Full text: Hessenland (4.1890)

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gekommen, ohne ihr sein Interesse zu bezeigen, 
sei es, daß er ihr ein Geschenk von Büchern 
überreichte, sei es, daß er ihr einen anderen 
Vortheil zuwandte. So überließ er derselben 
auch als Zeichen seines Wohlgefalles seine aus 
78 Bänderi bestehende Handbibliothek. Sein 
Nachfolger auf dem fürstbischöflichen Stuhle, 
Adalbert III. von Harstall, versicherte zwar bei 
seinem Regierungsantritte den Bibliothekar 
Petrus Böhm, als ihm dieser über den Zustand 
der öffentlichen Bibliothek Bericht erstattete, 
seines Wohlwollens und versprach, der Anstalt 
seinen Schutz angedeihen zu lassen, bei diesem 
Versprechen 'verblieb es aber auch, von einer 
Wirkung merkte man so viel wie nichts. Dazu 
kam noch, daß sich in dem Benediktiner-Konvente 
mehrere hochgestellte Geistliche befanden, die 
Petrus Böhm in seinen „Nachrichten" geradezu 
als der Bibliothek feindlich gesinnt hinstellt. 
Darunter namentlich drei Superioren, Nachfolger 
des gelehrten Freundes und Förderers der 
Anstalt, Karl's von Piesport, der schon vor 
dem Tode des Fürstbischofs Heinrich von Bibra 
aus seiner Stellung als Superior geschieden war, 
um die Propstei Sannerz zu übernehmen. Böhm 
nennt zwar die Namen jener übelwollenden 
Superioren nicht, sie lassen sich aber unschwer 
errathen. Bei einem, der für einen geistvollen, 
den Wissenschaften zugänglichen und kenntniß- 
reichen Mann galt, s. Z. sogar Kanzler der 
Universität war und später, zu Anfang der 
hessischen Regierung in Fulda, als Generalvikar 
die höchste Stelle im Domkapitel einnahm, muß 
die Beschuldigung allerdings befremdlich klingen. 
Aus dem Jahre 1796 erzählt uns Petrus 
Böhm ein Ereigniß, das für die Bibliothek 
leicht hätte gefährlich werden können. Am 
5. September dieses Jahres kam der französische 
General Dumuy von der Jourdan'schen Armee, 
die wenige Tage zuvor bei Würzburg vom 
kaiserlichen General Werneck unter Erzherzog 
Karl geschlagen auf dem Rückzüge durch die 
Rhön und den Spessart begriffen war, nach 
Fulda. Er setzte, wie sich Böhm ausdrückt, 
sofort die Bibliothek in Requisition und ver 
langte die Seltenheiten aus derselben. Böhm 
benutzte rasch die ihm verbleibende Zeit, um 
die Bücher, so viel er konnte, zu verstellen, und 
die seltensten Manuskripte den herbeieilenden 
Geistlichen aus dem benachbarten Benediktiner- 
Kloster zu übergeben, um sie dortselbst zu ver 
bergen. Und als er wieder vor den General 
gerufen wurde, ließ er während seiner Abwesen 
heit durch seinen Neffen den Bibliotheksaal 
bewachen, damit kein Unberufener denselben 
betrete. Den Vorstellungen Böhm's gelang es, 
daß der äußerst aufgebrachte General seine 
Forderung ermäßigte und nur die fünf ältesten 
Manuskripte verlangte. Er gab dem Bibliothekar 
einen Offizier und zwei Gemeine mit, die 
Bücher abzuholen. Gleich darauf kam der 
Kabinetssekretär Schäfer, als Abgesander des 
Fürstbischofs, mit dem Befehle, dem Generale 
die verlangten Bücher ungesäumt zuzustellen, 
weil sonst die Stadt geplündert und der Fürst 
den gröbsten Mißhandlungen seitens der Fran 
zosen ausgesetzt werden könnte. 
Unterdessen hatten sich viele Bürger der Vorstadt 
„Hinterburg" in dem Bibliotheksgebäude ver 
sammelt, in der ausgesprochenen Absicht, eine 
etwa drohende Plünderung der Bibliothek mit 
Gewalt zu verhindern. Die ernste entschlossene 
Haltung der Bürger imponirte den drei Fran 
zosen, schüchtern begaben sie sich in den Biblio 
thekssaal, und als sie die bücherleeren Plätze 
sahen, meinte der Osfizier, „hier ist schon ohne 
Befehl geplündert worden". Auf Andrängen 
des anwesenden fürstlichen Kabinetssekretärs 
übergab Böhm den Franzosen zwei Manuskripte: 
eine lateinische Bibel aus dem XIII. Jahrhun 
dert, die der alte Obermarschall Freiherr von 
der Tann, und ein reichgeschrnücktes Processionale 
aus dem XIV. Jahrhundert, das der Fürst 
bischof selbst der Bibliothek geschenkt hatten, um 
diese Bücher dem Generale zu überbringen, 
und ließ sich darüber zu seiner Rechtfertigung 
von dem fürstlichen Kabinetssekretär einen 
Revers ausstellen. Schon am 8. Septem 
ber wurde Fulda durch den österreichischen 
Major Revay von Blankenstein - Husaren 
von den Franzosen gesäubert. Die Namen 
dieser beiden Offiziere, des französischen Gene 
rals Dumuy und des österreichischen Majors 
Revay von Blankenstein-Husaren finden sich in 
dem Fremdenbuche der Fuldaer Landesbibliothek 
unmittelbar unter einander eingetragen, der erste 
unter dem 5., der zweite unter dem 8. Sep 
tember 1796. Böhm sammelte nun die bei den 
Klostergeistlichen vor den Franzosen versteckten 
Bücher wieder ein, unterließ es aber nicht, durch 
den Vorgang mit dem Generale Dumuy gewarnt, 
die Seltenheiten der Bibliothek in verborgenen 
Schränken aufzubewahren und in jenen un 
ruhigen Zeiten die Bibliothek, so viel er konnte, 
bis zur Besitznahme des Fuldaer Landes durch 
den Geheimen Rath von Schenck für den Erb 
prinzen von Oranien im Jahre 1802, verschlossen 
zu halten. 
Mit der Regierung des Erbprinzen Wilhelm 
Friedrich von Oranien-Nassau über das Fuldaer 
Land brach wieder eine bessere Zeit für die 
öffentliche Bibliothek an. Doch ehe wir mit 
der Geschichte dieser Periode beginnen, wollen 
wir noch eines Vorkommnisses aus den neunziger
	        

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