe die Gleichheit." „Libertas inaestimabilis 
res est“, „aber es wird einem sauer gemacht, 
das bischen Leben und Freiheit." Und die 
Höherstehenden sind keineswegs immer „edel". 
„Muuera, crede mihi, placant hominesque deos- 
<ius, 
Placatur donis Jupiter ipse datis“ und 
„Nichts ist verwegener, stolzer, kühner 
Als kleiner Herren kleine Diener, 
Wenn man ihrer nöthig hat". 
„8ola virtus nobilitat.“ Ja. 
„Was wünscht man sich in jungen Tagen 
Ein Glück, das in die Augen fällt, 
Das Glück, ein Prächtig Amt zu tragen, 
Das keiner doch zu spät erhält. 
Man eilt vergnügt, es zu erreichen, 
Und seiner Freiheit ungetreu 
Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen 
Und desto ticfrer Sklaverei". 
Nein „lasset uns durch Thaten predigen, 
wenn wir berufen sind, eine große und männ 
liche Rolle zu spielen, Worte werden alsdann 
nicht nöthig sein". 
„Wer Gott vertraut, 
Brav um sich haut, 
Wird nimmermehr zu Schanden". 
„Es ist etwas angenehmes, wenn man mit 
Fingern auf ihn zeigen und sagen kann: siehe 
da, das ist er". Drum 
„lebe, wer mit Männerstolz 
Bescheiden um sich blickt. 
Es lebe, wer recht lebt und thut 
Und wer den deutschen Freiheilshut 
Recht tief ins Auge drückt". 
Damit sind wir trotz allem Weltbürgerthum 
auf das Gebiet der Liebe zum Vaterland 
gelangt:
	        

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