Full text: Hessenland (4.1890)

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Im Frühling meines Lebens 
Hatt' ich manch' lieben Freund, 
Jetzt such' ich ihn vergebens, 
Der mir so treu vereint. 
Ich denk' bei jedem Blatte — 
Vom Sturm hinweggefegt — 
Der Freunde, die ich hatte, 
Die man ins Grab gelegt. 
Sei ihnen Ruh' beschieden 
Nach gutgeführtem Streit 
Und ihrer Brust der Frieden, 
Den nur das Grab uns beut. 
Und die des Schicksals Wogen 
Von Haus und Hof gehetzt — 
Die in die Ferne zogen — 
Auch ihrer denk' ich jetzt. 
In fernen fremden Landen 
Sei ihnen das gewährt, 
Was sie bei uns nicht fanden 
Am heimathlichen Herd. 
Doch sollen sie nicht schelten 
Das Land, das sie gebar, — 
Soll denn das Land entgelten, 
Was Schicksalswalten war? 
Du kleines Lied erklinge 
Durch Sturm und Wogenbraus, 
Den Freunden Grüße bringe, 
Vom deutschen Land und Haus! 
Marburg im November. Kermann Kaase. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Das in unserer heutigen Nummer veröffentlichte 
Gedicht „Die Grabstätte deshl. Bonifatius« 
giebt uns willkommenen Anlaß, auf einen etwa vor 
Jahresfrist in der Monatsschrift „Frauenberufe er 
schienenen Aufsatz „(5m Frauenbild aus germanischer 
Vorzeit* von derselben Verfasserin aufmerksam zu 
machen. Unsere hochgeschätzte Mitarbeiterin, Fräulein 
Josephine Grau, entwirft darin in vortrefflicher 
Weise ein Lebensbild der hl. Lioba (Leobgytha), der 
Aebtissin von Bischofsheim an der Tauber, einer 
nahen Anverwandten des hl. Bonifatius, welche diesem 
getreulich in seinem erhabenen Missionsberufe zur 
Seite stand und auf seinen Wunsch gleichfalls ihre 
Grabstätte in der Stiftskirche zu Fulda fand. Später, 
im Jahre 837 ließ der Abt Rhabanus Maurus ihre 
Gebeine in der Kirche des Petersberges beisetzen, 
wahrscheinlich um den Frauen, welchen der Besuch 
der Klosterkirche in Fulda versagt war, den Zutritt 
zu der Begräbnißstätte dieser hochverehrten Heiligen 
zu ermöglichen. Das Kloster Bischofsheim an der 
Tauber wurde unter ihrer Leitung die Pflanz 
schule weiblicher Bildung in Deutschland. 
Wir werden auf den Aufsatz des Fräuleins Josephine 
Grau bei anderer Gelegenheit zurückkommen. 
Hans B r o s a m e r. Vor vierhundert Jahren 
wurde zu Fulda ein Künstler geboren, auf den seine 
Vaterstadt stolz sein kann, Hans Brosamer, ein 
ebenso ausgezeichneter Kupferstecher und Formschneider, 
wie vortrefflicher Maler. In den älteren Handbüchern 
der Kunstgeschichte findet man seinen Namen nur 
selten erwähnt, erst dem Wiener Kunsthistoriker Adam 
Bartsch war es vorbehalten, in seinem größeren Werke 
„le peintre-graveur* (Wien 1802 — 1821) die her 
vorragenden Leistungen dieses Künstlers nach Gebühr 
zu würdigen, ihm folgte in gleicher Weise der Frank 
furter Kunstschriftsteller Johann David Passavant —. 
Als Maler war Brosamer hauptsächlich Portraitist. 
Es existiren von ihm Brustbilder des Fuldaischen 
Kanzlers Dr. Johann von Otthera vom Jahre 1536 
und des Bürgermeisters Hans Leitgeb, ersteres mit 
der vollen Namensschrift des Künstlers, letzteres mit 
dem Monogramm 8. B. versehen. Beide Bilder be 
finden sich in dem Besitze des Dr. G. Meyer in 
Wien. Auch religiöse Gemälde soll Hans Brosamer 
angefertigt haben und von seinen trefflichen Kupfer 
stichen und Holzschnitten mag sich noch eine größere 
Anzahl in verschiedenen Kunstinstituten, sowie im 
Privatbesitze vorfinden. Wie O. Eisenmann in der 
„Allgemeinen Deutschen Biographie*, Bd. 3, S. 363 
berichtet, hatte zu Anfang der siebziger Jahre ein 
Antiquar zu München das Glück, in einem kostbaren 
Sammelbande mit Mustern für Goldschmuck rc. 20 
vorzügliche bisher unbekannte Qartblätter von ihm, 
auf beiden Seiten mit kräftigen Holzschnitten in 
Konturmanier bedruckt zu finden, die später in den 
Besitz eines französischen Sammlers übergegangen 
sind. — Ueber Hans Brosamer's Leben ist nur sehr- 
wenig bekannt. Sicher^ ist, daß er eine Reihe von 
Jahren jn Erfurt zubrachte, wie denn auch ein Holz 
schnitt von ihm mit dem Bildnisse des Landgrafen 
Philipp von Hessen die Unterschrift „Hans Brosamer, 
Formschneider zu Erffordt* trügt. Dort ist er auch 
um das Jahr 1554 gestorben. — Sind wir recht 
unterrichtet, so beschäftigt sich der als Kunstkenner 
und Kunstschriftsteller rühmlichst bekannte Professor 
der Mathematik Dr. C. Alhard von Drach in Mar 
burg eifrigst mit Studien über Hans Brosamer. 
Hoffen wir, daß es ihm bald gelingt, dieselben zum 
Abschlüsse zu bringen. Ihre Veröffentlichung wird 
gewiß allgemein freudigst begrüßt werden. A. Z. 
r. Zur Geschichte d er Erbauung des 
Stündet)auses in Kassel. Als es sich zu 
Anfang der 1830 er Jahre darum handelte, der 
Vertretung der Kurhessischen Lande, der Stände-
	        

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