Full text: Hessenland (4.1890)

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sich für den Gregorianischen Kalender, nicht so 
die evangelischen. Diese nebst Rußland verblieben 
bei dem Julianischen Kalender. 
In Deutschland kam auf dem Reichstage 
zu Augsburg 1582 die Kalender-Reform zur 
Sprache, ohne daß eine Einigung herbeigeführt 
werden konnte. Der Kaiser und die katholischen 
Stände nahmen 1583 den neuen Kalender an. 
Um Verwirrung zu vermeiden, pflegte man nun 
in öffentlichen Akten die Bezeichnung „alten" 
und „neuen Stils" einzufügen und bei Verhand 
lungen zwischen Katholiken und Protestanten 
das Datum nach beiden Stilen anzusetzen. — 
Eine abermalige Besprechung der Kalenderfrage 
zu Rothenburg führte ebensowenig eine Einigung 
herbei. Es konnte nun aber bei dieser Doppel- 
rechnung nicht fehlen, daß dieselbe, zumal an 
Orten, wo Katholiken und Protestanten neben 
einander wohnten, eine Menge Unzuträglichkciten, 
Streit und Verwirrung herbeiführte. So ent 
standen z. B. in Augsburg die unter dem Namen 
des „ K a l e n d e r st r e i t s " bekannten, mehrere 
Jahre währenden, nicht unbedeutenden Unruhen*). 
Als auf dem Reichstag 1582 die Kalenderreform 
zum Vortrage kam, zog der Kurfürst von Sachsen 
den wegen seiner astronomischen Kenntnisse be 
rühmten Landgrafen Wilhelm IV. von 
Hessen zu Rathe, erklärte sich, da dieser a b - 
rieth, entschieden dagegen, und theils aus Be 
sorgnis, dem Papste Konzessionen zu machen, 
theils weil der berühmte I. I. Scaliger nachwies, 
daß auch die neue Zeitrechnung nicht ganz fehler 
frei sei, folgten auch die übrigen evangelischen 
Stünde und Staaten in und außerhalb Deutsch 
lands dem Vorgänge August's von Sachsen und 
wiesen die Reform zurück. — So oft man nun 
aber auch, wie in Rothenburg, so nachher auf 
dem Reichstage von 1613, bei den Unterhand 
lungen wegen des westfälischen Friedens 1648, 
auf dem Reichstage von 1654 und später in die 
evangelischen Stände dringen mochte, des besseren 
Einverständnisses wegen den neuen Kalender an 
*) Wir folgen hier den Ausführungen Dr. Eduard 
Brinkmeiers in feinem trefflichen Werke „Praktisches 
Handbuch der historischen Chronologie aller Zeiten und 
Völker, besonders des Mittelalters". Berlin 1882. 
— 
zunehmen, wichen sie doch jedesmal ans, weil sie 
das wiederholte kaiserliche Ansuchen als eine 
Schmälerung ihrer Souveränetät ansahen. Als 
aber nach dem Ryswhker Frieden (1697) in der 
Pfalz, in Schwaben re. dieserhalb neue Unruhen 
auszubrechen suchten, beschlossen endlich die 
evangelischen Stände, besonders auf Leibnitz' 
Betrieb und unter Zuziehung des berühmten 
Jenaer Mathematikers Erhard Weigel, am 
23. September 1699, mit dem nächsten Jahr 
einen sog. verbesserten Kalender einzu 
führen, nach welchem, mit Weglassung von elf 
Tagen, statt des 19. Februar 1700 sogleich der 
I. März gezählt und das Osterfest so lange, bis 
die Fehler des Gregorianischen Kalenders ver 
bessert sein würden, nicht nach zyklischer Rech 
nung, sondern nach astronomischer angesetzt wer 
den sollte, und zwar nach Kepler's Rudolphi- 
nischen Tafeln. Aber auch damit waren die Wir 
ren noch nicht gänzlich beseitigt. Zwar hatten 
sich die Evangelischen durch die Weglassung von 
elf Tagen im Jahre 1700 den Katholiken inso 
weit genähert, daß sie das Jahr zugleich mit 
ihnen anfingen, allein die abweichende Art, wie 
bei beiden das Osterfest bestimmt wurde, brachte 
es doch noch zu Wege, daß dieses Fest mehrmals 
zu verschiedener Zeit gefeiert wurde. Der erste 
Fall dieser Art trat im Jahre 1724 ein, wo 
die astronomische Rechnung den Vollmond auf 
Sonnabend den 8., die zyklische Rechnung der 
Katholiken dagegen auf Sonntag den 9. April 
setzte, das Osterfest also für die Evangelischen 
auf den 9., für die Katholiken dagegen ans den 
16. April fiel. Ebenso im Jahre 1744, wo die 
Evangelischen das Osterfest am 29. März, die 
Katholiken, dasselbe aber am 5. April feierten. 
Nun würde eine dritte Abweichung in 1778, 
eine vierte 1798 stattgefunden haben, wenn nicht 
auf den Antrag Friedrichs des Großen 
das 6or^>u8 Lvnn^ölioorum am 13. Dezem 
ber 1775 beschlossen hätte, den nach der 
zyklischen Rechnung geordneten Ka 
lender unter dem Namen eines „verbesser 
ten Reichskalenders" anzunehmen, so daß 
erst von da an Katholiken und Pro 
testanten in Deutschland den gleichen 
Kalender haben. 
leschichte der Mlöaer UanöeS-Wbliolhek. 
Von F. Swenger. 
(Fortsetzung.) 
Am 25. September 1788 starb der Fürst 
bischof von Fulda Heinrich VIII. von Bibra, 
der Stifter der öffentlichen Bibliothek. Mit 
ihm war die gute Zeit, welche diese Anstalt seit 
ihrer Eröffnung am 5. Mai 1778 erlebt hatte, 
auf eine längere Reihe von Jahren dahin. 
Fürstbischof Heinrich von Bibra hatte die 
Bibliothek häufiger besucht, und niemals war er
	        

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