Full text: Hessenland (4.1890)

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Doch auch der reinste Idealismus tritt zu Tage: 
„Was den Erdenrund bewohnet 
Huldige der Harmonie, 
Ueber Sterne leitet sie, 
Wo der Unbekannte thronet". 
Und auch das Weltbürgerthum erscheint auf 
der Bildfläche: „Mir gilt es gleich, wo mich 
mein Schicksal findet und welcher Stein meine 
Gebeine" (noch anderer Lesart „mein Grab") 
bedeckt, „nützlich sein, ist die wahre Ehre des 
Weltbürgers, nützlich gewesen zu sein, ist der 
größte Ruhm, den man nachlassen kann". 
Damit sind wir dann schon mitten in der 
damaligen politischen Anschauungen. 
(Schluß fol.,t.) 
»eorg Wilhelm von Wetzell. 
Nekrolog von F. Swenger. 
Am 22. Oktober starb zu Rostock der frühere 
großherzoglich mecklenburgische Minister des 
Innern, Geheim-Roth Dr. Georg Wilhelm 
von Wetzell, nachdem er noch wenige Monate 
zuvor, in der Pfingstwoche d. I., zu Marburg 
sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum gefeiert hatte. 
Geborener Kurhesse, zählt er in unserem engeren 
Vaterlande eine große Anzahl von Freunden, 
Bekannten und dankbaren Schülern, die stets 
sein Andenken hoch halten werden. Er war in den 
vierziger Jahren einer der beliebtesten Professoren 
in Marburg, der treu zu seinen Studenten hielt, 
an ihren Vergnügungen theilnahm, den Kom 
mersen ebenso wie ihren Bällen beiwohnte und 
ihre geistigen Bestrebungen förderte, wo er nur 
konnte. Er war ein milder, humaner Mann, 
der mit großer Gelehrsamkeit einen trefflichen 
Vortrag verband und in seinen Vorlesungen selbst 
die trockensten Rechtsmaterien interessant und 
anziehend zu gestalten wußte. 
Georg Wilhelm Wetzell wurde am 23. Februar 
1815 zu Hofgeismar als Sohn des Rektors an 
der dortigen Stadtschule, Georg Wetzell, geboren. 
Den ersten Unterricht erhielt er von seinem 
Vater, besuchte sodann das Lyceum Frideri- 
cianum zu Kassel, das er im Herbste 1833 ab- 
solvirte. Hiernach bezog er die Universität Mar 
burg, um Theologie zu studieren; bald ging er 
aber zum Studium der Rechtswissenschaft über; 
hier waren die Vorlesungen Puchta's von be 
deutungsvollem Einfluß auf seine wissenschaft 
liche Richtung. Im Frühjahr 1838 bestand er 
das examen rigorosum in der juristischen Fa 
kultät. Ein Stipendium, welches er erhielt, er 
möglichte es ihm, seinem Lehrer Puchta nach 
Berlin zu folgen und dort seine Studien fort 
zusetzen. Hier waren Stahl und Savigny seine 
Lehrer und Vorbilder. Er studierte sodann noch 
in München, wo im Verkehr mit Schelling, 
Schubert, Schnorr von Carolsfeld, Olivier, Roth 
und anderen auch sein Interesse für Kunst geweckt 
wurde. Da seine pekuniären Verhältnisse nach 
dem Tode seines Vaters äußerst bescheiden ge 
worden waren, so gehörte eine strenge Selbstzucht 
und Energie dazu, um in der ehrenhaftesten 
Weise sein Ziel als akademischer Lehrer zu er 
reichen. Als einmal sein kleiner Wechsel nicht 
rechtzeitig angekommen war, aß er zu Mittag 
ein Zweikreuzer-Brödchen und setzte sich damit 
in die Sonne. Gefragt, wo er gespeist habe, 
antwortete er: „In der Sonne". So berichtet 
sein Biograph in dem „Mecklenburger", dessen 
Artikel wir in unserem Nekrologe vielfach benutzt 
haben. 
Im Sommersemester erlangte Wetzell zu Mar 
burg die juristische Doktorwürde und habilitirte 
sich daselbst als Privatdozent. Im Jahre 1844 
wurde er zum außerordentlichen und 1845 znm 
ordentlichen Professor ernannt. Seine Vor 
lesungen erstreckten sich auf Institutionen, Pan 
dekten, Zivilprozeß und Prozeß-Praktikum. 1845 
erschien von ihm die Schrift „Der Römische 
Vindikations-Prozeß" und 1850 „Disputatio de' 
quaestione, adversus quem in integrum resti 
tutio imploranda sit.“ Irren wir nicht, so war 
Professor Dr. Wetzell von 1849/50 Prorektor 
der Universität Marburg. Als Kurhessen sich 
im Jahre 1850 am sog. Unionsparlamente in 
Gotha betheiligte, wurde ihm die Stelle' als 
kurhessischer Bevollmächtigter bei demselben über 
tragen; man würde aber fehl gehen, wenn man 
daraus schließen wollte, Wetzell habe seiner poli 
tischen Richtung nach zu den sog. Gothanern gehört. 
Das war durchaus nicht der Fall, er war viel 
mehr in politischer wie in kirchlicher Beziehung 
streng konservativ gesinnt, ein Anhänger 
der Stahl'schen Richtung, ohne jedoch Partei 
fanatiker zu sein. Im persönlichen Umgänge 
zeichnete er sich' durch freundliches und liebens 
würdiges Entgegenkommen gegen Jedermann aus. 
Diese Eigenschaft, sowie sein streng rechtlicher 
Charakter sicherten ihm die Hochachtung aller, die 
ihn kennen zu lernen Gelegenheit hatten. In Mar 
burg war er ein großer Liebhaber der Reitkunst.
	        

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