Full text: Hessenland (4.1890)

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versamtnlung, ein angemessenes Heun zu erbauen, 
machten alle drei Stadttheile der Residenz Kassel 
Ansprüche darauf, das neue Ständehaus in ihrer 
Mitte zu haben und petitionirtcn dieserhalb bei dem 
Ministerium sowie direkt bei dem' damaligen Kur- 
prinzett-Mitregenten, dem nachmaligen letzten Kur 
fürsten Friedrich Wilhelm I. Auf ein Gesuch von 
Bürgern der Unterneustadt erfloß damals folgendes 
landesherrliche Reskript, ck ä.Kassel den 6.August 1833 : 
«Ich habe bereits der Stände-Versammlung 
ganz überlassen, wo sie das Ständehaus zu haben 
wünscht, entweder in der Ober-Neustadt, Altstadt 
oder Unter-Neustadt, da Mir jeder Theil der Stadt 
Kasiel gleich lieb und werth ist, indem ich überall 
treus Unterthanen besitze Die Bittsteller haben 
sich demnach an die Ständeversammlung zu wenden, 
wenn dieselben das Ständehaus in ihrem Stadt- 
theile gebaut zu sehen wünschen. 
Friedrich Wilhelm 
Kurprinz und Mitregcnt. 
Aus Heinmch und Fremde. 
In der am 24. November abgehaltenen Monats 
versammlung des hessischen Geschichts 
vereins hielt Herr Professor A. von Drach aus 
Marburg einen Vortrag, welcher „Mittheilungen 
aus dem Briefwechsel des Landgrafen Wil 
helm VIII. von Hessen und dem Baron 
Haeckel betr. Gemäldeerlverbungen für 
die Kasseler Gemäldegallerie - zum Gegen 
stand hatte. Ueber diesen sehr interessanten, von der 
zahlreichen Zuhörerschaft mit großem Beifall aufge 
nommenen Vortrag wird in nächster Nummer aus 
führlicher Bericht erfolgen. 
Die Sitzung war von dem Vorsitzenden, Herrn 
Major von Stamford mit geschäftlichen Mit 
theilungen und dem den städtischen Behörden aus 
gesprochenen Dank für die würdige auf Anregung des 
Vereins erfolgte Herstellung des den im Jahre 1809 
hier zum Opfer gefallenen hessischen Patrioten auf 
dem Forste errichteten Denksteins eröffnet worden. 
Der neue, aus rothem Granit errichtete Denkstein, 
welcher die Namen und den Todestag der hier ge 
opferten sechs hessischen Patrioten angiebt, ist mit einem 
die Steinumfassung umgebenden eisernen Gitter versehen 
und befindet sich vor der im Jahre 1814 von Kasseler 
Bürgern der Unterneustadt zur Erinnerung an die hier 
Geopferten gepflanzten Eiche. Der Herr Vorsitzende theilte 
dann noch mit, daß der Verein bemüht sein werde, zu 
bewirken, daß auch auf dem in der Karlsaue errichteten 
Denkmal die Namen der überhaupt während der 
Fremdherrschaft zum Opfer gefallenen hessischen Pa 
trioten angebracht würden. W. 
Die diesjährige Hauptversammlung des 
historischen Vereins für das Großherzog 
thum Hessen fand am 6. November in Offen 
bach statt. Der Pereinssekretär Freiherr Schenk zu 
Schweinsberg eröffnete die Versammlung in Ver 
tretung des erkrankten Präsidenten Dr. Nieger. Wir 
entnehmen dem Rechenschaftsberichte des vergangenen 
Jahres, daß die Mitgliederzahl auf 379 gewachsen 
ist. . Einen schweren Verlust erlitt der Verein durch 
den Tod von Ernst Wörner (S. „Hessenland-, Jahrg. 
1890, Nr. 19). Sein Andenken zu ehren, erhob 
sich die Versammlung von den Sitzen. — Ein bal 
diges Erscheinen des Archivbandes mit zahlreichen 
Abbildungen und Takeln, sowie der archäologischen 
Karte von Hessen wurde durch den Vereinssekretär 
in Aussicht gestellt. Die von E. Wörner heraus 
gegebenen „Quartalblätter- erscheinen weiter unter 
der Redaktion von Dr. Nick. — Die Reihe der Vor 
träge eröffnete Archivdirektor Dr. Gustav Freiherr 
Schenk zu Schweinsberg mit interessanten Mit 
theilungen über die ältesten kirchlichen Verhältnisse 
von Offenbach. Hiernach hielt Dr. Schädel seinen 
angekündigten Vortrag über Briefe und Akten zur 
Gefangennahme und Haft Philippus des Großmüthigen. 
An der Hand der bisher nur in sehr ungenügender 
Weise benutzten Briefe und Urkunden jener Zeit gab 
der Redner ein anschauliches Bild der Verhältniffe, 
die zu jener verhängnißvollen Haft des Landgrafen 
führten. Die Fabel von der hinterlistigen Ver 
tauschung der Worte „einige Gefangenschaft- und 
„ewige Gefangenschaft- kommt zuerst in Rabelais' 
„Gargantua“ vor und hat sich wie ein breiter Strom 
bis in die Literatur unserer Zeit ergossen. Eingehende 
Behandlung an der Hand der Quellen erfuhren alle 
Umstände der grausamen Gefangennehmung des Fürsten, 
die Absichten Karl's V., sowie die Ereignisse, die endlich 
die Befreiung Philipp's herbeiführten. Der mit un- 
getheiltem Beifalle aufgenommene Vortrag wird nächstens 
im Drucke erscheinen. z>. I. 
General Castelnau f. Die Nachricht durch 
läuft die Zeitungen, daß General Castelnau 
am 30. Oktober in Paris gestorben ist. Sein 
Name steht in den historischen Annalen von 
Wilhelms höhe! Er war im Gefolge Napoleons 111. 
als Kriegsgefangener dort und erregte durch sein 
stattliches Aeußere allgemeines Aufsehen. „ Sein 
schöner geistvoller Kopf ist auch auf den Bildern 
aus jener Zeit immer zu erkennen. Besonders 
merkwürdig ist er auch geworden durch eine geheime 
Zusammenkunft mit dem Fürsten Bismarck, welche 
im März 1871 in Berlin stattfand. Castelnau 
logirte im Hotel Royal in der Wilhelmsstraße und 
hatte sich als „Kaufmann Courtier- in die 
Fremdenliste eingetragen. Napoleon sendete ihn 
nach Berlin um den Degen zurückzuholen, der bei 
Sedan ihm abgefordert worden war. Auch sollte
	        

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